Was Journalisten heute lernen müssen? Viel mehr Ruhe.

Timo Stoppacher hat mit seinem Aufruf zur Blogparade „Was Journalisten lernen müssen“ eine lebhafte Debatte unter den Kollegen ausgelöst. Vieles ist natürlich schon in der einen oder anderen Form diskutiert worden. In meinem Beitrag zur Debatte möchte ich den Blick lenken auf einen Punkt, über den nach meiner Ansicht bisher zu wenig gesprochen wird – die Ruhe:

Als Jahrgang 1970 bin ich einer von den „Analogen“. Meine ersten Quellen waren endlose Papierfahnen aus dröhnenden Fernschreibern. Anrufe von Kollegen aus Telefonzellen, die ihre Informationen nach dem Ende einer Pressekonferenz in die Redaktion weitergaben. Und Archivbänder, die nach stunden- bis tagelanger Suche vorlagen, um daraus Material zu kopieren. War alles beisammen, entstand auf der – immerhin schon elektrischen – Schreibmaschine das Manuskript. Das musste alles ruckzuck gehen, Radio war auch damals schon das schnellste Medium. Trotzdem hatten wir Zeit.

Später kamen erste Computersysteme in die Redaktionen. Erinnert sich noch jemand an „Basys“? Zum ersten Mal war es binnen Sekunden möglich, Agenturmaterial nach Stichworten zu durchsuchen. Kollegen meldeten sich immer noch telefonisch, in dringenden Fällen aber inzwischen über ein Mobiltelefon, das schlappe fünf Kilogramm wog, ein Vermögen kostete und die Tonqualität einer Kurzwellensendung in Übersee hatte. Das Manuskript entstand nun im Redaktionssystem, konnte ständig aktualisiert werden – egal, an welchem Terminal man saß. Wir waren viel schneller geworden. Hatten aber immer noch Zeit.

Eine Redaktion heute ist komplett digitalisiert. Es gibt kaum noch Material, das nicht mittels Suchbegriff auf die inzwischen mindestens zwei Breitwand-Bildschirme geholt werden könnte. Vieles davon weiterhin (journalistisch aufbereitet und geprüft) von Agenturen, immer mehr jedoch auch (ungeprüft) aus dem Internet. Quellen, auf die auch unsere Hörer zur gleichen Zeit Zugriff haben. Die Konkurrenz sowieso. Mittlerweile sind wir nicht mehr immer das schnellste Medium. Und Zeit haben wir auch kaum noch.

Wir haben uns in einen gefährlichen Wettlauf begeben

Wenn wir dieses Spiel weiterspielen, werden wir verlieren. Es geht nicht mehr darum, das schnellste Medium zu sein. Es hilft nichts, sich auf die Tradition des Radios zu berufen. Natürlich waren wir früher schneller als alle anderen Medien. Aber das war ein rein technischer Vorteil. Radio war damals einfach der schnellste Ausspielweg.

Obwohl wir das wissen, lassen wir uns vom Rausch der Geschwindigkeit antreiben. Nur: Mehr als Echtzeit geht nicht. Schneller als eine Live-Reportage aus dem Stadion geht nicht. Aktueller als ein Korrespondenten-Gespräch während der laufenden Pressekonferenz geht nicht. Und wir sind längst nicht mehr die Einzigen, die das können. Die Inhalte erscheinen nahezu gleichzeitig auch in Live-Tickern, Streams, Tweets. Da mischen  auch die Radiosender kräftig mit. Besser wird davon die Berichterstattung nicht sonderlich.

Geschwindigkeit ist kein Qualitätskriterium

Als alter „Analoger“ bin ich mit der Entwicklung Schritt für Schritt mitgegangen, machte langsam neue Erfahrungen. Schnellere Recherche-Möglichkeiten, größere Korrespondentennetze, computergestütze Audio-Systeme. Jedes Mal war Zeit genug, die neuen Mittel in die Redaktionsabläufe einzuflechten. Und über die Jahre darin mehr Routine zu entwickeln, sicherer zu werden. Das ursprünglich Erlernte ist dabei nicht verloren gegangen – auch nicht, sich Zeit zu nehmen. Das geht auch heute noch. Und ist wichtiger als je zuvor geworden.

