Nachrichten in der Zukunft – mein antizyklischer Vorschlag

Höher, schneller, weiter – lauter, schriller, bunter. So lässt sich die Debatte um den „Journalismus der Zukunft“ grob zusammenfassen. Es wird viel experimentiert und spannende Projekte tauchen hier und da als Ergebnisse auf. Vergleichsweise still ist es, wenn der „Nachrichten-Journalismus der Zukunft“ thematisiert wird. Diese Diskussion möchte ich ein wenig befeuern. Und zwar mit einem antizyklischen Vorschlag:

Kaum ein Tag vergeht, an dem nicht von irgendeinem neuen „Journalismus der Zukunft“ fabuliert wird. Glaubt man den teils selbsternannten Branchengrößen, ist alles, was bisher geschrieben und gesendet wurde, ohnehin akut vom Aussterben bedroht. „Contentschleudern“ werden als vorbildlich bezeichnet, wenn sie fremde Inhalte zusammenraffen und mit reißerischen Überschriften „viral gehen“ lassen. Eine ganze Konferenz-Industrie sorgt dafür, dass Medienkongresse die Säle füllen. Die meisten davon mit dem Anspruch, jetzt endlich das Rad neu zu erfinden – am Ende aber doch nur ein Klassentreffen der üblichen Verdächtigen in Erinnerung bleibt. 

1989 beim Schnitt an der Bandmaschine PR-99 (Bild: privat)

1989 beim Schnitt an der Bandmaschine PR-99
(Bild: privat)

Als „altes Nachrichtenschlachtschiff“ mit fast 25 Berufsjahren habe ich einige wichtige Veränderungen in den Medien spürbar miterlebt: Die Umstellung von Analog auf Digital, die ganze Berufe hat aussterben lassen. Die Einbindung des Internets, die wiederum zu neuen Berufsbildern geführt hat. Den einschneidendsten Wandel jedoch gab es im Umgang mit dem journalistischen Handwerk. 

Wir sind schneller geworden

Nachtschicht 1992 am ersten computergestützten Nachrichten-System BaSys. (Bild: privat)

Nachtschicht 1992 am ersten computergestützten Nachrichten-System BaSys.
(Bild: privat)

Was ich als Praktikant noch als Endlospapier aus dem höllenlauten Fernschreiber gezogen habe, mit einem Lineal in einzelne Meldungen zerteilte und dann anhand von Ressortkennungen und Meldungsnummern auf kleine Häufchen sortierte, rauscht heute lautlos über den Bildschirm – fertig sortiert, komplett durchsuchbar und in endlos häufiger Kopie an jedem Arbeitsplatz verfügbar. Audiobeiträge haben keine Kennziffern mehr, damit man im Hauptschaltraum einen (!) Mitschnitt auf Band bestellen konnte – die Files treffen heute direkt im Zentralspeicher ein und können sofort verarbeitet werden. Nur beim Senden hat sich nichts verändert. Schneller als live geht auch heute noch nicht.

Wir machen mehr Fehler

Im analogen Nachrichten-Studio 1994, Techniker fährt die Sendung. (Bild: privat)

Im analogen Nachrichten-Studio 1994, Techniker fährt die Sendung.
(Bild: privat)

Dass an einem typischen Nachrichtentag um die 4.000 Einzelmeldungen über den Agenturschirm jagen, erleichtert den Überblick nicht. Der Drang nach Geschwindigkeit hinterlässt seine Spuren. Auf Seite der Agenturen, die in einem gnadenlos Wettbewerb untereinander stehen. Und auf Seite der Redaktionen, die oft dem falschen Ehrgeiz haben, schneller als die Konkurrenz zu sein. Das Ergebnis sind häufig mittelmäßig formulierte Meldungen, unvollständig recherchierte Berichte und eine Menge von Flüchtigkeitsfehlern. Vieles lässt sich kurz vor der Sendung noch ausbügeln – leider nicht alles.

Schon an dieser Stelle könnte man auf die Idee kommen, dass irgendetwas falsch läuft im Nachrichtengeschäft. Appelle zu mehr journalistischer Sorgfalt sind immer wieder zu hören – Vorschläge zur Umsetzung dagegen kaum zu vernehmen. Denn es kommt noch eine dritte Komponente hinzu.

