Schumachers Ski-Unfall – zwischen Spekulation und Fakten

Die Berichterstattung über Michael Schumachers Ski-Unfall hat wieder die alte Frage auf den Tisch gebracht: Ab wann wird ein Thema zur Nachricht? Reicht schon ein erster Hinweis aus unbestätigter Quelle? Muss erst Lebensgefahr bestehen, bevor es relevant genug ist für eine Nachrichtensendung?

Die verschiedenen Medien haben erwartbar gehandelt. Denn es gibt keine allgemeingültige Definition, die auf alle anwendbar wäre. Auch nicht aus rein nachrichten-journalistischer Sicht. Jede Redaktion richtet ihre Berichterstattung auf eine gewisse Zielgruppe aus und positioniert sich entsprechend. Oder einfacher gesagt, sie nimmt einen Platz irgendwo in der Schnittmenge von Gesprächswert und Nachrichtenwert ein. Deshalb ist die immer wieder aufbrandende Debatte darüber müßig, ob dieses oder jenes Thema schon eine Meldung rechtfertigt oder noch nicht genügend Nachrichtenwert hat.

Die üblichen Verdächtigen

Selbstverständlich berichtet die BILD-Zeitung, sobald auch nur ein Hauch von Gesprächswert erkennbar ist. Das ist noch nie anders gewesen und wer BILD liest, erwartet genau das von der Redaktion. Am anderen Ende der Skala reicht reiner Gesprächswert ebenso selbstverständlich nicht aus – z.B. in den Nachrichten des Deutschlandfunks. Auch das ist Linie des Hauses und wer Deutschlandfunk hört, erwartet auch genau das von der Redaktion. Dazwischen liegen sehr viele kleine Abstufungen. Im Verlauf der Berichterstattung über Schumacher haben die Redaktionen eben diese ihnen angestammten Positionen eingenommen.

Emotion vor Information

Gesprächswert war von der ersten Information an gegeben. Schließlich ist Schumacher eine Person der Zeitgeschichte. Nachrichtenwert bekam die Geschichte erst viel später, nämlich als die offizielle Bestätigung durch das Krankenhaus in Grenoble vorlag. Erst dann war verlässlich klar, wie schwer die Kopfverletzung ist. Welches Medium nun wann in die Berichterstattung einstieg, geschenkt. Die Frage des Zeitpunkts ist kaum der Diskussion wert. Wohl aber das Wie. Denn die Quellenlage war zunächst außerordentlich dürftig. Bestätigt war nichts. Erst im Verlauf des Nachmittags äußerte sich dann das Management von Schumacher. Damit war aber lediglich die Information gesichert, dass es tatsächlich einen Unfall gab. Über die Schwere der Verletzungen fehlten weiterhin verlässliche Hinweise. Letztlich wurde also aus nachrichtlicher Sicht erst um kurz nach 19 Uhr die Meldung durch die Erklärung der Ärzte ernsthaft verwertbar.

Abwarten oder Spekulieren?

Was also tun in dieser langen Zeit von schwachen Quellen, kursierenden Gerüchten und unbestätigten Informationen? Redaktionen, die ihren Schwerpunkt auf Nachrichtenwert vor Gesprächswert legen, warteten schlicht ab. Je mehr aber der Schwerpunkt der Redaktionen in Richtung Gesprächswert vor Nachrichtenwert tendierte, umso größer wurden die Buchstaben und dicker die roten Eilmeldungs-Bauchbinden. Auch daran ist zunächst nichts zu kritisieren – wenn denn die journalistischen Handwerksregeln eingehalten werden. Wurden sie aber nichtwie Tobias Gillen eindrucksvoll dokumentiert.

