Wieviele Unwetterwarnungen hätten Sie denn gern?

Der frühere ARD-Wetterfachmann Jörg Kachelmann schießt gegen seinen damaligen Arbeitgeber, es sei nicht ausreichend vor der Gewitterfront über Nordrhein-Westfalen gewarnt worden. In seiner polemischen Kritik macht er WDR-Intendant Tom Buhrow für den Tod von fünf (je nach Quellenlage auch sechs) Menschen verantwortlich. Was steckt hinter dieser unsachlichen Debatte?

Zäumen wird das Pferd mal von hinten auf. Was würde wohl diskutiert, wäre die Gewitterfront am Montag ohne größere Schäden über Nordrhein-Westfalen hinweggezogen? Es wäre genau die Debatte, die im Dezember nach dem Sturmtief „Xaver“ aufkam. Vom „Sturm im Wasserglas“ war damals die Rede. Es sei „Panikmache“ betrieben worden. Die Berichterstattung sei „durch die Medien gefegt“. Als in der ARD dazu ein „Brennpunkt“ ausgestrahlt wurde, mokiert sich die FAZ anschließend über „fuchtelnde Deichgrafe“:

„Der Orkan Xaver zieht über die Nordseeküste hinweg. Reporter kämpfen auf den Nordseeinseln gegen den Wind an. Die übrigen Menschen in den betroffenen Gebieten scheinen hingegen gut gewappnet zu sein.“

Der Kommentator resümiert, es sei alles „nicht so schlimm“ gewesen und dennoch werde wohl ein weiterer „Brennpunkt“ folgen.

Tatsächlich hatten sich die „Menschen in den betroffenen Gebieten“ gut gewappnet. Und das ist wenig überraschend, es handelt sich nämlich um intelligente Wesen, die eine Unwetterwarnung zur Kenntnis nehmen und daraus ihre Schlüsse ziehen. Das haben auch am vergangenen Montag die meisten Menschen in Nordrhein-Westfalen getan. Unter anderen der WDR verbreitete (was übrigens zu seinen Grundversorgungspflichen gehört) Unwetterwarnungen des Deutschen Wetterdienstes.

Nun ist es aber am Montag nicht glimpflich ausgegangen. Reflexartig wendet sich nun die Kritik auch wieder gegen die Medien und speziell gegen den WDR als Landesrundfunkanstalt. Diesmal sei zu wenig gewarnt worden:

„Es hilft nichts, falls Sie mal kurz abends eine Unwetterwarnung nach den Nachrichten gehabt haben sollten. Von denen gibt es inzwischen so viele, dass das kaum noch jemand ernst nimmt“,

kritisiert Kachelmann.

Der Deutsche Wetterdienst gibt bei jeder möglichen Gefahrenlage eine Warnung heraus, die dann sofort gesendet wird. Zu Zeiten typischer Wetterlagen im Hochsommer oder auch im Herbst gehen solche Warnmeldungen fast täglich über den Sender. Daraus aber den Schluss zu ziehen, sie würden wegen ihrer Häufigkeit kaum noch ernst genommen, ist gefährlich.

Stellen Sie sich vor, es würden nur noch Unwetterwarnungen veröffentlicht, die besonders großes Katastrophen-Potenzial hätten. Das wäre in etwa so, als würden wir nur noch Falschfahrer melden, die in Autobahnkreuzen und auf stark befahrenen Strecken unterwegs sind.

Bei Unwettern wie bei Falschfahrern kann niemand zu 100% vorhersagen, wie es ausgeht. Die meisten Gewitter und Stürme ziehen vorüber, ohne größere Schäden zu verursachen. Und die meisten Falschfahrer können gestoppt werden, bevor ein Unfall geschieht. Eine Warnung ist dennoch unverzichtbar.

