Krz. Hinw. f. Journos z. Abk.

Liebe Journos. Sie fühlen sich nicht angesprochen? Ich auch nicht. Und damit das so bleibt, möchte ich hier eine Lanze brechen für vollständige Begriffe und Bezeichnungen. Abkürzungen verströmen nämlich ziemlich schnell den Hauch von Flapsigkeit, die besonders in Nachrichtentexten nichts verloren hat.

Journos ist die Abkürzung für Journalisten und schwappt gerade aus dem englischsprachigen Raum zu uns herüber. Sie sparen mit dem Begriff fünf Buchstaben. Das ist z.B. auf Twitter ein beachtlicher Platzgewinn. Einen ernstzunehmenden Satz kann man damit außerhalb von Kurzmitteilungsdiensten nicht bilden. Möchten Sie als Journo bezeichnet werden? Ich nicht. Und wer mich so nennt, den kann ich nicht wirklich ernst nehmen. Stellen Sie sich mal folgende Meldung vor:

Nach Infos von Journos haben an der Uni mehrere hundert Studis gegen ihre Profs demonstriert.

Ja, das ist konstruiert. Zumindest aber die „Uni“ schafft es inzwischen schon regelmäßig in die Nachrichten.

„Vor der Uni erstmal die Welt studieren“,

titelt die WAZ und schreibt im nachfolgenden Satz:

„Und dann ist das Abi plötzlich da und damit auch die Entscheidung, was ihr danach machen wollt: Sofort studieren?“

Dass bei der Funke-Gruppe schon ganze Redaktionen dem Spardiktat der Geschäftsführung zum Opfer fielen, ist leider hinlänglich bekannt. Jetzt erstrecken sich die Kürzungen wohl auch noch auf die Texte der wenigen verbliebenen Kollegen. Warum also „Uni“ und „Abi“ statt „Universität“ und „Abitur„? Klingt cooler? Rockt bei der Zielgruppe? Ehrlich gesagt – keine Ahnung.

Natürlich sind Abkürzungen nicht per se falsch. Umgangssprachlich erfüllen sie in den oben genannten Beispielen sogar überwiegend ihren Zweck: Schnell mal eben zusammengefasst einen Sachverhalt dargestellt, was der Prof heute so den Studis an der Uni erzählt hat. Und auch, wenn Nachrichten eine ähnliche Aufgabe haben – nämlich schnell einen Sachverhalt zusammenzufassen – mit Abkürzungen dieser Sorte gelingt das nicht.

Es hat eine ganz Reihe von Versuchen gegeben, Umgangssprache in die Nachrichtensprache einzubinden. Bei einigen Experimenten war ich dabei und durfte das bedauerliche Ergebnis betrachten. Fachbegriffe und geschraubtes Politikerdeutsch umzuformulieren war stets das Einzige, das funktioniert hat. Sobald aber nur der Klang von Umgangssprache – z.B. durch die o.g. Abkürzungen – ins Spiel kam, war Heiterkeit das Ergebnis. Die Sprache lenkte zu sehr vom Inhalt ab und der Inhalt wurde nicht mehr als Glaubwürdig empfunden.

Anders verhält es sich bei Abkürzungen, die geläufig sind oder mit einer kurzen Erklärung im weiteren Meldungstext verwendet werden können. Eines der Parade-Beispiele ist sicher der ADAC. Den Automobilclub kennt nahezu jeder. Da ist selbst im Leadsatz nicht mehr notwendig, ihn zu umschreiben. Es genügt, als Synonym den „Automobilclub“ oder die „Interessenvertretung von Autofahrern“ zu erwähnen. Ähnlich ist es bei der UNO. Die Bezeichnungen „UNO“ und „Vereinte Nationen“ sind gleichwertig – jeder weiß sofort, worum es geht. Dass einige Politiker nach wie vor in ihrer eigenen Sprachwelt bleiben und von den „VN“ sprechen – geschenkt. Dann übersetzen wir das eben für unsere Leser, Zuschauer und Hörer.

