Boston – wenige Fakten, viele schmutzige Details

Ich muss noch einmal auf die Berichterstattung zu den Bombenanschlägen in Boston zu sprechen kommen. Noch gestern freute ich mich darüber, dass sachlich und zurückhaltend mit den langsam eintreffenden Informationen umgegangen wurde. Es gab wenig Spekulation. Es wurde nicht reißerisch formuliert. Es gab keine Sensationshascherei (außer bei den üblichen Verdächtigen). Leider hat sich das Blatt binnen 24 Stunden gewendet. Wieder sind es die langsam eintreffenden Informationen. Die sorgen aber nun dafür, dass mangels Fakten irgendwie sonst die Seiten gefüllt und die Sendeminuten bestückt werden. Und zwar ziemlich beschämend. Da sind zunächst die drei Todesopfer der Anschläge. Unter ihnen ist ein achtjähriger Junge. Ist es notwendig, seinen Namen und sein Foto zu veröffentlichen? Müssen wir die Namen der drei Toten kennen? Pressekodex, Ziffer 8:

Bei einer identifizierenden Berichterstattung muss das Informationsinteresse der Öffentlichkeit die schutzwürdigen Interessen von Betroffenen überwiegen; bloße Sensationsinteressen rechtfertigen keine identifizierende Berichterstattung.

Das sehen viele Medien offenbar anders: FOCUS ONLINE, RP-ONLINE, SPIEGEL ONLINE, BILD-ONLINE und weitere „Nachrichtenportale“ zeigen entweder das unverpixelte Bild des Jungen oder nennen seinen vollständigen Namen. Überwiegt hier wirklich das Informationsinteresse der Öffentlichkeit? Oder wollen da einige Redaktionen einfach nur demonstrieren, dass sie etwas „neues“ auf der Seite haben, weil es keine frischen und nennenswerten harten Fakten aus Boston zu berichten gibt?

Eine rühmliche Ausnahme versuchte die SÜDDEUTSCHE ZEITUNG zu bilden. Sie teilte den Lesern online mit:

Im Zuge der Berichterstattung über den Anschlag in Boston verzichtet Süddeutsche.de bewusst auf die Veröffentlichung von Fotostrecken und Videos mit blutigen Bildern der Opfer. Uns ist bewusst, dass andere News-Seiten, auf die wir – nach sorgfältiger Prüfung – in unseren Texten verlinken, derartige Fotos möglicherweise zeigen. Wir glauben jedoch, dass in diesen Fällen der Informationsgehalt der verlinkten Artikel so hoch ist, dass Verweise dennoch gerechtfertigt sind.

Das hielt die Redakteure jedoch nicht davon ab, auch den vollständigen Namen des achtjährigen Todesopfers zu veröffentlichen und auf die Seite der HUFFINGTON POST zu verlinken. Dort ist dann auch ein unverpixeltes Foto des Jungen zu sehen.

Nach sämtlichen Details zu den Todesopfern musste die nachrichtenarme Zeit zudem mit Augenzeugenberichten gefüllt werden. Ihre Handy-Videos kursieren auf YouTube – und eignen sich hervorragend, Bewegtbilder in Fernsehbeiträge und Online-Artikel einzubinden. Wenn schon keine neuen sachlichen Informationen zum Ermittlungsstand in Boston vorliegen, dann wenigstens schockierende Bilder. Und dazu natürlich detaillierte Angaben von Augenzeugen über abgetrennte Gliedmaßen, Blutlachen auf dem Bürgersteig und schockierte Menschen in den Straßen von Boston.

„Ich sah abgerissene Beine, abgerissene Füße, Menschen auf Menschen getürmt“

ist im BERLINER KURIER zu lesen. Zitiert wird ein Fotograf des BOSTON GLOBE.

Die FRANKFURTER RUNDSCHAU lässt einen der Läufer zu Wort kommen:

„Ich habe Leute gesehen, denen offenbar die Beine weggerissen wurden.“

Und noch ein Beispiel, hier aus der österreichischen Zeitung DIE PRESSE:

„Diese Läufer kamen gerade durchs Ziel und haben jetzt keine Beine mehr. Da sind so viele Menschen ohne Beine. Überall ist Blut.“

Der Zitierte äußerte sich nicht einmal in der Zeitung selbst, sondern gegenüber einem Reporter der NEW YORK TIMES.

