80 Millionen Bundestrainer werden zu 80 Millionen Putin-Interviewern

Russlands Präsident Putin gibt ein Interview. Na und? Routine. Russlands Präsident Putin gibt einem Journalisten der ARD ein Interview. Große Aufregung! Hat es allen journalistischen Kriterien entsprochen? Wurde kritisch nachgefragt? Hat der öffentlich-rechtliche Rundfunk auch wirklich alles richtig gemacht? Nein. Aus gutem Grund:

Hubert Seipel hatte die Gelegenheit, den russischen Präsidenten zu befragen. Und weil das nicht alle Tage vorkommt, landet das Interview auf einem prominenten Sendeplatz: Es wird im Rahmen der Talksendung „Günther Jauch“ ausgestrahlt. Über das Gespräch soll anschließend mit Gästen debattiert werden. Die Debatte war im Ergebnis genauso erwartbar, wie das Interview selbst. In den sozialen Medien, speziell auf Twitter, wo sich besonders viele Medienmacher tummeln, findet die Talkshow eher wenig Resonanz. Vielmehr wird das Interview weidlich genutzt, um eine alte Feindschaft auszufechten. Ein Journalist aus dem Lager des öffentlich-rechtlichen Rundfunks interviewt Russlands Präsidenten Putin und die Erwartungen sind absurd. An dieser Stelle sei bemerkt, dass auch ich für zwei ARD-Sender arbeite, den WDR und den DLF. Aber selbst wenn ich das nicht täte: Was an diesem Abend an Verlogenheit, Überheblichkeit und sogar Hass aus der Kollegenschaft laut wurde, ist bemerkenswert.

Allen voran der notorische Haudegen Roland Tichy, seines Zeichens ehemaliger Chefredakteur der „Wirtschaftswoche“:

Dass der Beißreflex bei ihm sofort auslöst, mag in der Branche kaum verwundern. Erstaunlich aber ist, dass das ARD-Interview mit Putin auch über die üblichen Verdächtigen hinaus zu einem wahren Shitstorm gegen den öffentlich-rechtlichen Rundfunk – in diesem Fall in Person des Interviewers Hubert Seipel – auslöste. Natürlich springt als einer der ersten Kritiker der WiWo-Redakteur Marc Etzold seinem ehemaligen Chef zur Seite:

Verständlich. Aber auch von anderer Seite baut sich die Welle auf. Zum Beispiel seitens der Süddeutschen Zeitung. Ihres Zeichens gerne Partner im Rechercheverbund mit WDR und NDR. Robert Roßmann stellt fest:

Auf Rückfragen gibt er keine Antwort. Hauptsache, mal auf die ARD gekotzt. Und auch die stellvertretende Chefredakteurin von „Zeit Online“, Domenika Ahlrichs, sieht sich veranlasst, in diplomatisch verpackter Form Kritik zu üben:

Am Ende ist sie immerhin die einzige Kritikerin, die überhaupt in den Dialog tritt. Und die Einzige, die in der Debatte auf Twitter keine pauschale Kritik an der ARD als Grundsatz propagiert.

Ratschläge und Hinweise auf journalistische Grundsätze sind schnell erteilt. Das klingt in öffentlichen Debatten immer selbstbewusst und wichtig. Es trägt sicher auch dazu bei, noch ein bisschen mehr als die Konkurrenz als besonders kritisch und unabhängig zu glänzen. Dem jüngsten Trend folgend sollen sich Journalisten ja als Marke etablieren. Bei diesem Schaulaufen der Pauschalkritik und den reflexartigen Fragen nach Objektivität, kritischem Journalismus und Existenzgründen eines Systems, das sich aus Rundfunkbeiträgen finanziert, entlarvt sich aber die privat-rechtliche Seite auf bittere Weise.

Alle Kollegen wissen sehr genau, wie Interviews mit einem Gesprächspartner vom Kaliber Putin zustande kommen. Alle! Jeder weiß, dass sich so jemand nur auf eine solche Situation einlässt, wenn er weiß, dass er nicht „gegrillt“ wird. Jeder Kollege weiß, dass Interviews auf dieser Ebene nur stattfinden, wenn gewisse Regeln in Form eines „Nicht-Angriffs-Paktes“ eingehalten werden. Und jedem Journalisten ist bekannt, dass er keinen einzigen neuen Termin erwarten darf, wenn er diese Regeln nicht befolgt. Ja, Ihr wisst das alle! Auch in Berlin, denn auch eine Bundeskanzlerin lässt ihr Büro nach ähnlichen Kriterien verfahren.