Übrigens fehlt in der Debatte um Art und Weise, Sinn und Unsinn solcher Warnmeldungen ein Aspekt komplett:

Der gesunde Menschenverstand. Wer eine Meldung hört, in der es heißt, es könnten

„Starkregen um 15 Liter pro Quadratmeter in einer Stunde, kleinkörnigem Hagel und einzelne stürmische Böen bis 75 km/h (Bft 8) nicht ausgeschlossen werden“ (DWD),

weiß, dass es gefährlich werden kann. Und wer vor einem Falschfahrer gewarnt und aufgefordert wird,

„fahren Sie bitte äußerst rechts, überholen Sie nicht. Wir melden, wenn die Gefahr vorüber ist“,

und dann aufs Gas tritt um auf der ganz linken Spur zu überholen – dem kann die beste, schnellste und präziseste Meldung nicht mehr helfen.

Medien, die solche Warnungen verbreiten, erfüllen ihre Aufgabe so weit, wie es ihnen möglich ist. Ihnen wahlweise dann Untertreibung oder Übertreibung vorzuwerfen, reiht sich in die unermüdliche Debatte über den öffentlich-rechtlichen Rundfunk ein. Auf dieser Welle surft auch Kachelmann ganz oben mit.

(Bild: Susanne Peyronnet)

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Über udostiehl

Redakteur und Sprecher

14 Kommentare zu “Wieviele Unwetterwarnungen hätten Sie denn gern?

  1. DL2MCD sagt:

    Was habt ihr nur alle mit Warntafeln oder „Bauchbinden“ (gut lesbar nur bei dicken Nachrichtensprechern 😉 ) im Fernsehen? Haben der erschlagene Radfahrer oder die erschlagenen Leute im Gartenhaus einen Fernseher dabei gehabt? Also wie hätte das denen helfen sollen?

    Wer erstmal zuhause vor der Glotze hockt, geht doch bei Sauwetter eh‘ nicht mehr raus.

    Es gibt Mitarbeiter des WDR, die Menschenleben auf dem Gewissen haben. Tom Buhrow gehört sicher nicht dazu.

    Man kann sicher etwas besser machen in der Wetterwarnung im Radio. Kachelmann hat allerdings daneben geschossen mit seiner Forderung nach mehr Unwetterwarnungen im TV. Die sehe ich dann höchstens Monate später, wenn ich mal dazu komme, eine Aufzeichnung anzuschauen. Ich schau doch TV nicht live!

  2. Dr.No. sagt:

    Einfach nur erbärmliches Gequatsche, Journalismus at acta… typisch wdr.

  3. Christian sagt:

    „Achtung, ein Schweres Unwetter zieht gerade von Köln in Richtung Ruhrgebiet. In der gesamten Metropolregion besteht in der nächsten Stunde Gefahr durch umstürzende Bäume, schwere Regenfälle und örtliche Hagelschauer. Bitte bleiben sie in sicheren Gebäuden oder suchen solche auf.“

    Klingt anders als „In ganz NRW könnte es unter Umständen irgendwann in den nächsten 24 Stunden möglicherweise zu Gewittern kommen.“

    Oder?

    Man bricht sich wirklich keinen Zacken aus der Krone, wenn man über die IST-Situation berichtet und informiert, in welche Richtung das ganze zieht. Wenn das Unwetter dann über dem Rhein steckenbleibt, wird sich hinterher keiner beschweren, dass das Gewitter nie angekommen ist, denn es HAT EXISTIERT. Gut erkennbar durch den Brennpunkt am nächsten Tag, wo man verbeulte Autos, umgestürzte Bäume, etc. sieht und denkt „Hui, Glück gehabt“.

    Unwetterwarnungen hingegen haben mit der IST-Situation in aller Regel nichts zu tun. Außer sie treffen erst ein, wenn die Bäume links und rechts um einen herum schon umstürzen, was leider auch vorkommt. Ansonsten sind sie eine KÖNNTE-Information und somit zwar auch wichtig, weil sie Vorausplanung ermöglichen. Aber eben keine Akutgefahr.

