Der Umgang mit Boston – Sachlichkeit ist überraschend das Gebot der Stunde

Es rauschte als Eilmeldung herein – in meinem Fall über francetvinfo, dem Dienst des öffentlich-rechtlichen französischen Fernsehens. In Boston gab es mehrere Explosionen während eines Sportlaufs. Und bemerkenstwert ist: Die ersten Meldungen – auch anderer Medien – sprachen sachlich von Explosionen. Sie spekulierten nicht über einen Anschlag. Das war in der Tat eine neue Form. Denn bislang wurde gerne gleich von „Anschlag“, „Attentat“ und „Terror“ gesprochen, bevor überhaupt belastbare Informationen vorlagen.

Eine der ersten Meldungen von francetvinfo lautete:

BOSTON: Voici les premières images filmées après les explosions qui ont retenti près de la ligne d’arrivée du marathon de Boston.

Gezeigt wurden Bilder, die aus der Fernsehübertragung des Sportlaufs gezogen worden waren. Keine textlichen Speakulationen – keine Mutmaßungen ohne Basis.

Und auch die Eilmeldung der TAGESSCHAU war klar sachlich:

Explosionen bei Marathon in Boston bit.ly/f5NiVv

— tagesschau Eil (@tagesschau_eil) 15. April 2013

Auch andere große Nachrichtenquellen beschränkten sich auf die Formulierung der „Explosion“ und kamen nicht in Spekulationslaune. Erstaunlich – und auch beruhigend professionell – haben die Redaktionen nach meiner Ansicht reagiert. Damit war nicht unbedingt zu rechnen. Gerade nach den Erfahrungen aus dem Anschlag vom September 2001 in den USA zucken Nachrichtenredakteure bei jeder Information über eine Explosion zusammen.

Inzwischen ist aber – zum Glück – der Abstand zum Ereignis wiederhergestellt. Nicht jede Explosion ist sofort des Terrorismus als Ursprung überführt. Ja – der Verdacht mag bestehen. Und ein Verdacht lässt sich entsprechend im Text unterbringen. Aber wir denken inzwischen offenbar wieder in der richtigen Richtung: Erst die reinen Fakten – dann die Interpretation.  Ein schönes Beispiel aus der SZ-ONLINE:

Beim Boston-Marathon in den USA ist es zu schweren Explosionen gekommen. Der Polizei zufolge kamen mindestens drei Menschen ums Leben. Viele Menschen wurden demnach verletzt, die genaue Zahl der Verletzten steht noch nicht fest – mehr als 100 Menschen wurden offiziellen Angaben zufolge in die Krankenhäuser Bostons gebracht. Im Großraum sollen dem Wall Street Journal zufolge fünf nicht explodierte Sprengsätze gefunden worden sein. Die Bundespolizei FBI hat die Ermittlungen an sich gezogen.

Dass im Verlauf der Ereignisse ein Anschlag wahrscheinlich ist und von den US-Behörden untersucht wird – wir geben es im Nachrichtengeschäft als aktuelle Einschätzung weiter. Wir nennen die Quellen, wir zitieren die Sprecher. Und noch einmal zur Klarheit: Wir geben die Einschätzung weiter. Nicht die unbestreitbare Wahrheit. Nachrichten sind auch nicht mehr als die Darstellung der aktuellen Situation. Oder um es mit einem Zitat aus TAGESSCHAU.DE zu beschreiben:

Inzwischen verdichten sich die Hinweise, dass es sich um einen Anschlag handelt. Der Bostoner Polizeisprecher Ed Davis sagte, ein weiterer Sprengkörper an einem anderen Ort in Boston habe entschärft werden können. Auf die Frage, ob es sich um einen Terroranschlag gehandelt habe, sagte er: „Wir haben im Moment keine endgültigen Ergebnisse.“

Mit größtem Respekt vor den Opfern der Explosionen in Boston – ich habe aus der Perspektive des Nachrichtenredakteurs die jüngste Entwicklung in der Berichterstattung mit einer gewissen Entspannung verfolgt. Keine Hysterie. Keine Panikmache. Keine Spekulationen, die aus der Luft gegriffen sind.

Dass die Kollegen so agieren,  ist ein gutes Zeichen. Denn es belegt, dass nicht mehr ständige Panik das Nachrichtengeschäft beherrscht, sondern bedachte Gelassenheit. Ja, auch Gelassenheit kann möglicherweise falsch sein. Alles kann unter gewissen Umständen falsch sein. Aber besonders in unserem Geschäft bleibe ich dabei – bestärkt von der Berichterstattung aus Boston:

Erst Fakten, dann Spekulation.

Oder anders gesagt: erst Explosion, dann Anschlag und/oder Terrorismus. Umgekehrt wäre es journalistisch nicht vertretbar.

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Über udostiehl

Redakteur und Sprecher