Kann denn „Sünde“ Sünde sein?

Darf es niemand wissen, wenn man betrügt? – Doch! Aber dann sollte die Sache beim Namen genannt werden. Das Modewort „Sünder“ in den Nachrichten trägt dazu eher wenig bei. Es verharmlost und verniedlicht – obwohl es in einigen Fällen um Straftaten geht.

Da wären zum Beispiel die gern erwähnten „Umweltsünder„. Die kaufen „Emissionszertifikate„. Klingt doch alles ganz entspannt. Natürlich ist die Wortwahl pure Propaganda der Energielobby. Die möchte nämlich nicht hören und lesen, dass hier Umweltverschmutzer Verschmutzungsrechte kaufen.

Auch von „Steuersündern“ ist wieder reichlich die Rede. Die zeigen sich inzwischen oft selbst an und manche sind zu Tränen gerührt. Andere vermuten ihre Daten auf „Steuersünder-CDs“, die für viel Geld den Besitzer gewechselt haben. Mal abgesehen davon, dass die Datenträger vermutlich längst kleine Festplatten oder USB-Sticks sind – es geht um mutmaßliche Steuerhinterzieher bzw. Steuerbetrüger. Das darf man Lesern und Hörern auch gerne so sagen.

Der nächste „Blitzer-Marathon“ dürfte auch nicht mehr lange auf sich warten lassen. Dann wird „Jagd“ auf „Temposünder“ gemacht. Dieses Sprachbild an sich kann man sich schon auf der Zunge zergehen lassen. Was da so harmlos als „Temposünder“ beschrieben wird, beschreibt aber eigentlich einen rücksichtslosen Autofahrer, der sich und andere in Todesgefahr bringt.

Nicht zu vergessen: die „Dopingsünder„. Von denen haben es einige so weit getrieben, dass Millionensummen an Sposoren-Geldern zurückgefordert werden. Sind die Damen und Herren „Dopingsünder“ nicht treffender als Sportbetrüger umschrieben?

Nicht, dass mir demnächst noch Raubkopierer als „Internetsünder„, Diktatoren als „Demokratiesünder“ und Vergewaltiger als „Sexsünder“ verkauft werden.

Also, liebe „Sprachsünder“ – die Ihr eigentlich Verharmloser genannt werden müsstet:  Lasst Euch bekehren – und verkündet die Wahrheit! Amen!

(Bild: Udo Stiehl)

Advertisements

Über udostiehl

Redakteur und Sprecher

2 Kommentare zu “Kann denn „Sünde“ Sünde sein?

  1. Fabian Schmidt sagt:

    >>Kein Mensch bezeichnet einen Dieb oder einen Betrüger als „Eigentumssünder“ oder einen Urkundenfälscher als „Urkundensünder“; würde man einen Vergewaltiger als „Sexualsünder“ bezeichnen, wäre die Empörung groß. Nur Steuerstraftäter sind immer noch possierliche „Steuersünder“.<<

    Entweder liest man bei der Süddeutschen Ihren Blog oder hat zumindest ähnliche Ansichten.
    http://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/selbstanzeige-nach-steuerbetrug-der-staat-als-schweinchen-schlau-1.1879208

  2. Gefällt mir „Süßigkeiten-Sünderin“ sehr, da es meinem Sprachempfinden nahe kommt. Nur bei den „Temposündern“ bis +10 km/h mehr bitte ich doch, nicht gleich an Todesgefahr zu denken, mein kleiner Twingo fährt hoffentlich nie in seinem oder meinem Leben jemanden tot, auch wenn das Navi wegen Geschwindigkeitsüberschreitung oft klingelt – aber dann reiße ich mich zusammen und gehe sofort vom Gas.

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.