Und dann meint Ihr Kritiker dieses Interviews mit Putin, Maßstäbe ansetzen zu müssen, die in der Realität gar nicht umsetzbar sind? Ja, es gab wenige kritische Nachfragen. Aber: Auch ohne Nachfragen sprechen Antworten eines Interviewpartners, von dem bekannt ist, dass er Nachfragen ignoriert, durchaus Bände. Wäre es besser gewesen, das Gespräch in Form eines Kreuzverhörs zu führen, auf dass es mit ziemlicher Sicherheit nie wieder einen Interviewtermin gegeben hätte? Und ahne ich da etwa schon kritische Stimmen, die der ARD die Fähigkeit absprechen, mit dem russischen Präsidenten ein Interview zu führen?

Man könnte es auf die schlichte Formel herunterbrechen „Eine Krähe sticht der anderen kein Auge aus“. Und ja, in einigen wenigen Fällen läuft es genau darauf hinaus. Bei Putin ist das jedenfalls so. Das ist aus journalistischer Sicht unbefriedigend. Aber es spricht zwischen den Zeilen für sich. Das hat auch das Interview gezeigt, das Hubert Seipel geführt hat. Und die Zuschauer sind – entgegen der gern verbreiteten Meinung – ganz sicher nicht zu dumm, das zu erkennen.

 

(Bild: ARD-Screenshot)

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Über udostiehl

Redakteur und Sprecher

5 Kommentare zu “80 Millionen Bundestrainer werden zu 80 Millionen Putin-Interviewern

  1. Egbert Manns sagt:

    Der Beitrag ist okay. Denn das Interview diente, wie jeder weiß, der weiß, was ein informierter, kritischer Fernsehzuschauer von einem öffentlich-rechtlichen TV-Medium erwartet, dazu, einen O-Ton Putin zu bekommen. Das ist, weil das Fernsehen mehr bietet als Print, schon ein Informationsgewinn. Für kritische Fragen gibt es Interviewpartner, die sich der Kritik weniger leicht entziehen können. Sowieso: Wer glaubt, ein privatfinanziertes Interview mit Putin gäge inhaltlich mehr her als das aktuelle, träumt.

  2. udostiehl sagt:

    Weil es zumindest die Chance eröffnet, Themen zu vertiefen. Die sollte man doch wahrnehmen.

  3. Lars Lubienetzki sagt:

    Danke für den Artikel, Herr Stiehl! Ich habe das Interview nicht gesehen und bin mir sicher, auch nichts verpasst zu haben. Was sollte denn Putin in so einem Interview verraten? Ich kenne die Spielregeln in Berlin nicht. Wenn es aber solche Regeln gibt, warum lassen sich Journalisten darauf ein, wenn vorher klar ist, dass dabei keinerlei Informationen für den Zuschauer/Zuhörer/Leser zu erwarten sind?

  4. M. Gerhard sagt:

    Herr Stiehl, Sie haben anscheinend wenig Ahnung davon, was ein informierter, kritischer Fernsehzuschauer von einem öffentlich-rechtlichen TV-Medium erwartet: nämlich seriösen, kritischen Journalismus. Der als „Exklusiv-Interview“ angekündigte Putin-Monolog mit einem unterwürfigen, Kreml-treuen Stichwortgeber Seipel gereicht der ARD ganz sicher nicht dazu, diese Erwartungen zu erfüllen.

    Somit ist dem Kreml-Chef seine „Putin-Show“ gut gelungen. Dank der Unterstützung von Seipel und der ARD konnte Putin – zumindest für eine gute Viertelstunde – seine Propaganda nicht nur über seine „eigenen“ TV-Sender verbreiten, sondern auch in einem gebührenfinanzierten öffentlich-rechtlichen TV-Sender in Deutschland.

    Auch eine seriöse Journalistin wie Frau Mikich und ein renommierter Historiker konnte diesen Abend für die ARD nicht retten. Das wird dem Ansehen der ARD längerfristig schaden.

    Aus meiner Sicht handelt es sich daher nicht um ein „ARD-Bashing“, sondern um gerechtfertigte Kritik Ihrer Kolleginnen und Kollegen, die der ARD nicht schaden wollen, sondern – im Gegenteil – den enttäuschten Zuschauern klarmachen wollen, dass es bei der ARD nicht nur Stichwortgeber gibt, sondern auch seriöse, kritische Journalisten.

  5. SalvaVenia sagt:

    Daß dem bundesdeutschen Staatsfernsehen nicht mehr geglaubt wird, hat es sich wohl selbst zuzuschreiben. Die einzig interessante Frage im vorliegenden Zusammenhang dürfte die sein, warum Herr Putin das Interview gewährt hat.

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