Hauptsache Hauptversammlung

Punkt null Uhr am 1. Januar erhebt das neue Jahr sein Haupt und spült eine wahre Flut an Einladungen zu Jahreshauptversammlungen in die Redaktionen. Und Generationen von Redakteuren haben ihnen das Haupt abgeschlagen und daraus Jahresversammlungen gemacht. Alternativ Hauptversammlungen oder Mitgliederversammlungen. Die Jahreshauptversammlung hält sich hartnäckig, ist aber doppelt gemoppelt:

Die Versammlungstypen wollen fein unterschieden werden. Aktiengesellschaften berufen Hauptversammlungen ein, so steht es im Gesellschaftsrecht. Mit dem Zusatz „Jahres“ laden auch Vereine regelmäßig zur Hauptversammlung ein. Juristisch korrekt sind das aber Mitgliederversammlungen, laut BGB das oberste Organ eines Vereins.

Solcherlei sprachliche Spitzfindigkeiten werden bei Vereinen ignoriert, die Jahreshauptversammlung ist unausrottbar. Redaktionen machen daraus meistens die – juristisch auch nicht korrekte, aber geläufige – Jahresversammlung.

Findet die Jahres(haupt)versammlung dann statt, ist alle paar Jahre der Vorsitzende zu wählen. Wer nun aber glaubt, ein Verein habe ein Oberhaupt, der irrt. Meistens gibt es einen 1. Vorsitzenden und einen 2. Vorsitzenden und manchmal noch einen 3. Vorsitzenden. Richtig ist allerdings: es gibt einen Vorsitzenden und einen stellvertretenden. Vorsitz alleine reicht völlig aus, der Zusatz „1.“ ist überflüssig – aber leider ähnlich unausrottbar wie die Jahreshauptversammlung.

Vorstände gibt es natürlich nicht nur in Vereinen, sondern auch in Aktiengesellschaften, Parteien, Gewerkschaften. Der Vorstand ist das Leitungsorgan, sein Chef der Vorstandsvorsitzende oder auch Vorsitzende. Dort kommt der 1. Vorsitzende so gut wie nie vor. Denn was soll man von einem solchen – fiktiven – Satz halten?

„Sigmar Gabriel, der 1. Vorsitzende der SPD, wertete das Ergbnis des Mitgliederentscheids…“

Als wenn es keinen Vorsitzenden vor ihm gegeben hätte.

(Bild: Udo Stiehl)

Advertisements

Über Pyrolim

Journalistin, Bloggerin, Fotografin