Verleger schlachten Depublikations-Regeln aus – nun auch SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE bietet neuerdings ein Nachrichten-Archiv an. Sämtliche Artikel sind dort nachträglich abrufbar – rückwirkend bis ins Jahr 2000. Eine tolle Sache. SPIEGEL ONLINE füllt damit eine Lücke aus, die die Zeitungsverleger extra für sich geschaffen haben. Öffentlich-rechtliche Anstalten dürfen so etwas nämlich nicht anbieten – obwohl die Kunden dafür bezahlt haben.

Stellen Sie sich vor, Sie haben eine Zeitung abonniert

Seit Jahren überweisen Sie gewissenhaft für das Abonnement Geld an den Verlag. Und dann werden Sie plötzlich aufgefordert, die Zeitung zurückzugeben. Spätestens nach sieben Tagen hat Ihr Exemplar – Ihr erworbenes Eigentum – bei Ihnen zu Hause nichts mehr zu suchen. Genauso funktioniert die so genannte „Depublikations-Regel“. Die haben die Zeitungsverleger durchgesetzt. Sie findet sich im zwölften Rundfunkänderungsstaatsvertrag.

Diese selbst geschaffene Lücke füllt nun SPIEGEL ONLINE aus. Neu ist die Regelung nicht. Der Staatsvertrag ist seit dem 1. Juni 2009 in Kraft. Vorher konnten Sie auch die Nachrichten öffentlich-rechtlicher Sender nachlesen. Der Deutschlandfunk zum Beispiel stellte alle Nachrichtenmeldungen rückwirkend bis etwa 2000 frei zur Verfügung. Das gibt es heute übrigens immer noch – aber Sie kommen nicht mehr dran. Nur über das Intranet haben wir Redakteure Zugriff auf dieses Archiv. Also auf Material, für das Sie uns bezahlt haben, Sie es aber nicht mehr sehen dürfen.

Absurde Blüten aus den Neuregelungen

Ein Beispiel: Über Jahre gelang es der WDR-Fernsehsendung „Tiere suchen ein Zuhause„, Heimtieren eine neue Bleibe zu vermitteln. Dazu gab es auf der WDR-Internetseite ein Datenbank, in der alle vorgestellten Tiere gezeigt wurden, inklusive der Kontaktdaten und Links zu den Heimen. Auch diese Datenbank musste gesperrt werden. Denn es gibt eine „Negativliste“ im Anhang zum Staatsvertrag. Unter anderem mit den Verboten Nr.1  und Nr.5:

Anzeigenportale, Anzeigen oder Kleinanzeigen,

Partner-, Kontakt-, Stellen-, Tauschbörsen.

Die Liste ist noch wesentlich länger und klammert einen großen Teil von Serviceangeboten aus, wenn sie nicht direkt in Verbindung mit einer Sendung stehen.

Der Schritt von SPIEGEL ONLINE, nun also ein weiteres Feld zu besetzen, das zuvor auf eigenes Betreiben zur No-Go-Area erklärt wurde, zeigt:

Die Verleger verfolgen ein klares Ziel

Es gilt, die Konkurrenz möglichst klein zu halten. Und zugleich drängen die Verlage in den Markt der elektronischen Medien mit großen Druck vor. Allen voran geht SPRINGER. Die Betreiber von BILD, Die Welt und weiteren Großbuchstaben-Erzeugern, kauften sich N24. Der Privatsender werde künftig „Bewegtbild“ als zusätzliches Angebot beisteuern. Am 9. Dezember 2013 heißt es in einer Pressemitteilung:

Im Zuge der Übernahme des Nachrichtensenders ist geplant, N24 und die WELT-Gruppe zusammenzuführen, um im deutschsprachigen Raum das führende multimediale Nachrichtenunternehmen für Qualitätsjournalismus zu etablieren. Gleichzeitig wird N24 zentraler Bewegtbildlieferant für alle Marken von Axel Springer.

Stellen Sie sich die umgekehrte Situation vor

Der WDR würde die Mehrheit an einem Zeitungsverlag erwerben. Um ihn zum zentralen Textlieferanten für alle Sendungen des Westdeutschen Rundfunks zu etablieren. Es würde ein Aufschrei durch die Republik gehen.

Die schmerzvollste Errungenschaft der Verlegerkampagne gegen den öffentlich-rechtlichen Rundfunk ist jedoch die erfolgreiche Lobby-Arbeit bei der Senkung des Rundfunkbeitrags ab dem Jahr 2015. In der Folge gelang es den Verlagen, ihre Konkurrenz weiter zu schwächen. Neben anderen ARD-Anstalten musste der WDR entscheiden, 500 Arbeitsplätze zu streichen und zusätzlich massive Streichungen im Programm vorzunehmen.

Viele Verlage reiten auf der Welle des „Kostendrucks“

Sie versuchen, ihre Gewinnmarge zu steigern. Zeitungsredaktionen werden verkleinert, Redakteure entlassen und Kooperationen mit anderen Verlagen vereinbart. Zuletzt entschieden sich die eigentlich konkurrierenden Zeitungen NRZ und RP, Inhalte auszutauschen, um Kosten zu sparen. Der Branchendiest MEEDIA meldet in weiser Voraussicht und Zurückhaltung:

Ob es trotzdem zu Entlassungen kommt, ist noch unklar. Klar ist, dass an einigen Stellen Personal versetzt wird.

