„Bei“ passt fast immer – und ist fast immer falsch

In Nachrichtenredaktionen gibt es Marotten, die sind einfach nicht totzukriegen. Eine dieser Unarten ist die Benutzung von „bei“ – und zwar bei jeder Gelegenheit. Es ist so schön praktisch, denn „bei“ passt so gut wie immer. Und ist so gut wie immer falsch. Mitunter entstehen köstliche Aussagen, wie z.B.: „Bei einem Gipfel in Brüssel sagte Merkel…“. In etwa 90 Prozent aller Fälle geht es nicht nur eleganter, sondern auch präziser:

„Bei einer Konferenz sagte die Bundeskanzlerin, die Zahl der Toten bei dem Erdbeben sei gestiegen. Das habe ihr der Präsident bei einem Telefonat mitgeteilt.“

Kann man machen. Kann man aber auch besser machen:

„AUF einer Konferenz sagte die Bundeskanzlerin, die Zahl der Toten DURCH das Erdbeben sei gestiegen. Das habe ihr der Präsident IN einem Telefonat mitgeteilt.“

Natürlich sind die Sätze auch mit „bei“ für jeden verständlich – leider aber auch mißverständlich. „Bei einer Konferenz“ könnte nämlich auch bedeuten, die Regierungschefin habe sich nebenbei während einer Konferenz geäußert. Tatsächlich sprach sie aber zu allen Teilnehmern und damit präzise formuliert AUF der Konferenz.

Schon etwas makaber mutet die Formulierung an, „die Zahl der Toten sei bei dem Erdbeben gestiegen“. Vermutlich stimmt es sogar, dass WÄHREND des Bebens die Zahl der Toten stieg. Das meinte die Bundeskanzlerin aber nicht. Sie bezog sich auf die Opferzahlen NACH dem Beben. Und diese Menschen sind direkt oder indirekt DURCH das Beben gestorben.

Und auch der letzte Teil lässt beim Leser oder Hörer Missverständnisse zu: Der Präsident sagte es ihr bei einem Telefonat. Also die Kanzlerin telefonierte, als ihr der Präsident ins Ohr flüsterte? Oder hatte der Präsident den Hörer am Ohr, während er es der Kanzlerin sagte, die gerade neben ihm stand? Natürlich nicht. Die beiden haben miteinander telefoniert. Deshalb sagte er es ihr IN einem Telefonat.

Ja, auf der nach oben offenen Erbsenzähler-Skala ist noch Platz. Ich arbeite dran. Bei Bei 🙂

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Über udostiehl

Redakteur und Sprecher

2 Kommentare zu “„Bei“ passt fast immer – und ist fast immer falsch

  1. Susanne sagt:

    Lieber Udo,
    das ist ein Beitrag so ganz nach meinem Herzen. Klar ist es ein bisschen Erbsenzählerei, aber für gepflegte Sprache kann man gar nicht genug Erbsen zählen. Ganz ehrlich: Mir ist diese Bei-Macke bisher gar nicht so aufgefallen. Wenn ich meine Texte so durchgehe, kommt sie dort nicht allzu oft vor. Jetzt aber habe ich immer ein Auge darauf.
    Großartig übrigens Dein Abschiedsgruß: Bei-Bei also, bis zum nächsten Mal.
    Grüße, Susanne

  2. Schönes Thema – von wegen Erbsenzählerei! Zeigt deutlich, wie dynamisch das System von Präpositionen ist. Eine semantische Differenzierung (lokal / temporal) kann kaum noch stringent durchgehalten werden. Man müsste das nur noch empirisch verifizieren…

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