Ja, ist das denn die Möglichkeit?!

„Nichts ist unmöglich!“ – das galt im Werbeslogan eines Autoherstellers und wirkt noch immer in die Redaktionen hinein. Sobald es um einen Verdacht geht, kommt das Zauberwort „möglicherweise“ zum Einsatz.  Die Formulierung ist praktisch: Mit ihr lässt sich geschickt jede Vermutung so verpacken, als sei sie bereits bewiesene Tatsache. Außerdem ist sie unverbindlich. Es könnte ja auch anders sein. Aber „möglicherweise“ eben doch so wie spekuliert. Jetzt noch geschickt eine Kombination mit einem vermeintlichen „Skandal“ – und fertig ist die perfekte Schlagzeile: Wie zum Beispiel diese auf WELT ONLINE:

Möglicherweise neuer Organspenden-Skandal in Leipzig

Möglicherweise auch nicht.

Möglicherweise stürzt morgen auch eine Boeing 747 auf Gelsenkirchen. Nichts ist unmöglich. Es gibt allerdings – nicht nur möglicherweise – präzisere Formulierungen.

„Möglicherweise“ bedeutet laut Duden nicht mehr und nicht weniger als:

vielleicht, unter Umständen

Reine Mutmaßung also. Dabei bietet sich eine ganze Reihe von Möglichkeiten an:

  • einem Verdacht nachgehen
  • besteht der Verdacht
  • Hinweisen folgen
  • Berichte überprüfen
  • ist mit dem Vorwurf konfrontiert
  • äußert die Vermutung

Und wenn – wie zum Beispiel – die Saarbrücker Zeitung titelt,

Neuer Lebensmittel-Skandal – Möglicherweise Betrug mit Eiern

dann haben wir es gleich mit zwei Problemen zu tun. Der „neue Lebensmittel-Skandal“ wird als Tatsache dargestellt. Und diese „Tatsache“ beruht auf der Möglichkeit (!) eines „Betrugs mit Eiern“. Reine Spekulation also. Es geht auch ohne. Wie wäre es mit dieser Überschrift:

Verdacht auf Betrug mit Eiern – Hinweise auf neue Verbrauchertäuschung

Ja, der „Skandal“ ist nicht mehr erwähnt. Aber den gibt es ja auch bis zu diesem Zeitpunkt nicht. Trotzdem dürfte die Überschrift die gewünschte Aufmerksamkeit beim Leser erzeugen – ganz ohne Spekulation.

Ein weiteres Beispiel. Hier wird der erwartete vermutete „Skandal“ sogar aktiv. Er „droht“ nämlich:

Wenige Tage vor der Vergabe der WM-Endrunden 2018 und 2022 in Zürich droht dem Fußball-Weltverband Fifa möglicherweise ein neuer Korruptions-Skandal ungeahnten Ausmaßes.

Die Badische Zeitung erahnt also nicht nur einen „Skandal“, sondern zusätzlich auch ein „ungeahntes Ausmaß“. Donnerwetter! Nochmal für die Sprachfeinschmecker zusammengefasst: Erahnt wird hier ein ungeahntes Ausmaß. An den Tatsachen orientiert bliebe eine Formulierung wie:

Wenige Tage vor der Vergabe der WM-Endrunden 2018 und 2022 in Zürich gibt es Berichte über Korruption im Fußball-Weltverband Fifa. Das Ausmaß ist noch nicht abschätzbar.

Das ist zwar weniger reißerisch, aber auch in diesem Fall ist jegliche Spekulation überflüssig.

Wenn Sie mögen, noch ein letztes Beispiel – selbstverständlich wenig überraschend aus BILD ONLINE:

Die französische Nationalmannschaft wird möglicherweise von einem neuen Skandal um minderjährige Prostituierte erschüttert.

Mehr geht kaum: Hinter der Einschränkung „möglicherweise“ geht es nicht nur um einen „Skandal“. Er „erschüttert“ und er dreht sich – Sex sells – um Prostituierte. Dazu auch noch „minderjährig“. Alles „möglicherweise“.

Nein, jetzt kommt kein Alternativ-Vorschlag von mir. Nur der bescheidene Hinweis auf die Boeing 747, die noch immer über Gelsenkirchen kreist.

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Über udostiehl

Redakteur und Sprecher