Für Raucher hat die Kneipe ausgedient

Bild: privat

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Das verschärfte „Nichtraucher-Schutzgesetz“ tritt in Nordrhein-Westfalen in Kraft. In der Folge sind keine Ausnahmen vom Rauchverbot mehr zulässig. Abgetrennte Raucherräume, Sonderregelungen für besonders kleine Kneipen oder Ausnahmen für Brauchtumsveranstaltungen verlieren ihre gesetzliche Grundlage. Für Raucher endet damit eine Ära, die zuletzt zwar Einschränkungen bedeutete, aber noch akzeptabel war. Der 1. Mai bedeutet einen einschneidenden Kulturwandel – mit weitreichenden Konsequenzen.

Vor 20 Jahren wäre die Situation belächelt worden: In der Kneipe riecht es nach Orangenbäumchen und auf der Theke warten halbleere Gläser auf ihre Besitzer, die draußen vor der Tür gerade eine Zigarette rauchen. Das wird Alltag werden. Denn die Raucher müssen raus – die Gläser dürfen aber nicht mit. Das wäre Außengastronomie und das kostet den Wirt extra. Also: möglichst Glas austrinken und dann rauchen gehen. Gespräch unterbrechen, oder Nichtraucher mit vor die Tür bitten. Ob es am exterritorialen Aschenbecher gerade stürmt, schneit oder regnet – unwichtig. Dass Nachbarn und Anwohner das Kneipenleben nun durchgehend in voller Lautstärke erleben müssen, ohne einen Fuß in die Wirtschaft zu setzen – egal. Möchte ich das? Nein.

Kein Kompromiss mehr möglich

Und zwar weder als aktiver noch als passiver Beteiligter. Für Raucher hat die Kneipe ausgedient. Denn die jetzt gültigen Gesetze lassen keinen Kompromiss mehr zu. Bisher war es – ohne größere Einschränkungen – möglich, einen Kneipenabend mit Bier und Zigarette zu verbringen. Jeder hatte die Wahl: Raucherkneipe, Kneipe mit Raucherraum oder reine Nichtraucher-Kneipe. Die Gäste konnten aus einem breiten Angebot auswählen. Ein Kompromiss, mit dem alle Leben konnten. Jedem Interesse war gedient. Das ist jetzt nicht mehr so:
Raucher als Gast? Gerne. Aber Zigarette? Nur draußen.
Nichtraucher als Gast? Gerne! Aber mit dem Raucher vor die Tür? Nur ohne Getränk!
Es gibt also keine Wahl mehr. Der Gesetzgeber hat uns die Entscheidung abgenommen.

Eindeutige Position

Nein, jetzt kommt keine Schelte für die nordrhein-westfälische Gesundheitsministerin Steffens von den Grünen. Diese rot-grüne Landesregierung ist von Rauchern und Nichtrauchern gewählt worden und hat damit ihre demokratische Legitimation. Auch für dieses verschärfte Nichtrauchergesetz. Die Kompromisslösung wurde durch ein kompromissloses Gesetzeswerk abgelöst. Auch das ist Demokratie.

Nein, auch den Lobby-Verbänden mache ich keinen Vorwurf. Beide Seiten haben für ihre Interessen gekämpft. Die Auseinandersetzung wurde in harter Form geführt: Nichtraucherschützer haben sich als „Gesundheitstaliban“ beschimpfen lassen müssen – Raucher wurden mitunter als „Mörder“ bezeichnet. So funktioniert Politik. Und am Ende setzt sich eine Position durch. In diesem Fall war es die – schon rein rechnerische Mehrheit – der Nichtraucher. Dass viele von ihnen auch schon mit der bisher gültigen Kompromiss-Regelung zufrieden waren – geschenkt. Nun ist das verschärfte Gesetz in Kraft. Punkt.

Klare Konsequenzen ziehen

Nun geht es darum, wie Raucher damit umgehen. Meine Entscheidung steht fest: Unter diesen Voraussetzungen ist ein Abend in der Kneipe für mich keine Option mehr. Wenn ein Gastwirt gezwungen ist, mich vor die Tür zu schicken, dann ist das keine Gastlichkeit mehr. Er ist nun der verlängerte Arm des Gesetzes, der – auch gegen seine Überzeugung – seinen Gast auf die Straße zu setzen hat. Auf diese Form der Bewirtung kann ich verzichten. Und den Anwohnern und Nachbarn möchte ich auch nicht zur Last fallen. Wenn also das Gesetz vorsieht, kompromisslos das Rauchen in Kneipen zu unterbinden, dann bleibt nur, dem nachzukommen: Und das bedeutet in der Konsequenz, Kneipen aus der Abendplanung zu streichen und andere Möglichkeiten zu suchen.

Alternativen entwickeln – Vorbild Frankreich

Die Situation, die jetzt in Nordrhein-Westfalen entstanden ist, kennt Frankreich schon länger. Und weil ich Frankreich gut kenne, weiß ich um die dortige Entwicklung. Die Franzosen haben eine ähnlich kompromisslose Gesetzgebung. Es hat dort kein massenhaftes Kneipensterben gegeben, wie es die Raucherlobby gebetsmühlenartig vorhergesagt hatte. Andere Gäste haben den Platz der Nichtraucher eingenommen. Viele von ihnen haben die Kneipe als Ort erst jetzt für sich entdeckt, da der Rauch verbannt ist. Die Zahl der Raucher in der Bevölkerung ist dennoch nicht signifikant gesunken, auch wenn das auf den ersten Blick Richtung Theke so wirken mag.

Raucher in Frankreich haben sich inzwischen anders organisiert. Sie verzichten auf die Dienstleistung des Gastwirts und nehmen die Sache selbst in die Hand. Sie treffen sich im privaten Rahmen. Und das funktioniert problemlos: Einer hat die Räumlichkeiten, einige andere besorgen die Getränke, manche Gäste bringen etwas zu Essen mit. Fertig. So, wie jede ganz normale Party funktioniert, so organisieren sich rauchende Franzosen – und übrigens auch nichtrauchende Zeitgenossen – ihren Abend. Preisgünstiger ist es ohnehin. Und das Nichtraucherschutzgesetz greift ins Leere.

Zurück in die Zukunft

Eine ähnliche Entwicklung erwarte ich in Nordrhein-Westfalen. War es bisher die Verabredung in Kneipe X oder Bar Y, wird es künftig wohl häufiger die Einladung zur Bottleparty bei X oder der offene Abend bei Y sein. Die Nichtraucher werden für den Umsatz in den Kneipen sorgen, einige Raucher werden ihnen beiwohnen und ihren inneren Groll niedertrinken – mit einer anschließenden Zigarette vor der Tür. Und viele Raucher werden sich neu orientieren und die gute alte Hausparty wiederentdecken. Ohne gesetzlichen Nichraucherschutz. Ohne Androhung von Ordnungsgeld. Aber mit entspannter Freude.

Schluss mit dem Lagerkampf

Aus Sicht der Raucher sollte jedoch bitte nicht weiter versucht werden, Fronten aufzubauen. Denn die Wahl zwischen gesetzlich streng geregelt rauchfreier Gastronomie und gesetzlich unbeachteter rauchgeschwängerter Luft auf Privatpartys darf – jetzt erst recht – als Angebot zu einer neuen Variante eines Kompromisses begriffen werden.

Sie können sich weiterhin frei entscheiden: Heute Abend mit Rauch – oder ohne.

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Über udostiehl

Redakteur und Sprecher