Wir können auf die schnellsten Recherchewege zugreifen. Warum gelangen dann trotzdem so viele Geschichten ungeprüft in Umlauf? Es stehen nahezu immer Korrespondenten für Rückfragen bereit. Warum gehen trotzdem sachlich falsche Meldungen auf den Sender?

Es ist völlig irrelevant, schnell zu sein, wenn es nicht präzise ist. Und dass Sie der erste im Wettbewerb waren, der die Geschichte gebracht hat, das merkt sowieso nur die Kollegenschaft. Oder glauben Sie, Otto Normalhörer verfolgt gleichzeitig mehrere Nachrichtensendungen und Internetportale, um Ihnen anschließend eine lange Nase zu machen, weil er die Story woanders fünf Minuten früher gehört hat?

Alte Lehre mit neuen Mitteln umsetzen

Was Journalisten heute lernen müssen ist Ruhe und Unaufgeregtheit. Sich Zeit nehmen zum filtern. So viele Quellen wie heute gab es noch nie. Allerdings auch mehr denn je fehlerhafte Quellen und Fehlerquellen. Für uns „Analoge“ ist das nichts Neues im Nachrichtengeschäft. Daran haben wir uns in der Berufsroutine langsam gewöhnt. Die Generationen danach haben diese Entwicklung – je nach Jahrgang – weniger intensiv miterlebt. Wer heute in den Journalismus einsteigen möchte, dem fehlt diese Erfahrungen aus „analoger“ Zeit völlig.

Sie bringen dafür andere Qualifikationen mit. Der journalistische Nachwuchs kann sich in Netzwerken mit traumwandlerischer Sicherheit bewegen, ist technisch versiert und mit Medienformen aufgewachsen, die meine Generation noch in Science-Fiction-Serien in einem von drei Fernsehprogrammen bestaunte. Die Sozialisation ist insgesamt auch anders gelaufen – vom Kindergarten über die Schule bis zur Ausbildung. Viele Rahmenbedingungen haben sich verändert. Journalismus ist ein Berufsbild geworden, das immer seltener dazu taugt, seinen Lebensunterhalt damit zu verdienen.

Deshalb sind – je nach Themenfeld – Spezialisten inzwischen mehr gefragt als Generalisten. Im Idealfall ergibt sich eine Kombination, z.B. aus Social-Media-Redakteuren (Spezialisten) und Nachrichten-Redakteuren (Generalisten). Das alles von einem einzelnen Mitarbeiter zu erwarten, mag den Finanzplanern in den Funkhäusern gut ins Budget passen und deshalb gefallen. Ich halte das für Augenwischerei. Wer glaubt, beide Aufgaben seien von einem einzelnen Redakteur leistbar, interessiert sich für eine schicke Bilanz, aber nicht für Qualität.

Das Ergebnis redaktioneller Arbeit muss inhaltlich überzeugen und zudem gegen die Konkurrenz hervorstechen. Es werden immer neue journalistische Darstellungsformen ausprobiert – nur steht die Form inzwischen häufiger vor dem Inhalt. Es müssen etliche Ausspielwege bedient werden. Die Geschichte soll für Hörfunk taugen, internetgerecht aufbereitet sein, zahlreichen Formatierungsregeln für Kurznachrichtendienste genügen und nach Möglichkeit noch kombinierbar sein mit Bewegtbild.

Das funktioniert nur mit Ruhe. Unaufgeregt Schritt für Schritt. Sorgfältig, nach journalistischen Grundregeln – die sich übrigens in keiner Weise geändert haben.

Ruhe sollte auch in der Karriereplanung gelten. Die meisten erfolgreichen Journalisten haben langsame Schritte nach vorn und nach oben getan. Mit Erfahrung und dem damit verbundenen Bauchgefühl, das in unserem Beruf nicht unwichtig ist.