Schwieriger wird es, wenn es sich um Institutionen handelt, die nicht jeden Tag in den Nachrichten erwähnt werden. Nehmen wir als Beispiel die OSZE. Hinter ihr verbirgt sich das Wortungetüm der „Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa„. Das sind 55 Zeichen. Im Standardmanuskript fast eine ganze Zeile. Wie soll man damit umgehen? Hier ein unüberzeugender Versuch der Neuen Luzerner Zeitung, die titelt:

OSZE-Treffen teurer als WEF

Aha. Irgendein Treffen ist teurer als mein Schnellkochtopf. Nee. WEF. Das Word Economic Forum. Im deutschsprachigen Raum eher bekannt als Weltwirtschaftsforum, was abgekürzt dann WWF wäre. Oh. Das ist aber doch der World Wildlife Fund mit dem knuddeligen Pandabär. Schon verständlicher kommt das Tagblatt aus der Schweiz daher:

OSZE-Treffen wird teurer als das World Economic Forum

Immerhin wird hier erkennbar, dass es wohl um den Vergleich zweier Konferenzen geht. Mehr leider aber auch nicht. Ich will niemandem zu nahe treten, aber nach einer ausgiebigen Google-News-Recherche ist mir nichts griffigeres aufgefallen. Mein Vorschlag wäre:

Sicherheit für OSZE-Konferenz teurer als bei Weltwirtschaftsgipfel

Sicher nicht der Stein der Weisen. Aber wenigstens wird deutlich, dass es um die Kosten für den Schutz der OSZE-Tagung geht – und nicht um die Veranstaltungskosten an sich. Mit anderen Worten: Es ist zumindest einen Versuch wert, Abkürzungen im Leadsatz weitgehend zu vermeiden, oder zumindest auf die unbekanntere Abkürzung zu verzichten.

Weil Abkürzungen nicht nur im Nachrichtenjournalismus eine große Rolle spielen, sondern auch in der Magazinberichterstattung, wäre es schön, wenn Sie Beispiele und Lösungen in den Kommentaren ergänzen würden.

Thx & MfG

(Bild: privat, Abkürzung zum Strand in Dänemark)

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Über udostiehl

Redakteur und Sprecher

5 Kommentare zu “Krz. Hinw. f. Journos z. Abk.

  1. udostiehl sagt:

    Sie haben vollkommen richtig erkannt, dass da Unsinn von mir geschrieben wurde. In der Tat ist es umgekehrt richtig. Danke, dass Sie auf den Fehler aufmerksam gemacht haben.

  2. schwertlilie sagt:

    Zum Verständnis: Unterliege ich einem Denkfehler oder verkehrt die vorgeschlagene Überschrift die eigentliche Aussage ins Gegenteil? Wenn das „OSZE-Treffen teurer als WEF“ ist, ist damit doch sicher nicht gemeint, dass die Sicherheitskosten für den Weltwirtschaftsgipfel höher sind als für das OSZE-Treffen.

  3. „Begriffsstutzig“, wie ich mich stellen kann, habe ich anfangs oft gefragt, was denn gemeint sei mit diesen OMG, GLG und sonstigen Verkürzungsungeheuern. Ich leiste es mir immer noch, „liebe Grüße“ darunter zu setzen oder gar nichts zu schreiben.
    Wir nannten das immer den „AküFi“ = Abkürzungsfimmel.
    Mehr Beispiele habe ich gerade nicht parat.

  4. AKÜSPRA ist gr.-haft. Am schl. i. SMS.

  5. Hach, ich lese hier seit geraumer Zeit begeistert mit und finde diese Texte großartig und wichtig und möchte sie am liebsten allen Kollegen vor den Kopf knallen (wenn da nicht oft schon ein Brett wäre). Alein, ich fürchte, Ihre, unsere Mühe wird nicht belohnt. Aber ich will die Hoffnung nicht aufgeben. In diesem Sinne: weiter so, bitte.

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