Die „Kampfsaison“ naht! – Do You Speak NATO? (3)

Die Nachrichtenagentur AFP blies am Freitag schon mal ins Horn: Von einer bevorstehenden „Kampfsaison“ war die Rede. Es ging aber nicht – wie ich zunächst vermutete – um den Auftakt der Wettkampfsaison in irgendeiner Sportart. Es handelte sich um eine Meldung über den Besuch des neuen US-Verteidigungsministers Hagel in Afghanistan. Und eben dort – so hieß es im Text – beginne die „Kampfsaison“. Dieser fragwürdige Begriff entstand aus einer – sagen wir mal – sportlichen Übersetzung.

Hier zunächst ein Blick in die Meldung von AFP:

Der Großteil der Truppenreduzierung soll nach dem Ende der Kampfsaison im Spätherbst erfolgen.

Der Ursprung der „Kampfsaison“ ist schnell gefunden: Eine leichtfertige Übersetzung aus dem US-Amerikanischen – nämlich „fighting season“. In der WASHINGTON POST wird aus einer Mitteilung des neuen US-Verteidigungsministers Hagel zitiert:

“As the 2013 fighting season gets underway,” the statement said, Afghan forces “will be doing more and more of the fighting and relying on you for support, training and advice.”

Wieder einmal wurde also ein verharmlosender Begriff aus dem Vokabular des Militärs übernommen. Ähnlich wie schon bei Formulierungen wie US-Berater (=Söldner) oder Inside-Attacks (Insider-Angriff), über die in diesem Blog schon berichtet wurde. Denn „Kampfsaison“ suggeriert, es käme nur in einem bestimmten Zeitrahmen zu kriegerischen Auseinandersetzungen und außerhalb der „Saison“ schwiegen die Waffen. Natürlich ist das nicht so. Und wir wissen das, denn auch außerhalb der besagten „Saison“ laufen täglich Meldungen über Gewalt, Mord und Totschlag aus Afghanistan ein, in die NATO-Soldaten verwickelt sind – sei es als Angegriffene oder als Angreifer.

Der Begriff „Kampfsaison“ lässt sich übrigens leicht umschiffen: Warum wird in Afghanistan vornehmlich ab dem Frühjahr intensiv gekämpft? Es geht schlicht ums Wetter. Der strenge Winter in den Land endet. Das ist der Grund. Warum also nicht Formulierungen wie:

Der Großteil der Truppenreduzierung soll erfolgen, wenn im Spätherbst wegen des Wintereinbruchs die Kämpfe im Land nachlassen.

Dass die „Kampfsaison“ nicht zum ersten Mal im Nachrichtengeschäft im Umlauf ist, zeigt übrigens ein Blick in die Archive. BILD.de notiert bereits am 12. Februar dieses Jahres:

Der Großteil der Truppenreduzierung werde aber erst nach dem Ende der Kampfsaison im Spätherbst erfolgen.

Ja, Sie haben den nahezu identischen Wortlaut richtig bemerkt. Auch hier war die Quelle AFP. Wenn Sie es genau wissen möchten: AFP 175 von genau jenem Tag – dem 12. Februar 2013, 19:21 Uhr. In der Agenturmeldung wird ein Statement des US-Verteidigungsministeriums zitiert. Und die Wortwahl findet sich auch bereits in einem Artikel auf SPIEGEL ONLINE, der vom 06. Januar 2011 datiert:

Washington will mehr als tausend zusätzliche Marine-Infanteristen nach Afghanistan entsenden. Hintergrund ist die Kampfsaison im Frühjahr, zu der die Soldaten die Truppen vor allem im Süden des Landes verstärken sollen.

Auch hier ist die Quelle das US-Verteidigungsministerium.

Der Vollständigkeit halber sei noch erwähnt, dass nicht nur AFP leichtfertig verharmlosende Begriffe der Kriegsrhetorik übernimmt. Auch im deutschen Dienst von Reuters findet sich unter der Nummer 7051 vom 01. September 2012, 14:16 Uhr die Formulierung:

Was der Abzug der Bundeswehr für die Sicherheitslage wirklich bedeute, werde sich aber wohl erst im kommenden Frühjahr zeigen, wenn die neue Kampfsaison beginnt.

In dieser Agenturmeldung werden „Sicherheitskreise“ als Quelle genannt.

Lassen wir uns also nichts vormachen von unbedachten Übersetzungen und beschönigenden Formulierungen von interessierter Seite. Bleiben wir einfach bei den Tatsachen. Und wenn es auch „nur“ das Wetter in Afghanistan ist.

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Über udostiehl

Redakteur und Sprecher