Lernen Sie Ruhe. Viel mehr Ruhe.

Und scheuen Sie sich nicht, von den „Analogen“ Hilfe dabei einzufordern. Wir lernen mindestens genauso viel von Ihnen.

(Nachrichtenstudio WDR2, Bild: privat)

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Über udostiehl

Redakteur und Sprecher

6 Kommentare zu “Was Journalisten heute lernen müssen? Viel mehr Ruhe.

  1. […] journalistische Tugend der Sorgfalt ins Spiel. Doch Sorgfalt erfordert Zeit und vor allem Ruhe, wie Udo Stiehl fordert: “Es geht nicht mehr darum, das schnellste Medium zu […]

  2. Frank M. sagt:

    Hallo Herr Stiehl,

    ich bin „noch älter“ – und gebe Ihnen fast vollauf Recht. Fast, weil das, was ich von so manchem „digital native“ bislang an Hintergrundkenntnis über Struktur und Funktionen von Internet und IT mitbekommen habe, mich schaudern lies. Damit aufgewachsen – ja sicher, mit dem traumwandlerischen damit daddeln können. Aber mehr – leider oft selbst im Vergleich zu mir/meiner Generation Fehlanzeige.

    Neulich las ich doch irgendwo in dieser ganzen Selbstbespiegelungsdiskussion, der Blog sei doch im Wortsinn wohl die Urform des Journalismus! Ha! Wenn ich die Entwicklung nicht voll verpennt habe, kommt das Wort Blog von WebLog – also Netztagebuch. Klar hat ein Tagebuch mit Tag zu tun – aber wäre deswegen je von uns jemand auf die Idee gekommen, Tagebuchschreiben für eine journalistische Tätigkeit zu halten?

    Verstehen Sie, was ich meine? Wo soo arg wenig kritische Reflektion „normal“ erscheint, scheint die kritische Komponente, sei es in der Auswahl und Gewichtung von Information, noch im Hinterfragen ihres Gehalts, ihrer Bedeutung, völlig abhanden zu kommen.

    Und ich weiß inzwischen nicht mehr, ob sich dieses m. E. fundamentale Defizit bloß durch Ihren völlig berechtigten Aufruf zu mehr Ruhe allein wird heilen lassen. Bei allem, was ich täglich medial so geboten bekomme – leider vor allem auch im so genannten Medienjournalismus – beschleicht mich das üble Gefühl, dass es oft schon an klassischen Bildungsgrundlagen gebricht.

    Was vielleicht auch erklärt, weswegen gerade Online mit solchem Verve in einschlägigen Portalen immer wieder versucht wird, das „Rad“ Journalismus „neu“ zu erfinden oder zu definieren. Die Erklärung schlichter Juvenalität allein wäre da ja noch vergleichsweise legitim…

  3. […] Udo Stiehl: Was Journalisten heute lernen müssen? Viel mehr Ruhe. […]

  4. Schon aus einer ähnlichen – nun gut – Generationen-Lagerung kann ich das nur unterschreiben. In der Ruhe liegt die Kraft, um Wandel zu gestalten statt sich ökonomisch-technokratischen Vorgaben nur einfach anzupassen. Der Haken: Solche professionelle Gelassenheit setzt einen stabilen organisatorische Kontext voraus, öffentlich-rechtlichen beispielsweise. Oder engagierte Verlegerpolitik. Mediale Megatrends gehen derzeit in eine andere Richtung.

  5. […] Stark, Sabine Olschner, Patrick Wiermer, Andreas Grieß, Kevin Knitterscheidt, Knut Knuckel, Udo Stiehl, Bettina […]

  6. Hallo Herr Stiehl,

    danke für den interessanten Beitrag.
    Können Sie Ihrerseits bitte bei uns kommentieren?
    Der Pingback hat nicht funktioniert.

    Viele Grüße

    Timo Stoppacher

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