EIL +++ Costa Concordia bewegt sich – Löw nicht +++ BREAKING

Dieser Mittwoch war kein gewöhnlicher Nachrichtentag. Das Weltgeschehen ist derzeit so intensiv, dass selbst wichtigere Meldungen kaum noch in allen relevanten Sendungen Platz finden. Kriege und Krisen bestimmen die Schlagzeilen. Entsprechend ist das Meldungsaufkommen. Und immer wieder dazwischen: Wichtige Eilmeldungen. Wichtig?

Nein, es ist nicht das erste mal, dass ich das Thema Eilmeldungen aufgreife. Vermutlich wird es auch nicht das letzte Mal sein. Am heutigen Tag aber sind Agenturen und viele ihrer Kunden so weit über das Ziel hinausgeschossen, dass ich einige grundsätzliche Fragen zum Umgang mit Eilmeldungen zur Debatte stellen möchte.

Sind Eilmeldungen notwendig?

Ja. Sie lenken die Aufmerksamkeit der Redaktion auf eine wichtige Entwicklung, während die Redakteure ihren Arbeitsroutinen nachgehen. Die Quellen laufen inzwischen so rasend über den Bildschirm, dass der gesamte Informationsstrom kaum noch lückenlos beobachtet werden kann. Wenn es laut klingelt und rot blinkt, dann muss etwas außerordentlich Wichtiges vorgefallen sein. Jedenfalls ist das der ursprüngliche Sinn von Eilmeldungen. Leider wird dieser hilfreiche Redaktionsgaul gerade zu Tode geritten.

DEU053 2 vm 0058 ITA AFP/CVW10

Italien / Schifffahrt / Unglücke

AFP, 23. Juli 2014 11:25

Costa Concordia verlässt Giglio

EILMELDUNG

brüllt AFP in die Redaktionsstuben. Wem nützt diese Information? Überraschend ist die Abfahrt des Schiffswracks nicht. Die Fahrt ist lange vorbereitet worden. Und der Termin ist in den Tagesvorschauen der Agenturen nachzulesen. Einzig, dass dort von 8.30 Uhr die Rede ist und das Schiff sich erst um kurz nach 11 Uhr in Bewegung setzte, war nicht vorherzusehen.

Für wen sind Eilmeldungen gedacht?

Der einzige Sinn mag seitens AFP also darin bestanden haben, die wartenden Redaktionen zu informieren. Und dort sitzen ja bekanntlich ausgebildete Menschen, deren Aufgabe es ist, Informationen zu bewerten, aufzubereiten und die wichtigsten Dinge an Leser, Hörer und Zuschauer weiterzugeben. Auch sie können deshalb – für besonders dringende Fälle – Eilmeldungen rausschicken. Ich sagte: Dringende Fälle, liebe Kollegen von n-tv:

Für Redaktionen und ihre internen Abläufe war die Eilmeldung vielleicht noch hilfreich. Es geht los, macht die Schaltung mit dem Korrespondenten klar. Für die Zuschauer von n-tv aber war diese Eilmeldung eher ein eiliger Programmhinweis. Jetzt einschalten! Wir haben geile Live-Bilder! Die eigentliche Information über die erfolgte Abfahrt dürfte bei den meisten Menschen eher Achselzucken ausgelöst haben.

Vertrauen wird verspielt

Genau das ist die Gefahr dieser Dauerbefeuerung mit eher belanglosen Eilmeldungen. Leser, Hörer und Zuschauer stumpfen ab. Wer jede Flatulenz der Weltgeschichte als EIL/BREAKING an seine Kundschaft weiterreicht, muss sich über entsprechende Geruchsbeschwerden nicht wundern. Und auch nicht verwundert sein, wenn wirklich wichtige Entwicklungen von den Nutzern falsch eingeordnet und als eine von diesen vielen Wichtigtuer-Meldungen abgetan werden. Die alte Leier: Vor dem Abschicken von Eilmeldungen steht die Frage danach, wem die vermeintlich eilige Information wirklich nützt.