Wir sind weniger geworden

Gute Redakteure kosten Geld. Wer „Qualitätsjournalismus“ predigt, muss entsprechende Fachleute beschäftigen, die diesen Anspruch umsetzen. Und wenn er das auf längere Sicht so halten will, muss er kontinuierlich neue Leute ausbilden. Natürlich wissen Sie und ich, dass das so in der Realität kaum vorkommt. Selbst in öffentlich-rechtlichen Anstalten wird Personal abgebaut – auch in den Redaktionen. 

Langer Rede – kurzer Sinn: Das ist die Ausgangslage. Auf dieser Basis wird diskutiert, wie „Journalismus der Zukunft“ aussehen kann.

Komplett digitales Nachrichten-Studio von WDR2. Links: Audio-Steuerung; Mitte: Agenturen; Rechts: Verkehrs-Monitor. Reine Selbstfahrer-Technik.  (Bild: privat)

Komplett digitales Nachrichten-Studio von WDR2. Links: Audio-Steuerung; Mitte: Agenturen; Rechts: Verkehrs-Monitor. Reine Selbstfahrer-Technik.
(Bild: privat)

Auch das Thema „Nachrichten“ spielt dabei eine Rolle. Immerhin in dem Punkt kann ich mitreden. Was mir in den vielen Debatten auffällt ist, dass stets die Frage im Mittelpunkt steht, wie mit möglichst wenig Mitarbeitern möglichst viele Meldungen in möglichst verschiedenen Formen produziert und ausgespielt werden können. Im Idealfall schnellstens angereichert mit Bildern, Videos, O-Tönen, Korrespondentenberichten – und bitte sofort verfügbar auf allem, was einen Bildschirm oder einen Lautsprecher hat. Sonst werden wir alle den grausamen Medientod sterben. Mein Ansatz ist umgekehrt.

Meine Vorstellung von Nachrichtenjournalismus mit hoher Qualität beginnt damit, schon in der Definition von Nachrichten engmaschige Filter anzuwenden.

Nur wenn ausschließlich nachrichtenrelevante Themen bearbeitet werden, reichen die begrenzte Zahl an Redakteuren und die Zeit aus. Dazu müssen übrigens keine neuen Kriterien erfunden werden. Es genügt, die bestehenden konsequent anzuwenden:

  • Stellen Sie sich vor, wie viele Meldungen über Statements von Politikern wegfallen würden, wenn der Grundsatz „Nachrichten sind Neuigkeiten“ wieder beherzigt würde. Ist eine Aussage nicht neu oder führt sie nicht in der Abbildung einer öffentlichen Debatte weiter – weg damit!
  • Und stellen Sie sich vor, Nachrichten würden nur über Ereignisse berichten, die bereits geschehen sind – also Ergebnisse und Fakten statt Ankündigungen und Mutmaßungen. Vorberichte und Spekulationen – weg damit!
  • Natürlich ist diese Form des Filters variabel. Zielgruppen, Sendezeiten und Ausspielwege müssen berücksichtigt werden. Am Ende dürfte der Nachrichtentisch dennoch ziemlich leergefegt sein.
Digitaler Redakteurs-Platz der WDR2-Nachrichten. Links: Agenturen- und Audio-Listen; Rechts: Meldungs-Pool und Sendeplanung. ((Bild: privat)

Digitaler Redakteurs-Platz der WDR2-Nachrichten. Links: Agenturen- und Audio-Listen; Rechts: Meldungs-Pool und Sendeplanung. (Bild: privat)

Damit ist die Voraussetzung geschaffen, die verbliebenen Themen wirklich intensiv und anspruchsvoll aufzuarbeiten. Es ist ausreichend Zeit, die Meldungen sukzessive anzureichern mit Mehrwert – seien es wichtige O-Töne oder Korrespondentenberichte, die nicht nur zusammenfassen, sondern auch einordnen. Je nach Ausspielweg weiterführende Links, Grafiken und Bilder. Und zwar wesentlich ausführlicher als bisher.

Mein zweiter Punkt ist die Veränderung der Nachrichtensprache.

