Schwullesbischer Weihnachtsmarkt: Für so einen Mist bin ich nicht jahrelang auf die Straße gegangen

Schwachsinn wiederholt sich. Auch in diesem Jahr wird es einen „schwullesbischen Weihnachtsmarkt“ in Köln geben. Die Buden werden schon aufgebaut. In pink und rosa verhüllte Hütten runden dann wieder geschmacklos die gängigen Klischees ab. Und ich frage mich: Wofür bin ich eigentlich jahrelang auf die Straße gegangen?

Als ich 1990 das erste Mal in einem CSD mitlief und für die rechtliche Gleichstellung schwuler Partnerschaften demonstrierte, da tickten die Uhren noch anders. Damals war noch längst nicht jede Tür einschlägiger Kneipen offen für jedermann. Kleine Fensterchen gab es, da wurde erstmal durchgeschaut, wer denn da Einlass begehrte. Wir schotteten uns ab, sicherheitshalber. Es hatte sich schon vieles verbessert gegenüber den Generationen, die unter ganz anderen Repressalien und Bedrohungen zu leiden hatten. Dennoch ging Mann auf Nummer Sicher.

Heute sind die Türen sperrangelweit offen. Die Gesellschaft hat sich gewandelt. Schwule, Lesben, Transgender und Bisexuelle geraten zum Glück nur noch selten in gefährliche Situationen. Das jahrzehntelange Werben für Toleranz, Offenheit und Gleichstellung hat gefruchtet.

Und was kommt? Die Rolle Rückwärts. Die schwule „Community“ baut neue Ghettos für sich. Wie z.B. einen „schwullesbischen Weihnachtsmarkt“. Händchenhaltend am Glühweinstand stehen könnten Lutz und Lars – direkt neben Leon und Lisa auf dem jährlichen Weihnachtsmarkt. Das wäre das Signal der Stunde. So ist es inzwischen gesellschaftlich akzeptiert und kann als Selbstverständlich gelebt werden. Stattdessen lockt eine neue Ghetto-Veranstaltung namens „Christmas Avenue“.

Ja, es gibt Felder, in denen es durchaus sinnvoll ist, innerhalb der „Community“ zu bleiben. Schwule Ärzte und Therapeuten, zu denen ein schwuler Patient meist eine bessere Vertrauensbasis aufbauen kann. Schwule Rechtsanwälte, die sich auf Fragen der eingetragenen Lebenspartnerschaft spezialisiert haben. Oder schwule Kneipen und Bars, weil dort vorwiegend die „Zielgruppe“ am Tresen sitzt.

Aber ein „schwullesbischer Weihnachtsmarkt“? Außer, dass dort hemmungsloser angebaggert werden kann, ergibt so eine Veranstaltung keinen Sinn. Vielmehr sendet sie ein vollkommen falsches Signal aus: Seht her, wir wollen unter uns bleiben. Schaut, wir haben es nicht nötig, auf „Euren“ Weihnachtsmarkt zu gehen. Aber wir sind ja tolerant, Ihr dürft uns gerne besichtigen kommen. Und bringt Geld mit. Denn wir haben für den Kommerz unsere alten Überzeugungen über Bord geworfen.

(Bild: Screenshot Webseite „Christmas Avenue“)

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Über udostiehl

Redakteur und Sprecher