Pferdefleisch-Skandal mit falschem Etikett

Wenn Medien über ein Thema berichten, bildet sich rasch ein Schlagwort. Griffig muss es sein und wiedererkennbar. Damit es bei Lesern, Hörern und Zuschauern gleich hängen bleibt, wird das Schlagwort gerne mit „Skandal“ oder „Affäre“ verknüpft. Derzeit ist vom „Pferdefleisch-Skandal“ die Rede. Schnell hat sich der Begriff in Print, Hörfunk und Fernsehen festgesetzt. Dabei geht dieses Schlagwort am Kern der Geschichte komplett vorbei.

Ja, Pferdefleisch gelangte als „Rindfleisch“ in den Handel. Der Skandal aber liegt woanders: Es geht nämlich im Kern nicht um Pferdefleisch, sondern um kriminellen Etikettenschwindel, um gezielte falsche Deklarationen – oder noch deutlicher – um groß angelegten Betrug. Das aber macht der Begriff „Pferdefleisch-Skandal“ nicht deutlich. Er führt Verbraucher in die Irre. Er insinuiert, Pferdefleisch sei ungenießbar oder gar schädlich.

Quelle: meedia.de

Quelle: meedia.de

„Pferdefleisch in unserem Essen!“

titelt die BILD-Zeitung. Liebhaber echten rheinischen Sauerbratens dürften ihre Freude daran haben. Der wird nämlich nach Originalrezept aus Pferdefleisch hergestellt. Natürlich soll diese Schlagzeile eigentlich auf den Betrug hinweisen. Tut sie aber nicht. Im Gegenteil: Sie löst eher das Gefühl aus, Pferdefleisch habe im Essen nichts zu suchen.

Screenshot bild.de

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BILD-Online legt noch einen drauf:

„Was ist an Pferdefleisch so gefährlich? Das müssen Verbraucher jetzt wissen“

Tatsächlich ist nichts an Pferdefleisch gefährlich. Die Schlagzeile basiert einzig auf der Annahme, das Pferd sei zuvor mit bestimmten Medikamenten behandelt worden. BILD-Online schreibt:

„Wenn die Pferde Medikamente mit Phenylbutazon bekamen, ein Dopingmittel für Rennpferde, können die Nebenwirkungen für Menschen sogar tödlich sein!“

Das ist maßlos übertrieben. Die OSTTHÜRINGER ZEITUNG fragte beim Bundesinstitut für Risikobewertung nach:

„Nicht jeder Rückstand ist auch gesundheitsgefährdend für den Menschen“, sagt der BfR-Sprecher. Ausschlaggebend ist vor allem die Konzentration, die sich in den Fleischproben im Mikrogrammbereich bewegt. Zunächst war unklar, wie stark das in Großbritannien gefundene Pferdefleisch mit Phenylbutazon belastet ist. Laut BfR kann das Gesundheitsrisiko deshalb auch noch nicht abgeschätzt werden.

Damit wäre also geklärt, was die BILD- und die BILD-Online-Redaktion geritten haben könnte, am eigentlichen Skandal vorbei zu berichten.

Aber warum lassen sich so viele Redaktionen auf das Schlagwort „Pferdefleisch-Skandal“ ein, obwohl es treffendere Begriffe gäbe?

„Im Pferdefleisch-Skandal gerät eine französische Firma ins Visier der Ermittler“

schreibt SZ-Online.

„Pferdefleisch-Skandal: Französische Firma gerät ins Visier der Regierung“

titelt SPIEGEL ONLINE.

ZEIT ONLINE wird schon etwas präziser:

Pferdefleisch-Betrug – Frankreich beschuldigt Großhändler „Spanghero“

Das HANDELSBLATT ONLINE bedient sich zwar auch des Schlagwortes „Pferdefleisch-Skandal“, kommt dann aber immerhin klar zum Punkt:

Im Skandal um falsch deklarierte und mit Pferdefleisch versetzte Rindfleischprodukte sind in Großbritannien insgesamt drei Männer festgenommen worden.

In der Redaktion waren wir uns heute rasch einig, auf den irreführenden Begriff „Pferdefleisch-Skandal“ zu verzichten. Wir haben versucht, den Aspekt des Betrugs in den Vordergrund zu stellen. Zum Beispiel mit folgendem Aufmacher um 20 Uhr:

Im Skandal um falsch etikettiertes Fleisch melden die französischen Behörden einen ersten Ermittlungserfolg.

Oder um 16 Uhr:

Im Zusammenhang mit dem europaweiten Fleischbetrug haben jetzt auch mehrere deutsche Lebensmittelketten bestimmte Fertigprodukte aus dem Verkauf genommen.

Um es gleich vorwegzunehmen: Ja, auch bei uns fiel heute der Begriff „Pferdefleisch-Skandal“. Trotzdem haben wir versucht, diesen irreführenden Begriff zu vermeiden. Ich würde mir wünschen, solche Schlagwörter würden mehr hinterfragt. Nur weil Agenturen und viele Redaktionen den schnell entstandenen Oberbegriff für ein Thema übernehmen, ist er noch lange nicht zutreffend.

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Über udostiehl

Redakteur und Sprecher

Ein Kommentar zu “Pferdefleisch-Skandal mit falschem Etikett

  1. Ulrike sagt:

    Die halten uns die volle Wahrheit vor! Ich kann es beweisen. Gestern morgen haben ich sogar Schimmel in meinem Toast gefunden. Alles eine Mafia da… 😉

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