Fieberhafte Floskelsuche auf Hochtouren

Wie kommen Ermittler eigentlich auf eine heiße Spur? Durch ordentliche Polizeiarbeit, werden Sie vermutlich antworten. Gelegentlich hilft auch Kommissar Zufall. Ist der Fall gelöst, wird die frohe Kunde per Pressemitteilung veröffentlicht. So weit – so üblich. Es gibt aber noch eine andere Theorie, warum die Spur so heiß gewesen sein könnte:

Während der Ermittlungen müssen hohe Temperaturen entstanden sein. Nachweislich mehr als 37 Grad – schließlich muss das unzähligen Nachrichtenmeldungen zufolge die Mindestbetriebstemperatur für Fahnder sein:

Polizisten suchen in der Kälte fieberhaft nach 85-Jährigen,

titelt der Nordkurier, um den Temperaturunterschied besonders deutlich hervorzuheben. Auch in Österreich ist das Engagement der Ermittler auf dem Thermometer ablesbar. Steht in der Tiroler Tageszeitung:

Die Kripo Innsbruck geht weiterhin fieberhaft jedem Hinweis nach, um den Mörder der jungen Französin zu fassen.

Die erhöhte Temperatur kann in solchen Fällen auch über lange Zeit stabil bleiben:

Seit eineinhalb Jahren sucht die Polizei fieberhaft nach dem Vierfachmörder aus den französischen Alpen,

meldet die Frankfurter Neue Presse.

Die „fieberhafte“ Suche erstreckt sich inzwischen auch über viele andere Ressorts. Zum Beispiel wird in der Sportberichterstattung nach nahezu jeder Trainer-Entlassung „fieberhaft“ nach einem Nachfolger gesucht, wahlweise auch nach einem Ausweg aus der Krise oder nach einer neuen Strategie gegen den „Angstgegner“.

Einen zusätzlichen Dreh kommt in diese Formulierung bei einem Blick in den Duden zur Bedeutung von „fieberhaft“:

  • mit Fieber verbunden
  • angestrengt und eilig; hektisch
  • von einem seltsamen, erregenden Zauber erfüllt

Und wo es hier gerade um den zusätzlichen Dreh geht: Erhöhte Temperaturen während der Ermittlungen könnten auch auf hohe Drehzahlen zurückzuführen sein:

Nach der Bombendrohung gegen eine Bank laufen die Ermittlungen der Polizei auf Hochtouren,

stellt der Remscheider General-Anzeiger fest. Das könnte daran liegen, dass eine Standardfloskel aus der Pressestelle in den Text gerutscht ist, die wegen exzessiver Abnutzung dringend ausgemustert gehört. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung ist in diesem Punkt trickreich und entlarvend zugleich – sie zitiert:

Die Ermittlungen laufen „auf Hochtouren“, wie ein Polizeisprecher in Hofheim am Morgen sagte. 

Wer also dazu beitragen möchte, Wortstanzen aus Nachrichtentexten zu verbannen, sollte es wohl besser nicht so machen, wie die BILD. Ihr gelingt das zweifelhafte Kunststück, die Temperatur gleich in zwei aufeinanderfolgenden Sätzen fieberhaft auf Hochtouren zu bringen:

Unterdessen laufen die Ermittlungen im Fall Edathy auf Hochtouren! Fieberhaft versucht die Bundespolizei, den Dienst-Laptop des Ex-Abgeordneten zu finden.

Das Ausrufezeichen leihe ich mir ausnahmsweise aus. Damit ich Ihnen nicht nur sagen, sondern zurufen kann:

Packen Sie „fieberhaft“ und „Hochtouren“ in den Giftschrank! Und zwar mit Hochdruck!

Bild: Susanne Peyronnet

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Über udostiehl

Redakteur und Sprecher

Ein Kommentar zu “Fieberhafte Floskelsuche auf Hochtouren

  1. Populäre Floskeln in den Medien gibt es in der Tat zuhauf. In meinem Blog habe ich mich jüngst mit der „Kampfabstimmung“ beschäftigt: http://hottelet.wordpress.com/2014/02/20/die-liebste-wahl-der-medien-die-kampfabstimmung/

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