Überleben im Stehsatz – vorproduzierte Nachrufe sind Redaktionsstandard

Das Mediengeschäft erscheint manchmal schon ein wenig makaber. Vor allem beim Blick in gewisse Text-, Bild- und Audiospeicher. Dort warten dutzende Vorproduktionen auf ihre Veröffentlichung. Prominente im fortgeschrittenen Alter dürfen sich sicher sein: Der Nachruf auf sie ist bereits sende- bzw. druckfertig. Alle Medien haben solche „Nachruf-Speicher“. Damit verrate ich kein Geheimnis. Das schnelle Nachrichtengeschäft erfordert es, auf mehr oder weniger vorhersehbare Fälle vorbereitet zu sein.

Trotzdem ist es natürlich peinlich, wenn die vorgefertigten Texte, Filme und Beiträge zu früh erscheinen. So wie gestern Abend auf der Internetseite der Nachrichtenagentur Reuters (s. Screenshot rechts):

Dem Kollegen Tilo Jung aus Berlin fiel das auf und er twitterte:

Tatsächlich war offenbar ein Artikel aus dem so genannten Stehsatz der Agentur in Umlauf geraten. Der Nachruf auf den „Finanzguru“ George Soros. Nur das Alter des vermeintlich verstorbenen musste noch eingesetzt werden – denn laut Manuskript starb er mit XX Jahren.

Solche Pannen passieren gelegentlich – auch wenn einige Sicherheitsvorkehrungen das verhindern sollten. Im WDR beispielsweise sind die Nachrufspeicher passwortgeschützt. Nur bestimmte Redakteure haben überhaupt Zugriff, um das Material zu veröffentlichen.

Auch SPIEGEL ONLINE ist ein solches Missgeschick schon passiert. George Bush senior hatte Gelegenheit, seinen Nachruf im Netz zu lesen. Der Text gelangte trotz Warnung

LAUNCH NUR NACH ABSPRACHE MIT CVD

auf die Webseite, wie MERKUR-ONLINE Anfang des Jahres berichtete.

Schlimmer noch aber sind Todesmeldungen, die nicht versehentlich, sondern bewusst herausgegeben werden. Der Klassiker unter diesen Falschmeldungen wird in jedem Volontärskurs besprochen: dpa meldete im April 1964 den Tod des quicklebendigen Nikita Chruschtschow. Nachzulesen in diesem SPIEGEL-Artikel.

Dieser Vorfall wird bis heute zum Anlass genommen, das Zwei-Quellen-Prinzip zu beherzigen: Keine Meldung über Todesfälle, bevor nicht zwei (geprüft!) unabhängige Quellen das bestätigen.

Und dann gibt es noch die perfide Variante: Gezielt wird eine Todesmeldung platziert, um politische und/oder kriegerische Ziele zu verfolgen. So geschehen im August vergangenen Jahres. Hacker verbreiteten über die Internetseite der Agentur Reuters eine Meldung über den Tod des saudi-arabischen Außenministers Prinz Saud al-Faisal. SPIEGEL ONLINE berichtete über den Fall.

Dass Nachrufe in Redaktionen vorproduziert werden, klingt für branchenfremde Leser möglicherweise wirklich makaber. Ist es auch ein Stück weit.

Allerdings: Wir leben in einer Medienwelt, deren Konsumenten rasche Lieferung erwarten. Entsprechend werden Inhalte – auch von Nachrichten – gelegentlich vorbereitet.

Natürlich ist die Fernsehkritik über den Spielfilm X oder die Dokumentation Y schon fertig, bevor die Sendung ausgestrahlt wird. Die Redaktionen haben an Vorabvorführungen teilgenommen. Natürlich ist der Bericht über ein Gesetz, das mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit am Nachmittag den Bundestag passiert, in weiten Teilen schon getextet. Ergänzt werden Debattenbeiträge und Stimmenverhältnis.

Und dieses Prinzip gilt auch für den Rückblick auf ein Leben. Denn natürlich sind auch Nachrufe bereits durch Archivrecherchen und Munzinger-Lektüre nahezu sendefertig in den Speichern abgelegt. Das ist nicht verwerflich. Vielleicht sollte nur etwas offener mit dieser Praxis umgegangen werden.

Screenshot reuters.com

Screenshot reuters.com

Nachtrag 19.04.2013 – 01:58h: Reuters hat die Meldung inzwischen offline genommen (s. Screenshot rechts)

(Titelbild: Screenshot reuters.com)

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Über udostiehl

Redakteur und Sprecher