Korinthen aus dem Weltall

„So einen Ausblick haben nur die Astronauten auf der ISS“, schwärmen die Kollegen des Bayerischen Rundfunks in einer Bildunterschrift. Das ist nur teilweise richtig. Denn auch andere Bewohner der Internationalen Raumstation können aus dem Fenster schauen. Die sind – streng genommen – aber keine Astronauten:

Tatsächlich gibt es in der Raumfahrt mehrere Bezeichnungen für Menschen, die das Weltall bereisen. Alexander Gerst, der gerade spannende Dinge von der ISS twittert, ist ein Astronaut. Der Begriff ist zusammengesetzt aus dem griechischen astron, also Stern und nautēs, was so viel wie Seefahrer bedeutet. Übrigens – glaubt man dem Wikipedia-Eintrag – keine Erfindung der NASA, sondern die Wortschöpfung eines französischen Science-Fiction-Autors aus dem Jahr 1927.

Ausgerechnet die Franzosen allerdings nutzen diesen Begriff eher zurückhaltend, denn sie haben mittlerweile eine eigene Bezeichnung für ihre Weltraumfahrer: Spationaute. Das ist wenig überraschend, sorgt sich in Frankreich doch eine eigene Kommission darum, französische Wortschöpfungen vorzugeben. Zum Beispiel heißen Computer dort ordinateur. Das staatliche Gremium arbeitet auf der Grundlage eines Gesetzes, das 1994 in Kraft trat. Der damalige Kulturminister Toubon setzte es durch. Das französische Verfassungsgericht entschärfte es nach einer Klage wegen Einschränkung der Rede- und Meinungsfreiheit. Immerhin sind die Franzosen nun nicht mehr verpflichtet, die Wortschöpfungen der Sprachkommission zu verwenden – es wird ihnen lediglich empfohlen. Wer sich für weitere Details dieses Gesetzes interessiert: Hier ist der Originaltext. Allerdings knicken die Franzosen inzwischen bei der Verwendung des Begriffs Spationaute etwas ein. Selbst das renommierte Wörterbuch Larousse räumt ein:

Ces distinctions tendent à s’effacer avec la multiplication des vols spatiaux réunissant des membres d’équipage de nationalités différentes et astronaute devient plus fréquent que ses deux synonymes.

Bei gemeinsamen Missionen verschiedener Nationen gesteht man also nun auch zu, von Astronauten zu sprechen.

Natürlich ließ es sich die damalige Sowjetunion nicht nehmen, im Raumfahrt-Wettlauf mit dem Konkurrenten USA einen eigenen Begriff zu setzen: Kosmonaut. Die Grundlage bildet hier – wie bei der französischen Wortschöpfung – der Weltraum. Frankreich bediente sich des lateinischen spatium, um den Spationaute zu erfinden – in Moskau entschied man sich für den griechischen kosmos, um den Kosmonauten gegen den US-Astronauten zu setzen. Interessant ist diese Wahl, weil es Rückschlüsse auf die damalige Philosophie der Raumfahrt-Nationen zulässt. Ein Astronaut ist wörtlich ein „Sternenfahrer“, also jemand, der einen Himmelskörper zum Ziel hat und dort womöglich auch landen möchte. Ein Kosmonaut dagegen hat den Weltraum zum Ziel, was im Vergleich zum US-amerikanischen Begriff etwas schwächer klingt, aber andererseits einen breiteren Forschungsauftrag signalisiert.

Auch China ist inzwischen eine Raumfahrt-Nation. Selbstverständlich geht es auch dort nicht ohne eigenen Begriff für die Raumfahrer: Taikonauten. Hier liegen zwei chinesische Wörter zugrunde, die sich als Weltraum übersetzen lassen. Übrigens ist die chinesische bemannte Raumfahrt noch ziemlich jung: Nach eigenen Angaben reiste im Auftrag der Regierung 2003 der erste Taikonaut ins All. Und der Duden verkündet stolz:

Dieses Wort stand 2004 erstmals im Rechtschreibduden.

Im Gegensatz zu China verzichtet Japan auf eine eigene Wortschöpfung. Die Liste der Begriffe wird dennoch länger, denn auch Indien möchte Menschen in den Weltraum schicken. Die Indian Space Research Organisation arbeitet an Forschungsprogrammen dazu und kündigt auf ihrer Webseite zunächst vergleichsweise bescheidene Ziele an:

The objective of Human Spaceflight Programme is to undertake a human spaceflight mission to carry a crew of two to Low Earth Orbit (LEO) and return them safely to a predefined destination on earth.

Wer dann – vermutlich frühestens 2016 – in etwa 300 km Höhe um die Erde reist, wird auf jeden Fall kein indischer Astronaut sein. Einen eigenen Begriff gibt es nämlich schon: Vyomanaut. Der kommt aus dem Sanskrit (vyomagami) und bedeutet so viel wie „sich am Himmel bewegen“.

Und dann sind da noch die Angkasawan aus Malaysia. Diese Raumfahrer (es gibt exakt zwei an der Zahl) heißen genauso wie das Forschungsprogramm der nationalen Weltraumagentur. Und sie waren sogar schon im All. 2007 nahmen sie an einer russischen Mission teil.

Freundlicherweise hat die ESA auf einen eigenen Begriff wie „Euronauten“ verzichtet und nennt ihre europäischen Raumfahrer Astronauten.

Muss das in jeder Meldung berücksichtigt werden? Ich denke, nein. In vielen Fällen dürfte das eher zu Verwirrung führen. Und es hat dazu auch ein sehr besserwisserisches G’schmäckle, wenn der Redakteur sein Weltraum-Halbwissen zu Markte trägt. „Raumfahrer“ passt immer und ist – wie Astronaut – ein geläufiger Begriff.

Bild: ESA

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Ein Kommentar zu “Korinthen aus dem Weltall

  1. nona sagt:

    Ich weiss ehrlich gesagt garnicht, ob die Chinesen „Taikonaut“ verwenden oder nicht (ich bezweifele es mal so ein wenig). Aber wenn sie es verwenden, dann haben sie es nicht erfunden. Der Begriff entstammt dem Usenet der späteren 1990er, namentlich irgendeiner der sci.space.*-Gruppen (eventuell sci.space.policy, weil da am ehesten zu dem Zeitpunkt schon über die absehbaren chinesischen Raumfahrtbestrebungen diskutiert wurde).

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