Vor dem Duell mal eben kurz durchzählen

Die Europawahl steht bevor. Neu ist, dass die Spitzenkandidaten der Parteien ihre Positionen in Fernsehdiskussionen vorstellen. Entsprechende EU-weite Sendungen wurden schon angekündigt. Genauer gesagt: TV-Duelle. Besser vorher noch mal kurz durchzählen.

Das Phänomen ist nicht neu – aber irgendwie auch nicht totzukriegen: Wenn eine politische Debatte von besonderer Brisanz ansteht, dann muss die Sendung einen entsprechend wortgewaltigen Namen haben. Wie von Zauberhand geführt kommt am Ende immer etwas mit „Duell“ heraus.

Das ist deshalb bemerkenswert, weil so ein Sendungstitel einen entscheidenden Makel hat: Er funktioniert ausschließlich mit zwei Teilnehmern. Die Rundfunkanstalten haben insgesamt zu sechs Debatten eingeladen. Auf wahl.de sind sie aufgelistet – als TV-Duelle.

Schon die erste Sendung am 28. April auf Euronews macht der Duell-Ankündigung einen Strich durch die Rechnung. Es werden vier Politiker erwartet: Jean-Claude Juncker (EVP), Martin Schulz (PES), Guy Verhofstadt (ALDE) und Ska Keller (EGP). Folglich nennt Euronews seine Produktion „TV-Debatte“, begleitet vom Hashtag #EUdebate2014. 

Dieser Umstand ist zu den Europäischen Sozialdemokraten noch nicht durchgedrungen:

Der Hashtag im Text stimmt immerhin – das #tvduell im Bild dagegen trifft erst auf die zweite Veranstaltung zu (an der nur Schulz und Juncker teilnehmen), dann aber wären zwei Portraitbilder zuviel. Geblendet vom Hashtag #tvduell tappt die konservative Konkurrenz von der EVP übrigens in dieselbe Falle:

Auch der Deutsche Kulturrat meldete sich zu Wort. Geschäftsführer Olaf Zimmermann traut den deutschen Fernsehzuschauern den einfachen Umgang mit Fernbedienungen nicht zu – und kritisiert, dass die zweite große Debatte mit den Spitzenkandidaten auf Phoenix übertragen wird und nicht in den „Hauptprogrammen“ von ARD und ZDF. Auf DWDL wird Zimmermann zitiert:

Das TV-Duell aller Spitzenkandidaten der Parteien wird eine der zentralsten Anlässe zur Entscheidungsfindung und Information der Wähler sein. (…) Europa bedeutet kulturelle und sprachliche Vielfalt – und wo könnte sich diese Vielfalt deutlicher niederschlagen als in diesem Spitzenduell.“

Sprachkultur könnte sich möglicherweise deutlicher beim Deutschen Kulturrat niederschlagen. Denn auch diese Veranstaltung ist kein Duell. Am 15. Mai werden in den RAI-Studios nicht nur die vier Politiker erwartet, die auch bei Euronews bereits debattierten. Als fünfter Gast ist Alexis Tsipras eingeladen, um die Positionen der Europäischen Linken zu vertreten.

Die Runde der fünf Kandidaten ist also weder ein Duell noch ein Triell (ein Duell mit drei Teilnehmern). Für Mathematikfreunde sei zum Triell dieser Link zur „Knobelei“ der Fachhochschule Köln empfohlen.

Mit den beiden „Kampfbegriffen“ bringen wir also maximal drei Teilnehmer unter. Jede größere Runde könnte problemlos als Debatte, Diskussion, Meinungsaustausch, etc. bezeichnet werden. Klingt natürlich nicht so reißerisch wie „Duell“. Wer es dennoch lieber wortgewaltig formulieren möchte, dem sei der „Schlagabtausch“ empfohlen – der hoffentlich verbal bleibt.

(Titelbild: Susanne Peyronnet)

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Redakteur und Sprecher

Ein Kommentar zu “Vor dem Duell mal eben kurz durchzählen

  1. Die politische Berichterstattung verwendet allzu oft Begriffe zur Dramatisierung von eigentlich normalen Ereignissen in der Demokratie. Ein weiteres Beispiel ist die Kampfabstimmung: http://hottelet.wordpress.com/2014/02/20/die-liebste-wahl-der-medien-die-kampfabstimmung/

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