Nichts los? – Komm, wir machen einen Liveticker!

„Nichts verpassen – mit dem Liveticker!“
Stimmt. Liveticker sind vor allem im Sport ungemein praktisch. Man kann das Ereignis nicht im Fernsehen verfolgen und fühlt sich trotzdem wie live dabei. Guten Liveticker-Autoren gelingt es sogar, die Qualität einer guten Rundfunkreportage zu erzielen. Und verbunden mit den vielen Ausspielmöglichkeiten über Smartphones kann man solche Ticker fast immer und überall nutzen.

Das hat den Liveticker in der jüngsten Zeit zum Renner bei Lesern, Verlagen und Sendern gemacht. Die Angebote muten noch aktueller an, das Image, „überall immer dabei“ zu sein, wird gesteigert.

Worüber berichten – und wie?

Fußball – klar. Überhaupt, Wettbewerbe eignen sich prächtig. Wichtige Entwicklungen im Zeitgeschehen – auch Katastrophenberichterstattung – können von einem Liveticker präzise abgebildet werden. Hier steckt die klassische Reportage einfach nur in einer neuen Verpackung. Schwieriger wird es mit dem journalistischen Anspruch, wenn das Ereignis nicht „schnelldrehend“ ist. Zweifel keimen auch auf, wenn der Nachrichtenwert an sich strittig ist. Oder wenn der Liveticker in Wirklichkeit gar keiner ist. Ein kritischer Blick in den Liveticker von SPON am 27. September 2012 – dem Tag, an dem Spiegel Online live im Ticker das neue Buch von J.K. Rowling rezensiert:

Das Drama nimmt seinen Lauf um Punkt 9 Uhr und endet um 17.05 Uhr. Nach sechs Minuten schon geschieht schier unfassbares:

[9.06 Uhr] …Punkt neun sollte das Buch bei SPIEGEL ONLINE eintreffen. Noch ist nichts da.

Im Radio würden wir jetzt vermutlich noch eine Musik spielen. Der Liveticker sucht nach anderen Wegen, die Zeit zu überbrücken:

[9.14 Uhr] Bereits im Vorfeld hatte Joanne K. Rowling angekündigt, „Ein plötzlicher Todesfall“ werde kein Kinderbuch. Die Londoner Tageszeitung „Guardian“ veröffentlicht erste Plotdetails: Es geht um Drogen, schmutzigen ersten Sex und, noch härter: Das Mitsingen von Rihanna-Hits.

Nach acht Minuten also eine alte Information, die auch um 9.13 Uhr oder 9.15 Uhr mit einem Liveticker nichts zu tun gehabt hätte. Die Uhr tickt weiter und dann passiert’s:

[9.48 Uhr] …Rekordverdächtige 48 Minuten dauerte es, und schon ist SPIEGEL ONLINE nicht nur im Besitz eines E-Books von „Ein plötzlicher Todesfall“, sondern hat zudem ein paar frischgedruckte Exemplare vorliegen. Es kann losgehen! Wir entschuldigen uns bei all unseren Leserinnen und Lesern für diese, einem Onlinemedium so gar nicht zu Gesicht stehende Hektik und versprechen: Das nächste Mal lassen wir es ruhiger angehen.

Selbsterkenntnis ist der erste Weg. Kommt denn jetzt Substanz in den Liveticker, wo zumindest endlich der Gegenstand der Berichterstattung die heiligen Hallen der Redaktion erreicht hat? Nach acht Minuten sind 13 Seiten durchgearbeitet und wir erfahren brandaktuell:

[9.56 Uhr] …Auf Seite 13 spielt Rowling erstmals die Sex-Karte aus: „Samanthas Morgenmantel stand offen und gab den Blick frei auf ihre großen Brüste.“

Potzblitz! Was kommt noch auf uns zu??? Acht Minuten später und fünf Buchseiten weiter eine Anhäufung von Kraftausdrücken, die sofort im Liveticker gemeldet werden muss:

[10.04 Uhr] …“Ach du meine Fresse“, noch harmlos, zugegeben. Dann aber: „Pickelfresse“, „Scheißer“ und das böse W-Wort, das wir hier selbstverständlich nicht zitieren.

Danke, SPON. Wurde denn auch schon eine Handung entdeckt? Der Liveticker macht nach acht Minuten wieder Meldung:

[10.12 Uhr] Auf Seite 21 führt Joanne K. Rowling weitere Figuren des Buchs ein. Wir lernen Shirley Mollison kennen, die in Evertree Crescent wohnt, einer „halbrunden Bungalowanlage“ aus den Dreißigern – wie beschaulich.

