Die „Jagd“ in Boston – Nachrichten aus freier Wildbahn

Waidmannsheil!

Bei der Jagd auf die beiden mutmaßlichen Attentäter von Boston hat die Polizei einen der Verdächtigen erlegt.

Nein – das ist zum Glück nicht so über den Sender gegangen. Aber fast. Denn in unzähligen Nachrichtenmeldungen war tatsächlich von einer Jagd die Rede. Gehört Menschenjagd neuerdings zum Standardrepertoire des schnellen Informationsgeschäfts?

Es gibt mehrere Gründe, warum das Bild der Jagd in die Nachrichtentexte Einzug fand:

  1. Die Fernsehbilder. Unzählige Polizisten sperren Straßen und „durchkämmen“ jedes Haus. Blaulichter flimmern über die Bildschirme. Aufgeregte Korrespondenten berichten in dramatischem Tonfall. Auch wenn sie nicht mehr tun können, als die Bilder zu beschreiben, die die Zuschauer ohnehin gerade sehen. Sieht alles in der Tat wie eine Jagd aus.
  2. Die Wortwahl. In den US-Medien ist von „hunting“ die Rede – also vom Jagen. Warum also diesen Begriff nicht gleich übernehmen?
  3. Die Emotion. Viele Berichterstatter wechseln rasch zum Blickwinkel der Opfer. Betroffenheit wird zum Ausdruck gebracht – in Form kommentierender Begriffe wie „grausamer“ Anschlag, „schreckliche“ Tragödie und „erschütternde“ Szenen. Da ist doch wohl eine Jagd auf die Verantwortlichen das Mindeste!
  4. Der Herdentrieb. Wenn die anderen das auch alle so schreiben, dann kann ich das auch tun. Die werden schon Recht haben. Sind ja sogar seriöse Medien dabei. Die machen nie Fehler.
  5. Die fehlende Reflexion. Wenn das alles schon so nach Jagd aussieht und es in den US-Medien so bezeichnet wird, warum sollte ich denn noch über einen Begriff wie „Jagd“ nachdenken? Klingt außerdem auch knackiger und beschreibt die Situation vor Ort.

Diese fünf Punkte sind gar nicht mal so sehr überspitzt. Gerade unter Zeitdruck und von der Kokurrenz getrieben entstehen im Nachrichtengeschäft zuweilen merkwürdige Verhaltensweisen. Alles, was eigentlich zum Standard im Journalismus gehört, geht plötzlich über Bord. Auch das Vier-Augen-Prinzip rettet nur noch wenig – so es denn überhaupt eingehalten wird. Flüchtigkeitsfehler sind das nicht mehr.

Vor allem in Nachrichtentexten führen unbedachte Formulierungen dazu, dass Neutralität und Distanz zum Thema verloren gehen – und die Glaubwürdigkeit in der Folge gleich mit. In einem Kommentar oder einem einschätzender Bericht liegt die Sache anders: Korrespondenten, die von „jagdähnlichen Szenen“ berichteten, hatten durchaus präzise formuliert. Denn genau das war es, was die Polizei da veranstaltete. Diese Information transportiert sich aber nicht, wenn in einer Nachrichtenmeldung von einer „Jagd auf die Täter“ geschrieben wird.

Und es gibt zudem reichlich Alternativen: Statt zu „jagen“ kann die Polizei auch nach dem Täter „suchen“, „Spuren verfolgen“, „fahnden“, in einer „Großfahndung suchen“, den Flüchtigen „verfolgen“, etc.

Also: Waffen fallen lassen!

Waidmannsdank!

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Über udostiehl

Redakteur und Sprecher