Eine „menschliche“ Katastrophe?

Im Moment vergeht kein Nachrichtentag, ohne Berichte über Krieg. Irak, Syrien, Gaza, Afghanistan – um nur die meist erwähnten Schauplätze zu nennen. In der Folge ergreifen viele Menschen die Flucht. Sie versuchen, sich vor Bedrohungen und Angriffen in Sicherheit zu bringen. Dabei lassen sie oft nicht nur Hab und Gut zurück. Sie werden in Situationen gezwungen, in denen keinerlei Versorgung mit dem Lebensnotwendigen mehr gewährleistet ist. In der Berichterstattung bahnt sich in solchen Fällen eine „menschliche Katastrophe“ an. So ausgedrückt jedoch handelt es sich leider um eine „sprachliche Katastrophe„.

Basis für die „menschliche Katastrophe“ ist eine schlichte aber folgenreiche Freizügigkeit in der Übersetzung. Wenn beispielsweise die Vereinten Nationen über die Situation in Kriegsgebieten berichten, ist von der „humanitarian catastrophe“ die Rede. Korrekt übersetzt: die „humanitäre Katastrophe„.

Was aber bedeutet „humanitär“?

Eindeutig ist der Begriff nicht identisch mit „human“ – denn dieser bedeutet:

menschlich, von lateinisch humanus ‚menschlich‘,

und eine Katastrophe ist sicherlich alles andere als menschlich. Ist sie also „humanitär„? Hier scheiden sich die Geister. Es gibt Quellen, die auf die Übersetzung hinweisen, „humanitär“ bedeute

den Menschen betreffend, bzw. durch die existenzielle Not vieler Menschen gekennzeichnet (Duden).

Somit wäre auch der oft in Nachrichten verwendete Begriff der „humanitären Katastrophe“ richtig. Es handelt sich um eine Katastrophe, die Menschen betrifft. Es gibt aber auch Quellen, die „humanitär“ als

auf die Linderung menschlicher Not bedacht, ausgerichtet

definieren. Und erschwerend kommt hinzu: Es ist die selbe Quelle, nämlich auch der Duden. Zu ähnlichen Recherche-Ergebnissen gelangt man zudem in anderen Fachbüchern.

Was ist also nun richtig?

Eindeutig ist nur, dass „menschliche Katastrophe“ nicht den Sinn der Sache trifft. Von der Menge der Meinungen tendiert die Mehrheit bei „humanitär“ zu „den Menschen betreffend„. Das entspricht auch der gegenwärtigen Verwendung der Formulierung.

Die Auseinandersetzung über die wahre Bedeutung und die wirklich korrekte Übersetzung lässt sich jedoch ohne große Mühe umgehen. Und zwar mit einer – sozusagen – handelsüblichen journalistischen Herangehensweise: Einfach die Dinge beim Namen nennen. Was spricht dagegen, je nach Situation zu berichten, es handele sich um

  • Hungersnot
  • Obdachlose
  • von jeglicher Versorgung abgeschnittene Menschen
  • Flüchtlinge in Not
  • etc. ?

Der Ausdruck „humanitäre Katastrophe“ kann also vermieden werden. Und die sich darum herum rankenden Debatten auch. Einzig die Formulierung „menschliche Katastrophe“ sollte dringend gemieden werden. Sie beschreibt die Situation der Menschen zu missverständlich. Eine wie auch immer geartete Katastrophe kann einfach nicht menschlich sein.

 

(Bild: Susanne Peyronnet)

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Redakteur und Sprecher

6 Kommentare zu “Eine „menschliche“ Katastrophe?

  1. Pit Plautze sagt:

    Irgendwie ist der Artikel Murks…Einerseits wird der Duden als Quelle herangezogen, ihm aber dann konsequent widersprochen. „Humanitäre Katastrophe“ wäre richtig weil „den Menschen betreffend“??? Diese Bedeutung besitzt laut Duden aber das Wort „menschlich“ (unter „humanitär“ hab ich sie dagegen nicht gefunden) Warum ist das dann falsch???
    Die ganze Argumentation beruht darauf, daß dem Wort „menschlich“ offenbar nur die Bedeutung „menschenwürdig, annehmbar, den Bedürfnissen des Menschen entsprechend“ zugeschrieben wird – was nun aber mal definitiv nicht die einzige ist…
    Wichtiger wäre allerdings darüber nachzudenken wie man solche Katastrophen verhindert statt wie man sie benennt…

  2. Es wäre so schön, wenn es diese vom Menschen gemachten Katastrophen nicht gäbe, denn die Naturkatastrophen wie Erdbeben, Taifune, Überflutungen und andere reichen schon. Und auch da hat der Mensch oft seine Hand als Ursache drin, wie es z.B. bei Überschwemmungen der Fall ist.

  3. Googlefisch sagt:

    Wenn man die Katastrophe als „von Menschen gemacht“ analog zur Naturkatastrophe versteht, passt es doch.

  4. Theo sagt:

    Tim hat Recht.
    Jeder versteht, was gemeint ist.

  5. Thomas sagt:

    Die Menschen haben schon immer Krieg geführt (jedenfalls fällt mir keine Periode der aufgezeichneten Geschichte ein, in der sie das nicht getan hätten). Also ist es doch durchaus sinnvoll, Krieg und seine Folgen als „menschlich“ zu bezeichnen.

  6. Tim sagt:

    Kommt wie immer darauf, wie die Sprachgemeinschaft den Begriff versteht. Es gibt ja z.B. auch „sterbliche Überreste“ – eigentlich unsinnig, aber von jedem verstanden. Ebenso ist es mit der „menschlichen Katastrophe“.

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