Die „Netzgemeinde“ bläst sich auf

Auffällig war wieder einmal, wie schnell die Berichterstattung in den sozialen Medien aufgegriffen wurde. Wie eine besonders schlechte Spielart von „Stille Post“ wurden Gerüchte zu Fakten umdeklariert, neue Spekulationen in Umlauf gebracht und im schlimmsten Fall wurden diese dann wiederum in den Medien mit geheuchelter Anteilnahme aufgegriffen. Da war also wieder der völlig überflüssige und zudem noch sinnlose Wettlauf um Informationen, die einfach noch nicht vorliegen oder nicht bestätigt sind. Flankiert von Genesungswünschen aller Art via Twitter, Facebook und Co. Von Menschen, die Schumacher – bis auf wenige Ausnahmen – gerade einmal vom Fernsehschirm kennen. Es aber gut meinen und das auch möglichst breitenwirksam kundtun möchten. Um auch im großen Medienzirkus mitzumischen. Vielleicht wird mein Tweet ja in einer Zeitung zitiert? Ob ich diesmal endlich mehr als vier Likes für meinen Post bekomme? Ich will Klicks! Mehr zu diesem Phänomen im Beitrag von Ekki Kern.

Spätestens an dieser Stelle wende ich mich ab. Denn dann ist das Interesse an soliden Informationen längst der vernetzten Medienmaschinerie gewichen. Und die ist so schnell nicht wieder zu stoppen.

Nachtrag: Am 2. Januar 2014 hat Kai Gniffke, der Erste Chefredakteur von ARD aktuell, im Tagesschau-Blog das Thema aufgegriffen.

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Über udostiehl

Redakteur und Sprecher

3 Kommentare zu “Schumachers Ski-Unfall – zwischen Spekulation und Fakten

  1. Ganz gruselig und Ekel erregend sind ja die „R.I.P. M. Schumacher“-Facebook-Einträge, die bereits kurz nach dem Unfall gewuchert sind wie Schwammerl nach einem warmen Regen…
    Ich wundere mich auch, irgendwie entsetzt es mich sogar, daß seit Bekanntwerden des Skiunfalls von M. S. dieser die Nachrichtenszene im TV förmlich beherrscht – egal, was da an ernsten und vorrangigen Themen vorhanden ist, ob furchtbare, blutige Unruhen in Zentralafrika, die Anschläge in Wolgograd, der Bürgerkrieg in Syrien – Schumi’s Wohl und Wehe werden stets in jeder Nachrichtensendung die ersten Minuten eingeräumt, als hinge die Welt davon ab. Der Mann ist abseits einer Skipiste gefahren, und hatte dabei einen schweren Unfall – hätte es sich um einen Normalsterblichen gehandelt, hätte man achselzuckend gesagt „Selber schuld! Hättest‘ besser mal auf die Experten gehört, die zu Beginn jeden Winters davor warnen, die gesicherten Strecken zu verlassen!“, und hätte sich abgekehrt – von den Verwandten und Freunden mal abgesehen. Vielleicht wäre ein/e Herr/Frau „Normalbürger/in“/Kassenpatient/in an den Unfallfolgen mittlerweile sogar verstorben, denn für so jemanden würde garantiert kein Spezialist aus fernen Landen einreisen, um zu operieren…

  2. Ich bin ein ziemlicher Medien- und Nachrichtenmuffel, da ich die vielen Negativmeldungen nicht brauche, die Politik noch viel weniger. Ich erfuhr es also am Telefon von einer Freundin. Am Abend in den ARD-Nachrichten war ich nicht erstaunt, dass die Meldung kam – ich war lediglich erstaunt, das sie an ERSTER Stelle gesendet wurde. Und das hat mich ein wenig irritiert, obwohl ich dem Menschen M.S. alles Gute wünsche, frage ich mich, warum er seinen persönlichen Kick dadurch steigern muss, dass er abseits der Pisten fährt. Wahrscheinlich ist ihm durch seine Rennfahrerkarriere der Umgang mit der Gefahr und auch mit dem Tod so vertraut, dass es schon ein wenig gefährlicher sein muss als für die Allgemeinheit, wenn er Ski fährt. – Irgendwie erinnert es mich an die Querschnittslähmung von ?, der damals in der Wetten-dass-Sendung verunglückt ist.
    Ich wünsche einen unglücksfreien Rutsch ins neue Jahr!

  3. […] Ekki Kern über PR-trächtige Genesungswünsche per Twitter an Michael Schumacher Udo Stiehl über Spekulation vs. Fakten im Fall Schumacher […]

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