Zugausfälle in Mainz lösen Redaktions-Chaos aus

Im Mainzer Hauptbahnhof halten weniger Züge, weil das Stellwerk nicht mehr ausreichend personell besetzt ist. Seit Tagen ist deshalb in Print, Funk und Fernsehen von „Bahn-Chaos“ (sueddeutsche.de), „Chaos in Mainz“ (welt.de) und „Mega-Chaos“ (bild.de) die Rede. Tatsächlich aber ist das viel zitierte Chaos ganz woanders ausgebrochen – nämlich in den Redaktionen.

Wie wäre es sonst zu erklären, dass zum Teil maßlos übertrieben wird? Der „Nachrichtensender“ N24 verkündet:

Nichts geht mehr in Mainz

Als ob am Hauptbahnhof der komplette Betrieb eingestellt worden wäre. Auch FOCUS Online malt den Teufel an die Wand, steht an diesem Sonntag doch ein Spiel des Bundesligisten FSV Mainz 05 auf dem Plan:

Chaos-Bahnhof erwartet Ansturm von Fußballfans

Das die Bahn sogar einen Sonderzug für die Stadionbesucher einsetzt, wie es der SWR berichtet, verschweigt der Artikel.

WELT ONLINE macht sich sogar gleich die Position der Gewerkschaft EVG zu eigen und titelt:

Personalknappheit bedroht Zugverkehr bundesweit

Da wird sich die EVG für die kostenlose Propaganda sicher bedanken. Denn die EVG ist vielen als Gewerkschaft kaum ein Begriff. Sie existiert erst seit knapp drei Jahren und ist aus der Fusion von Transnet und GDBA hervorgegangen.

Was wirklich am Mainzer Hauptbahnhof vor sich geht, kommt in den Meldungen über das angebliche Chaos nicht vor. Dabei genügt schon ein Blick auf die Bahnhofstafel Mainz HBF auf bahn.de. Dort ist im Fahrplan sauber aufgelistet, welche Regionalzüge und Fernzüge nicht im Hauptbahnhof halten.

Screenshot bahn.de

Screenshot bahn.de

Und dort stehen auch Hinweise, die an der Chaos-Theorie Zweifel aufkommen lassen. Denn für Regionalzüge, die Mainz HBF als Halt auslassen, fahren ersatzweise Busse:

Der Zug fällt zwischen Mainz Hbf und Mainz-Gonsenheim aus. Ein Ersatzverkehr mit einem Bus von Mainz Hbf nach Nieder Olm über Elxlebener Pl, Klein-Winternheim ist eingerichtet.

Und dass Mainz vom Fernverkehr abgeschnitten ist, kann so auch nicht behauptet werden.

Screenshot bahn.de

Screenshot bahn.de

Zwar halten die ICE-Züge nicht im Hauptbahnhof, aber Passagiere gelangen trotzdem nach Mainz. Sie steigen in Mainz-Bischofsheim ein und aus:

Der Zug wird umgeleitet. Der Halt Mainz Hbf entfällt. Ersatzhalt Mainz-Bischofsheim. Nach Mainz Hbf mit Nahverkehr der Linie S 8.

Das sind drei Stationen und dauert mit der S-Bahn neun Minuten.

Pikant an der permanenten Nutzung des Begriffs Chaos ist die eigentliche Bedeutung des Wortes. Ein Blick in die Wikipedia:

Das Chaos [ˈkaːɔs] (von griechisch χάος cháos) ist ein Zustand vollständiger Unordnung oder Verwirrung

Davon kann im Fahrplan des Mainzer Hauptbahnhofs nun wirklich nicht die Rede sein. Der ist sehr wohl geordnet und alle Ersatzfahrten und Ausweichbahnhöfe sauber eingepflegt. Der Begriff Chaos ist also für die Beschreibung der Situation in Mainz schlicht falsch.

Sachlich wäre, von Zugausfällen, Umleitungen und Personalmangel zu berichten. Aber damit lassen sich keine Schlagzeilen machen.

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Über udostiehl

Redakteur und Sprecher

2 Kommentare zu “Zugausfälle in Mainz lösen Redaktions-Chaos aus

  1. Joachim sagt:

    Ich finde den ganzen Medienrummel schlichtweg übertrieben, da die Einsparungen der vergangenen Jahre von der DB keine große Überraschungen sind. Dass 6 Personen auf einmal krank geworden sind, ist entweder großes Pech oder einfach ein Defizit an Motivation auf Seiten der Belegschaft. Die Bahn sollte solche Kollateralschäden durch einen besseren Personalausgleich in Zukunft vermeiden, denn solche Blamagen tuen in keinem Fall dem Image gut.

  2. Verstand sagt:

    Das hat auch Vorteile, wenn keine Züge fahren, arbeitet auch die DB effizient!;))

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