Die Liste ist weitaus länger als hier aufgeführt. Nachrichtlich haben diese Zitate keinerlei Wert. Sie walzen nur das Elend breit. Und sie füllen Textzeilen – und Sendezeiten: Auch die Fernsehberichterstattung strickte nach dem selben Muster. Keine neuen Erkenntnisse, aber Augenzeugen.

Screenshot ZDF

Screenshot ZDF

Das heute-journal des ZDF trieb Dr. Frank Marx auf. Er ist ärztlicher Leiter des Rettungsdienstes Duisburg und derzeit in Boston. Claus Cleber befragte ihn nicht nur nach seinen Beobachtungen und seinem Einsatz nach den Detonationen. Dr. Marx wurde auch gebeten, einen Vergleich zwischen der Situation in Boston und dem Loveparade-Unglück in Duisburg zu ziehen. Dort war er seinerzeit auch im Einsatz.

Screenshot ZDF

Screenshot ZDF

Diese eigenwillige Verknüpfung genügte jedoch nicht. An selber Stelle erschien im Anschluss Jürgen Lock, der Geschäftsführer des Berlin-Marathons. Auch er war in Boston zugegen. Und natürlich musste er erläutern, wie denn in Deutschland mit einer ähnlichen Bedrohungslage umgegangen würde. Ein Szenario, das hierzulande sicherlich nicht ausgeschlossen werden kann. Aber auch nicht wahrscheinlich ist. Wir sind hier nicht in den USA. Entsprechend müht sich Lock im Schaltgespräch. Wer könnte es ihm verdenken.

Und während ich diese Zeilen schreibe, läuft im WDR die Wiederholung der Lokalzeit Köln. Dort wird über die Sicherheit während des anstehenden KölnMarathons diskutiert.

Betroffenheitsjournalismus – das kommt zum Zuge, wenn es an Fakten mangelt. Moderatoren senken ihre Stimmen. Bilder und Aussagen von Augenzeugen sorgen für die entsprechende Stimmung. Im Radio haben wir so genannte „graue Titel“ in der Playlist, damit nach dem Beitrag noch akustisch die Betroffenheit zum Tragen kommt.

Bei allem Respekt. Faktisch gab es an diesem Tag lediglich drei nachrichtlich tragende Informationen: Die Bomben waren in Schnellkochtöpfen versteckt. Die Töpfe befanden sich in schwarzen Taschen. Und die Meldungen, es habe weitere Sprengsätze gegeben, die entschärft werden konnten, waren nach Behördenangaben falsch. Mehr nicht.

Verstehen Sie mich richtig: Ich argumentiere aus der reinen Sicht der Nachrichten. Und dabei geht es in erster Linie um Fakten – nicht um Emotionen oder Spekulationen. Falls nur wenige neue Fakten vorliegen, dann müssen auch die gemeldet werden. Aber ein Thema – auch wenn es von großer Bedeutung ist – mit schmutzigen Details und fragwürdigen Gesprächen im Rahmen von Nachrichten auszuwalzen, ist wenig hilfreich.

Dabei hatte es so gut angefangen in der Berichterstattung – mit Sachlichkeit und Zurückhaltung. Und das ist das Kerngeschäft von Nachrichten. Mehr nicht.

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Über udostiehl

Redakteur und Sprecher

4 Kommentare zu “Boston – wenige Fakten, viele schmutzige Details

  1. […] Fakten zum Anschlag gibt’s nur wenige. Dafür viel Betroffenheitsjournalismus: https://udostiehl.wordpress.com/2013/04/17/boston-wenige-fakten-viele-schmutzige-details/ […]

  2. udostiehl sagt:

    Der Bericht des zitierten Augenzeugen deckt sich mit Behördeninformationen, wonach es zwei Überprüfungen durch Spürhunde gab, bevor der Lauf gestartet wurde.

  3. Scheint so, als hätten vor dem Lauf „bomb squad drills“ stattgefunden:
    http://www.blacklistednews.com/Interview_With_Boston_Marathon_Eyewitness_Confirms_Bomb_Squad_Drill/25387/0/38/38/Y/M.html

    Wie seriös die Meldung ist, kann ich leider nicht beurteilen.

  4. Ulrich Jahn sagt:

    Dem stimme ich im wesentlichen zu. Die Veröffentlichung des Photos des 8-jährigen auch in den nationalen Nachrichtensendungen war in meinen Augen ein absolutes no-go. Aber unsere Kollegen werden leider immer mehr zu Getriebenen.
    Grüße aus Nürnberg

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