  4. Hans sagt:

    „Zu Zeiten typischer Wetterlagen im Hochsommer oder auch im Herbst gehen solche Warnmeldungen fast täglich über den Sender. Daraus aber den Schluss zu ziehen, sie würden wegen ihrer Häufigkeit kaum noch ernst genommen, ist gefährlich.“

    Die Realität zu erkennen ist also „gefährlich“? Es sieht doch genau so aus, Unwetterwarnungen sind inflationär geworden. Allen Kindern wird beigebracht, daß man nicht um „Hilfe“ aus Spaß ruft, weil die Leute dann abstumpfen. Hier gilt das nicht?

  5. Hans sagt:

    EIn peinlicher Beitrag und eine fürchterliche Trotzreaktion. Wie alle die ich kenne wurde auch ich vom Gewitter und der unglaublichen Intensität überrascht. Niemand hat aus den lächerlichen Meldungen des WDR die Brisanz des Themas erkannt oder sich gar vorbereitet wie Herr Stiehl hier fabuliert.

    Größe wäre mal einen Fehler einzugestehen. Ja, Herr Kachelmann war polemisch, aber eine Trotzreaktion auf Niveau eines Sechsjährigen kann nicht die Lösung sein.

  6. Pan sagt:

    […] Tatsächlich hatten sich die “Menschen in den betroffenen Gebieten” gut gewappnet. […] es handelt sich nämlich um intelligente Wesen, die eine Unwetterwarnung zur Kenntnis nehmen und daraus ihre Schlüsse ziehen.[…]

    Keiner derjenigen, mit denen ich gesprochen habe, hat sich aufgrund einer der von Ihnen angesprochenen Wetterwarnungen auch nur im geringsten angesprochen gefühlt, geschweige denn, sich deswegen „gewappnet“. Das Glück war wohl eher, dass die meisten Menschen am Abend vor dem ersten Arbeitstag der Woche bereits zu Hause waren und diejenigen, die es nicht waren, eher Glück hatten, dass Sie nicht von einem Baum erschlagen worden sind.

    Ich hoffe, dass ich Ihren Worten im Umkehrschluss nicht entnehmen soll, dass es sich dabei um NICHTintelligente Wesen handelt!

  7. Winfried Schäfer sagt:

    Inzwischen ist es ja bei den öffentlich-rechtlichen an der Tagesordnung, sich auf die Schulter zu klopfen und der ganzen Welt zu erzählen, man habe immer alles richtig gemacht. Das die Relevanz des WDR und die journalistische Relevanz der Nachrichtensendungen des Senders erheblich unter der mangelnden Selbstkritik leiden, dürfte klar sein.
    Wenn sich in NRW eines der schwersten und gefährlichsten Unwetter seit Jahren abspielt, und der WDR sich noch nicht einmal in der Lage sieht, die Menschen via Laufband auf allen ARD-TV-Kanälen über die Gefahr zu informieren, Solche selbstkritik-freien Beiträge wie Ihrer macht es mir zum Beispiel immer schwieriger, die Notwendigkeit öffentlich-rechtlichen Rundfunks zu begreifen und zu verteidigen. Ich finde – nicht nur in diesem Fall – die „Wir machen alles richtig! Immer!“-Haltung unglaublich.

  8. Daniel Rüd sagt:

    Der letzte Vergleich hinkt gewaltig.

    Die Meldung über einen Falschfahrer wird immer dann ausgestrahlt, wenn einer unterwegs ist, dafür wird dann auch das laufende Radioprogramm unterbrochen, Meldungen über Unwetter hingegen kommen zu bestimmten Uhrzeiten und dann auch noch – weil sich eben Gewitter (fast) nie genau vorhersagen lassen – mit unbestimmter Zeit-, Orts- und Intensitätsangabe. Würde es am Ende der Staumeldungen immer heißen: „Achtung auf den Autobahnen im gesamten Sendegebiet besteht die Gefahr von Falschfahrern“, glauben Sie dann würde keiner mehr überholen und nur noch rechts gefahren werden?!