Die Mechanismen werden missbraucht

Ebenfalls an diesem Tag machte eine weitere Eilmeldung die Runde. Ein Hund hatte einen Mann gebissen. Nein, fast. Der Bundestrainer tut das, was in seinem Vertrag steht. Aufregend, was? Ja, findet der sid:

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DRINGEND-@
SID, 23. Juli 2014 14:32

WELTMEISTER JOACHIM LÖW BLEIBT BUNDESTRAINER BIS 2016 (OFFIZIELL)

Und zwei Minuten später ist auch dpa im Rausch:

bdt0448 2 sp 38 dpa 2347

Fußball / Deutschland / Löw EIL

DPA, 23. Juli 2014 14:34

Joachim Löw bleibt Fußball-Bundestrainer

der sid jagt dann noch zwei Zusammenfassungen binnen zehn Minuten als Eilmeldungen hinterher. Selbstverständlich, die Meldung ist nicht völlig unwichtig. Es war spekuliert worden über die berufliche Zukunft von Löw. Aber wirklich eine Eilmeldung wäre doch wohl gewesen, hätte der Mann den Hund gebissen, bzw. hätte Löw darum gebeten, seinen bis 2016 laufenden Vertrag vorzeitig aufzulösen. Noch eine Umdrehung seltsamer wird die ganze Geschichte, wenn man einen Blick auf die Quelle dieser Meldung wirft.

Joachim Löw äußerte sich nämlich nicht etwa in der freien Presse. Sondern der Bundestrainer gab quasi seiner eigenen Pressestelle ein Interview. Er sprach mit einem Mitarbeiter von dfb.de und musste sich in diesem Interview gefälligen Fragen stellen, die er gefällig beantwortete. Aus dem Gespräch geht auch nicht hervor, wann das Interview geführt wurde. Die üblich verdächtige Formulierung „Nun sprach er mit dfb.de“ lässt Raum für Spekulationen.

Letztlich ist dem DFB ein Scoop gelungen. Aus der Nullmeldung „Bundestrainer macht, was in seinem Vertrag steht“, wurde die grandiose Eilmeldung, dass Löw weitermacht. Als hätte das jemals in Zweifel gestanden. Und alle haben das Medienspielchen mitgemacht. Inklusive EIL, BREAKING und roten Bauchbinden im Crawl.

Lassen wir uns doch nicht so vor den Karren spannen! Und hören wir endlich auf, bei jeder vermeintlichen Eilmeldung zu hyperventilieren. Unsere Hörer verfolgen nicht zig Radioprogramm gleichzeitig, um darauf zu lauern, welcher Sender zuerst die Eilmeldung im Programm hat. Unsere Nutzer führen auch nicht Buch darüber, von wem welche Eilmeldung zuerst auf dem Bildschirm des Telefons aufsprang. Und sämtliche Eil- und Breaking-Dienste von Medien haben die Leser auch nicht abonniert. So etwas tun nur Redakteure, die Nachrichtenjunkies sind und zugleich die Konkurrenz beobachten möchten. Ja, ich auch. Aber wir sind nicht die Kunden.

Weiterführende Links:

Michael Draeger, NDR-Nachrichten, berichtet vom Tag des Rücktritts der ukrainischen Regierung – und was passiert, wenn Eilmeldungen ohne Kontext in letzter Sekunde in die Sendung genommen werden.

Marc Krüger, SWR, erläutert das Ordnungssystem der Agenturmeldungen – und stellt in Frage, ob in Zukunft Eilmeldungen überhaupt noch notwendig sind.

(Bild: privat)

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Über udostiehl

Redakteur und Sprecher

2 Kommentare zu “EIL +++ Costa Concordia bewegt sich – Löw nicht +++ BREAKING

  1. nona sagt:

    Abgeschossen wird der „EIL“-Vogel vermutlich in amerikanischen Nachrichtenkanälen, wo die hervorgehobenen „BREAKING“-Crawler inzwischen für Werbung für die eigenen Apps eingesetzt werden.

    Zu Löw: in der Tat war die Frage seiner Vertragserfüllung von Anfang an sinnfrei. Ja, es „war spekuliert worden“, aber auch das vollständig ohne Anlass. Angefangen mit den Fussballübertragenden aus Brasilien, die mit unnötigen Spekulationen um Löws Zukunft Sendezeit füllten, und eine Sensation (egal welche) schon förmlich herbeizureden versuchten.

  2. SalvaVenia sagt:

    Wenn die Werte schwinden, schwindet gleichermaßen Kompetenz.

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