Handlung also noch nicht. Aber ein neuer Name. Gut zu wissen. In mehreren Meldungen werden nun weitere Charaktere vorgestellt und nach gerade mal zwei Stunden Ticker ist es soweit. Es ist tatsächlich von Handlung die Rede:

[11.00 Uhr] „Scheißkerl“ oder „bester Freund“ – was ist von Fairbrother eigentlich zu halten? Krystal, so erfahren wir auf Seite 53, hat in der Schule nur hysterisch gekichert. Sie trauert um Fairweather. Shirley Mollison veröffentlicht einen scheinheiligen Online-Nachruf auf der Seite des Gemeinderats, dem Fairbrother angehörte. Ihr Mann Howard, der mit Vornamen seltsamer Weise fast wie das berühmte Internat heißt, ist Vorsitzender des Gemeindegremiums. Auch er verachtete den Toten. Auf Seite 59 wird die üble Nachrede noch gesteigert: Fairbrother habe sich schmieren lassen. Damit endet die Exposition des Buchs. Es folgt das zweite Kapitel „Alte Zeiten“.

Hui! Das erste Kapitel ist schon durch. Sollten wir nicht dringend irgendwie dokumentieren, dass dieser Liveticker ein wahnsinnig wichtiges Thema betreut? Ja. Deshalb zwischendurch ein Hinweis auf andere Berichterstatter. SPON ist nicht allein auf der heißesten Spur des Tages:

[11.38 Uhr] Wie die Nachrichtenagentur dapd meldet, hofft der Carlsen Verlag auf einen zusätzlichen Umsatz von zehn Millionen Euro durch den Verkauf des neuen Romans von Joanne K. Rowling. „Ohne das Buch gehen wir im laufenden Jahr von einem Umsatz von gut 50 Millionen Euro aus“, sagte Geschäftsführer Joachim Kaufmann laut einer am Donnerstag veröffentlichten Vorabmeldung der „Wirtschaftswoche“. „Was da noch hinzukommt, ist der Rowling-Effekt: Das könnten durchaus zehn Millionen Euro oder mehr sein.“

Geschickter Schachzug: Eine große deutsche Nachrichtenagentur und die hoch angesehen Wirtschaftswoche haben sich des Themas auch angenommen. Medienselbstbefruchtung. Inhaltliches aus dem Buch gibt es zu diesem Zeitpunkt übrigens nicht.

Ich will sie hier jetzt nicht langweilen und verzichte auf weitere Auszüge aus dem Liveticker. Der ging in diesem Stil mit vielen Zitaten aus anderen Medien und einigen Schnipseln aus dem rezensierten Buch noch stundenlang weiter. Es wurde noch auf das Hörbuch und dessen Erscheinungstermin verwiesen, der aktuelle Platz in der Verkaufsliste von Amazon vermeldet – schließlich haben die SPON-Redakteure dann die letzte Seite des neuen Buches erreicht und berichten bedeutungsschwanger:

[16:33 Uhr] Das Ende wollen wir nicht verraten, wohl aber den letzten Satz. Sodann: „Die Familie musste Terri Weedon förmlich über den königsblauen Teppich aus der Kirche tragen, und die Gemeinde wandte den Blick ab.“

Nach sieben Stunden und 33 Minuten Liveticker wissen wir das nun auch. Fehlt da nicht noch was? Eine Bewertung oder sowas? Diese trifft bereits 32 Minuten später ein und schließt den Liveticker:

[17.05 Uhr] …Vergleicht man abschließend Vorabrummel und literarische Qualität, bleibt nur das Resümee: „Ein plötzlicher Todesfall“ ist der größte literarische Hype dieses Herbstes, auf keinen Fall aber ein wichtiges Buch.

Preisfrage: Was hätte der Leser verpasst, wäre er nicht dem Liveticker gefolgt sondern hätte nur den letzten Eintrag gelesen?

Die Nutzer von SPON haben in ihren Kommentaren klare Antworten darauf gegeben:

„Ein Liveticker wegen einem Roman? Europa bricht auseinander und Onlinemedien schalten Liveticker wegen neuer Handies oder Romane. Wer setzt hier die Prioritäten?“

„Meiner Meinung nach ist dies völliger Hirnriss, entweder ich lese eine Zusammmenfassung eines Buches und im Nachgang das Buch selbst, aber doch nicht sowas.“

„Ich möchte das Buch nicht lesen. Daher ist der Liveticker optimal :)“

Einen Tag später übrigens erscheint auf SPON ein neuer Artikel zum neuen Buch der Autorin. Er trägt die Überschrift: „Fünf Gründe, warum Sie Rowlings Buch nicht lesen müssen“.

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Über udostiehl

Redakteur und Sprecher