Es hat bereits reichlich Versuche gegeben, an der Wortwahl, am Satzbau und an der Präsentationsform zu schrauben, damit es „jugendlicher“, „lockerer“ oder „moderner“ klingt. Die meisten Experimente sind gescheitert, weil in der einen oder anderen Form die sachliche Anmutung und damit die Glaubwürdigkeit verloren ging.

Genau diese Sachlichkeit ist nach meiner Einschätzung der Schlüssel. Weg von jeglicher Dramatik – hin zu einer bewusst sehr sachlichen Sprache. Im Nachrichtengeschäft hat es in den vergangenen Jahren, angeführt vom Privatfunk, geradezu einen Wettlauf um „mehr Emotion“, „mehr Nähe“ und „bildhafte Texte“ gegeben. Viele öffentlich-rechtliche Sender haben sich anstecken lassen – und sind in manchen Regionen von ihrer privaten Konkurrenz kaum noch zu unterscheiden.

An dieser Stelle könnten Nachrichten wieder zu einer echten Marke werden. Das Alleinstellungsmerkmal der absolut sachlichen Sprache würde einen Wiedererkennungswert erzeugen – und zusätzlich die Glaubwürdigkeit der Nachrichten untermauern: 

  • Weg also mit allen unnötigen Adjektiven (verheerendes Erdbeben, tragischer Tod, schrecklicher Unfall, dramatische Rettung, etc.) – inhaltlich wird die Meldung um nichts ärmer.
  • Außerdem kritischer Umgang mit Zuspitzungen. Nicht jeder Meinungsaustausch ist sofort ein „Streit“, nicht jede lebhafte Debatte ein „Krach“ und auch nicht jede Diskussion innerhalb einer Koalition eine „Regierungskrise“.
  • Letztlich müssen noch viele von interessierter Seite gesetzte „Kampfbegriffe“ hinterfragt und gegebenenfalls gestrichen werden. Schlimmstes Beispiel sind die „Döner-Morde“. So etwas hätte es niemals in ein Nachrichtenmanuskript schaffen dürfen.

Eine wesentlich strengere Definition von Nachrichtenrelevanz gepaart mit einer absolut sachlichen Sprache – so lautet mein Vorschlag für ein neues Format.

Eben nicht höher, schneller, weiter und lauter, schriller, bunter. Sondern unaufgeregt und fundiert, journalistisch anspruchsvoll und mit heutigen Personalresourcen umsetzbar. Selbstverständlich nicht nur ins lineare Programm eingebunden, sondern über alle wichtigen Ausspielwege verfügbar. Das ist meine Vorstellung vom Nachrichtenjournalismus der Zukunft.

(Titelbild: Fabian Mohr)

Advertisements

Über udostiehl

Redakteur und Sprecher

3 Kommentare zu “Nachrichten in der Zukunft – mein antizyklischer Vorschlag

  1. […] nicht. Das ist keine Attacke auf die Glaubwürdigkeit der Sendung, wie zum Beispiel beim Kollegen Udo Stiehl zu lesen ist, und es bedeutet auch nicht, dass nachrichtliche Grundregeln außer Kraft gesetzt […]

  2. dorotheawagner sagt:

    Wolf Schneider hat 1984 ein wunderbares Buch geschrieben, das „Deutsch für Profis – Wege zu gutem Stil“ heißt und sich speziell an Journalisten wendet. Es müßte Pflichtlektüre in der Ausbildung sein, aber leider haben es die wenigsten Journalisten gelesen – es ist heute aktueller als vor 30 Jahren.

    Zur dramatischen Sprache: http://www.deutschlandschau.tv ist vor kurzem mit der folgenden Nachricht im Internet auf Kundenfang gegangen: „Trauer um Inka – Fans der ZDF-Moderatorin Inka Bause sind geschockt“. Über den banalen und obendrein längst bekannten Inhalt der Nachricht, seine unangemessene Verpackung und die Wirkung auf den unbedarften Leser habe ich in meinem Blog berichtet:
    http://textundsinn.wordpress.com/2014/03/13/schock-und-trauer

  3. Sehr guter Anstoß, danke!

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.