Der Beißreflex gegen ARD und ZDF funktioniert immer

In der Ukraine ist ein Ultimatum abgelaufen und die Polizei beginnt, den zentralen Platz in der Hauptstadt Kiew zu räumen. Ein wichtiges Nachrichtenthema. Sehr wichtig sogar. Was sich während dieser Entwicklung auf  Twitter abspielte, war einerseits vorbildlich für schnellen und ordentlichen Journalismus. Andererseits aber bot es den Claqueuren, die jede Gelegenheit nutzen, um öffentlich-rechtliche Sender zu kritisieren, eine willkommene Plattform. Was ist das Motiv?

Es ist wie ein Beißreflex: Gibt es auch nur den Hauch eines Zweifels über das Tun und Lassen von ARD, ZDF und DeutschlandRadio, dann schnappt das geschärfte Gebiss zu. Bei Twitter muss dieser Biss besonders kurz und schmerzhaft ausfallen, denn es stehen nur 140 Zeichen zur Verfügung. Da wird dann nicht mehr differenziert und abgewogen. Da muss der Biss sitzen.

Dass dabei pauschalisiert und teilweise radikalisiert wird, gehört für einige Twitterer wohl zum „guten Ton“. Je schärfer der Text formuliert ist, umso höher die Wahrscheinlichkeit, retweetet und gefavt zu werden. Klickgeilheit regiert und steigert das Selbstbewusstsein in der Timeline. Inhaltliche Fragen müssen da schon mal zurückstehen.

Aufmerksam auf den heraufziehenden Sturm wurde ich durch einen Tweet eines Kollegen aus München:

Zum Zeitpunkt dieses Tweets, nämlich 22.16 Uhr, hatte Report Mainz allerdings sehr wohl über die Entwicklungen in der Ukraine berichtet. Und zwar live in einer Telefonschaltung zur ARD-Korrespondentin Golineh Atai. Das hätte aber wohl nicht so schick in diesen Tweet gepasst, denn dann wäre das gewünschte Bild der „sämtlich unbeteiligten Sender“ nicht mehr möglich gewesen. Auf die Live-Schaltung hingewiesen zuckte der Kollege zwar zurück und retweetete meinen Einwand an seine Timeline. Dennoch legte er nach:

Ja, in der Tat darf man von Nachrichtensendern mehr erwarten. Nur sind ARD und ZDF keine Nachrichtensender. Sie sind so genannte Vollprogramme. Entsprechend berichten sie in den Nachrichtensendungen natürlich ausführlich – auch über die jüngsten Ereignisse in der Ukraine.

Direkt nach Report München schalteten die Tagesthemen noch einmal live zu Golineh Atai nach Kiew. Sie stand im sechsten Stock des Hotels Ukraina, direkt am Maidan-Platz gelegen. Im Hintergrund zu sehen waren auch die Feuer und die Menschenmenge, die sich gegen die Polizei zur Wehr setzt. Auch das reichte aber offenbar nicht aus:

Parallel dazu wird von interessierter Seite der Springer-Presse suggeriert, alle Reporter befänden sich bei den Olympischen Winterspielen in Sotschi:

Was natürlich Quatsch ist, denn in Kiew sind trotz der Spiele reichlich Journalisten am Ort. Passt aber irgendwie auch nicht in das gewünschte Bild, das von öffentlich-rechtlichen Sendern gezeichnet werden soll. Stattdessen nutzen die Claqueure der Bild-Zeitung die Gunst der Stunde, um für sich selbst zu trommeln:

Jan-Eric Peters ist übrigens der Chefredakteur der Welt-Gruppe im Springer-Konzern. Was er während der nachrichtlichen Berichterstattung über die Entwicklung in der Ukraine betreibt, bringt Medienjournalist Stefan Niggemeier auf den Punkt:

Was treibt Menschen, die sich als Journalisten einstufen eigentlich dazu, selbst auf dem Rücken dramatischer politischer Entwicklungen nicht besseres zu tun zu haben, als die Konkurrenz zu diskreditieren? Natürlich ist es kritikwürdig, dass selbsternannte „Nachrichtensender“ wie N24 (den Springer jüngst kaufte) oder n-tv nicht berichten, weil das automatische Programmschema schon von der Festplatte läuft. Sicher ist es auch kein Ruhmesblatt für ARD und ZDF, angesichts der Ereignisse in Kiew auf einen Brennpunkt oder ein ZDF-Spezial zu verzichten.

Die Situation über ein Medium wie Twitter aber nur auszunutzen, um sich selbst als privatwirtschaftlichen Verlag ins rechte Licht zu rücken und pauschal das öffentlich-rechtliche System niederzumachen, ist niederträchtig. Und irgendwie auch so durchschaubar. Dieser Beißreflex ist keine professionelle Haltung zur journalistischen Arbeit. Er spiegelt vielmehr einen Mechanismus wider, der besonders in sozialen Medien zum Volkssport geworden ist: Bashen. Draufhauen. Je pauschaler umso viraler. Oder wie es ein Twitterer ausgesprochen treffend beschrieb:

(Bild: Susanne Peyronnet)

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Über udostiehl

Redakteur und Sprecher

3 Kommentare zu “Der Beißreflex gegen ARD und ZDF funktioniert immer

  1. Der Beißreflex wird ja Hunden zugeordnet – und die können bei solchen Leuten oder Jornalisten oder anderen, die vor allem ihre Geltungssucht befriedigen wollen – nicht nur bei Twitter – meines Erachtens nichts dafür, die armen Hunde. 🙂

  2. Phoenix hatte ausgiebig über die Ukraine berichtet. Und macht es immer noch. Twitter ist ein Affektmedium, man darf es nicht Ernst nehmen.

  3. […] Erklärungsversuch für die geringe Präsenz der Ukraine in den Nachrichten der ÖR habe ich heute bei Udo Stiehl gefunden. Lesenswert auch wenn es am Ende wohl daraus rausläuft, dass […]

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