    Hier muss dringend unterschieden werden zwischen allgemeinen Vorwarnungen und konkreten Akutwarnungen. Und eben diese Akutwarnung wäre bei einem Gewittercluster dieser Größe wie vor ein paar Tagen in NRW nötig gewesen, da reicht eben keine Standardformulierung am Ende des Wetterberichts oder den Nachrichten, sobald klar ist, was da kommt, und das war in NRW frühzeitig der Fall, muss eben akut gewarnt werden: Programm immer wieder unterbrechen, Meldung über genaue Zugbahn und Intensität. Dass das nicht bei jedem kleinen Gewitterchen geht, weil das schneller wieder vorbei ist, als die Meldung über den Kanal gesendet wird, ist klar, aber bei langlebigen Superzellen, Multizellen oder ganzen Systemen kann und muss man das meiner Meinung nach machen!

  9. theo sagt:

    Es wäre den Bürgern in NRW sicher besser gedient, wenn Medienmenschen nicht nur versuchten, bei Diskussionen gut auszusehen. Sondern schauen, ob und welche Kritik möglicherweise berechtigt sein könnte. Und welche Lehren man daraus ziehen kann.

    Auch wenn Udo Stiehl meint, der WDR habe alles richtig gemacht: ich glaub schon, dass der WDR da einiges verbessern kann.

  10. Tom sagt:

    Sie machen sich das aber einfach.
    Sie argumentieren gegen vernünftige Wetterwarnungen mit der Kritik an vergangengen Brennpunkten. Das ist ein Vergleich zwischen Äpfel und Birnen.
    Kein Mensch braucht „Brennpunkte“, die kann man getrost abschaffen. Ein Brennpunkt hat vermutlich noch nie einem Menschen das Leben gerettet, denn die kommen immer zu spät. Und sind ja ohnehin nur eine Bühne für eitle,selbstverliebte Chefredakteure.

    Die geforderte Sorgfalt bei der Nachrichtenauswahl bevor(!) es zu Schlimmerem kommt ist ganz was Anderes. Und da hat der WDR zweifellos auf ganzer Linie versagt.

    Ich gebe Kachelmann ja ungern Recht, aber hier ist seine Darstellung richtiger als Ihre. .

  11. Simone Zeisig sagt:

    Der WDR muss melden, wo und wann Bäume umstürzen. Kachelmann wusste es – hinterher.

  12. ThomasH sagt:

    Den Unterschied zwischen einer zeitlich und örtlich sehr konkreten Falschfahrermeldung und den unkonkreten Unwetterwarnungen erkennen Sie nicht? Es geht darum, akut zu warnen, wenn das Unwetter auf dem Weg ist, bereits Schäden verursacht und ziemlich klar ist, wo und wann es weitere Schäden verursachen wird. Und da habt ihr versagt, schlicht und einfach.
    Übrigens auch einen Tag später beim Brennpunkt: Zum Schluss ein unkonkreter Ausblick von Frau Kleinert, obwohl einfach mal ein Radarbild hätte eingeblendet werden können, wo ersichtlich war, dass ein dicker Brummer vom Sauerland Richtung Südniedersachsen unterwegs war. Zum Glück gab es nur Sachschaden. Aber: Chance vertan, aus dem Fehler vom Vortag zu lernen (und bitte nicht die Verantwortung auf den Wetterdienstleister abwälzen – für die Inhalte sind die Sendeanstalten verantwortlich).

  13. Pete sagt:

    Naja, der offensichtliche Unterschied zwischen der Unwetterwarnung und der Falschfahrerwarnung ist, dass im zweiten Fall ganz konkrete Handlungsempfehlungen gegeben werden.

    Warum nicht auch bei Unwetterwarnungen?

    „Bleiben Sie nach Möglichkeit zu Hause. Bei Autofahrten müssen sie mit umgestürzten Bäumen und überschwemmten Straßen rechnen.“

  14. […] Udo Stiehl (WDR-Nachrichtenredakteur): Wieviele Unwetterwarnungen hätten Sie denn gern? […]

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