Eine Linie macht Sprach-Karriere

Ist Ihnen das auch schon aufgefallen? Auf der ganzen Welt tauchen plötzlich „rote Linien“ auf. Zumindest in der Sprachwelt. Diese „roten Linien“ sind – je nach Zusammenhang – schon überschritten, wurden frisch gezogen oder müssen dringend eingeführt werden. Und ein Überschreiten dieser „roten Linie“ kann Konsequenzen haben: Sie reichen von der Strafanzeige

(Berliner Morgenpost, 15.10.12) Innensenator Frank Henkel (CDU) kündigte an, alles dafür zu tun, um die Täter zu fassen und so lange wie möglich wegzusperren. «Hier ist eine rote Linie weit überschritten, wenn ein Mensch in unserer Stadt solch unfassbarer Gewalt ausgesetzt ist.»

bis hin zur Weltkrise:

(Die Welt, 27.09.12) Premier Netanjahu forderte eine „rote Linie“ gegenüber dem Atomprogramm des Iran. „Rote Linien führen nicht zu Krieg“, sagte Netanjahu. „Rote Linien verhindern Krieg.“

Wo kommt diese „rote Linie“ eigentlich her?
Im Duden findet sich lediglich ein Überblick über die Bedeutungen von „Linie“:

    1. längerer, gerader oder gekrümmter (gezeichneter o. ä.) Strich
    2. (Mathematik) zusammenhängendes, eindimensionales geometrisches Gebilde ohne Querausdehnung
    3. (Sport) Markierungslinie, Begrenzungslinie
    4. (Seewesen) Kurzform für: Wasserlinie
  1. Umriss[linie], Kontur
    1. gedachte, angenommene Linie, die etwas verbindet
    2. (Seemannssprache) Äquator
    3. (Schach) einer der acht senkrechten, ein Feld breiten Abschnitte des Schachbretts
  2. Reihe
    1. (Militär) Front, Kampfgebiet mit den Stellungen der Truppen
    2. (Militär) in gleichmäßigen Abständen nebeneinander aufgestellte Truppen
    1. von [öffentlichen] Verkehrsmitteln regelmäßig befahrene, beflogene Verkehrsstrecke zwischen bestimmten Orten, Punkten
    2. Verkehrsmittel, Fahrzeug[e] einer bestimmten Linie
  3. Folge von Nachkommen
  4. allgemeine Richtung, die bei einem Vorhaben, Verhalten o. Ä. eingeschlagen, befolgt wird
  5. in »auf der ganzen/auf ganzer Linie« und anderen Wendungen, Redensarten oder Sprichwörtern

Interessant dabei ist, dass kein Punkt das beschreibt, was in den oben genannten Zitaten mit der „roten Linie“ gemeint war – nämlich Grenze. Nun liegt der Verdacht nahe, dass die „rote Linie“ möglicherweise ein weiterer Exportschlager aus dem Englischen sein könnte. Und siehe da: Treffer! In den Oxford Dictionaries ist „redline“ verzeichnet.

Definition of redline
verb
[with object]

  • 1 drive with (a car engine) at or above its rated maximum revolutions per minute: both his engines were redlined now
  • 2 refuse (a loan or insurance) to someone because they live in an area deemed to be a poor financial risk: banks have redlined loans to buyers
  • cancel (a project): this is not the time for the district to redline capital projects

noun

  • 1 the maximum number of revolutions per minute for a car engine: just over halfway to its 5200 rpm redline
2a boundary or limit which should not be crossed.
Ein Anglizismus also, der eine steile Karriere bei uns macht. Mit der „roten Linie“ ist übrigens weitaus mehr möglich, als sie nur zu ziehen oder zu überschreiten. Sie ist z.B. verschiebbar, lernen wir vom CDU-Politiker Wolfgang Bosbach im Gespräch mit dem Deutschlandfunk:

„Bisher haben wir deshalb nie rote Linien überschritten, weil immer dann, wenn die rote Linie erreicht war, sie weiter verschoben wurde“

Und man kann auch drüber springen – das soll – einem Kommentar bei wallstreet-online.de  zufolge – an der Börse gelegentlich zu beobachten sein.

Der Slow STO hat die rote Linie übersprungen und ist nun im grünen Bereich.

Ist die „rote Linie“ ausgeblichen, dann verdeutlichen Sie sie wieder. Dies tat Israels Premierminister Netanjahu in einer Rede in der UNO-Vollversammlung – und die FAZ notiert:

Um seine „rote Linie“ zu verdeutlichen, setzt Netanjahu eine Bombenskizze und einen Filzstift ein.

Und wenn Ihnen das mit der „roten Linie“ allein nicht reicht, dann werden Sie vielleicht so kreativ wie die Redakteure von FOCUS Money, die auf ihre Unterstützung durch dpa bereits oberhalb des Artikels hinweisen:

Ohne rote Linie für Iran kein rotes Licht für Israel

Übrigens: Glauben sie nicht, dass Sie an einer „grünen Linie“ nicht auch aufgehalten werden können. Die hat die EU schon auf Zypern gezogen – und zwar zwischen dem türkisch-zyprischen und dem griechisch-zyprischen Teil. Das EU-Dokument zur Situation an der Innengrenze auf Zypern notiert:

Die Zahl von Drittstaatsangehörigen, die die Grüne Linie illegal überschreiten, gibt nach wie vor Anlass zu großer Besorgnis.

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Über udostiehl

Redakteur und Sprecher