Was geht hier also vor?

Die Zeitungsverleger in Deutschland haben die Zeichen der Zeit erkannt: Einerseits gilt es, die aus Rundfunkbeiträgen finanzierten öffentlich-rechtlichen Sender in ihren Möglichkeiten so weit wie möglich zu beschränken. Dazu nutzt man die eigene Reichweite, um in regelmäßiger Form gebührenfinanzierten Journalismus zu kritisieren. Andererseits gilt es, die eigene Position so aussichtslos und schlecht darzustellen, um die alt bewährte Taktik anzuwenden, die „Arbeitsplatzkarte“ zu spielen, denn Personalkosten sind schon immer der Feind einer guten Bilanz.

Die öffentlich-rechtlichen Sender beugen sich dem öffentlich erzeugten Druck der Verleger und sehen keine andere Möglichkeit als einzuknicken. Sie streichen ebenfalls Stellen, dünnen ihr Programm aus und versuchen, mit den gekürzten Finanzen zurecht zu kommen.

Es ist wie eine Spirale

Ihr fällt auf beiden Seiten journalistische Qualität zum Opfer. Stoppen könnte diesen Absturz letztlich jeder Bundesbürger. Er hat für die Belieferung durch ARD, ZDF und DeutschlandRadio bezahlt – darf viele Lieferungen aber nicht behalten. Es sind jene Bundesbürger, die auch gerne danach rufen, für Ihre entrichteten Steuern eine adäquate Gegenleistung zu erhalten. Warum höre ich in der Debatte um journalistische Qualität diese Rufer nicht? Haben die Verleger mit ihrer zerstörerischen Strategie ihr Ziel bereits erreicht?

Bild: privat

 

Advertisements

Über udostiehl

Redakteur und Sprecher

4 Kommentare zu “Verleger schlachten Depublikations-Regeln aus – nun auch SPIEGEL ONLINE

  1. Torsten Kurschus sagt:

    Verleger schlachten Depublikationsregeln…
    Wie ich schön häufiger schrieb ist das nur vernünftig. Das große Ärgernis allerdings, sind die Öffentlich Rechtlichen, die mit vom Steuerzahler vollständig bezahlten Inhalten umgehen, als gehörten diese in den Giftschrank oder diese aus meiner Sicht illegaler Weise verwenden um Zusatznutzen zu generieren. Am schlimmsten treibt es die ARD, die eine Mediathek pflegt, die den Namen nicht verdient und seinen Livestream und Zusatzprogramme über Private wie Zatto oder Internet TV AG von den Seychellen verbreiten lässt und auf eine eigene Reichweite im Bundesgebiet vollständig verzichtet. Noch schlimmer ist, das nun alles noch mit einer Quasisteuer unterlegt wird.
    In den USA beispielsweise, hat jeder Beitrag, in dem auch nur 1 Cent öffentliches Geld steckt ständig frei abrufbar zur sein.
    Ich schüttle meinen Kopf aber auch über die Pivaten und privaten Printmedien, denn die waren es ja vor ca. 7 Jahren, die die ÖRen durch eine massive Klagewelle überzogen und denen „Wettbewerbsverzerrung“ durch die vorgehaltenen Contents, die sie aus Kostengründen so nicht präsent halten könnten vorgeworfen. Scheiß Gerichte+scheiß Politik. Danke!

  2. Drucker sagt:

    Jonathan, wenn man schon die Jüngeren ohne Auto oder Fernseher als Argument heranzieht, dann muss man ganz fix diejenigen herausrechnen, die noch bei Papi und Mami zu Hause sitzen – die zahlen nämlich auch nichts. Und dann natürlich auch die, die per Handy mit Ukw-Empfangsteil oder per Webradio empfangsbereit sind … allzu viele bleiben nachher nicht mehr übrig.

  3. udostiehl sagt:

    @Jonathan: Womit belegen Sie Ihre Behauptung, der Bürger bezahle für etwas, „das er überhaupt nicht haben will“?

  4. Jonathan sagt:

    Nun stellen wir uns doch mal die umgekehrte Situation vor: Springers N24 liefert Bewegtbild – nach 20 Uhr werbefrei – und verlangt dafür von allen Bürgern dieser Republik einen Abobeitrag. Sagen wir 1,50 Euro im Monat, das entspricht dem Anteil des Rundfunkbeitrags, den eine der kleineren überflüssigen Landesrundfunkanstalten wie Bremen oder SR bekommt. Egal ob ich N24 will oder nicht. Die Tatsache, dass große Teile der jüngeren Generation ÜBERHAUPT KEIN Fernsehen mehr konsumieren, und weder Fernseher noch – mangels Auto – Radio besitzen, wird ignoriert. Der Bürger hat nicht freiwillig bezahlt – er wurde zum Bezahlen von etwas, dass er überhaupt nicht haben will, gezwungen. Der Vergleich ergibt für mich: Dann doch lieber Springer, denn die können mich nicht dazu zwingen, ihren Kram zu bezahlen, wenn ich ihn gar nicht haben will.

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.