Der Tod von Tugce A. – Medien „ermitteln“

Am 15. November stürzt eine 22-jährige Studentin in Offenbach zu Boden, erleidet schwere Kopfverletzungen und fällt ins Koma. Knapp zwei Wochen später entscheiden ihre Eltern, die Maschinen an ihrem Bett auf der Intensivstation abzuschalten. Es geht um Tugce A., die vor einem Schnellrestaurant von einem Mann geschlagen worden sein soll. Sie habe vorher zwei Mädchen beigestanden, die von ihm angeblich bedrängt wurden. Der Fall geht durch die Presse. Mit viel Emotion und wenig Fakten:

An diesem Dienstag nun erscheint in der BILD-Ausgabe Frankfurt/Main eine ganzseitige Traueranzeige von McDonalds. Darin heißt es:

„Wir trauern um eine außergewöhnliche Frau, die Zivilcourage gezeigt hat und dabei ihr eigenes Leben verloren hat.“

Unbestritten ist es ein feiner Zug des Unternehmens, seine Anteilnahme an den Ereignisse in und vor dem eigenen Haus öffentlich zu bekunden. Nur: Zu diesem Zeitpunkt sind die Ermittlungen längst nicht abgeschlossen. Sicher gibt es viele Anhaltspunkte dafür, dass die Studentin Zivilcourage zeigte und dafür später niedergeschlagen wurde. Wir wissen es aber nicht eindeutig.

Die beiden Mädchen, die bedrängt worden sein sollen, haben sich erst am vergangenen Wochenende bei der Polizei gemeldet und sind inzwischen auch befragt worden. Die Polizei gab jedoch keine Auskunft darüber, was sie ausgesagt haben. Der mutmaßliche Täter sitzt in Untersuchungshaft und schweigt.

In der Öffentlichkeit ist derweil das Bild entstanden, es sei längst alles aufgeklärt. Vergangenen Freitag nahmen rund 1.500 Menschen an einer Gedenkfeier vor dem Krankenhaus teil, in dem die Studentin behandelt wurde. Eine Petition ist im Umlauf, mit der inzwischen etwa 140.000 Unterzeichner fordern, Tugce A. mit dem Bundesverdienstkreuz zu ehren. Die Rollen sind eindeutig verteilt – auch ohne abschließendes Ermittlungsergebnis.

Eine sehr gute Erklärung für die groß angelegte Berichterstattung und die entsprechenden Reaktionen in der Öffentlichkeit geben Uwe Schmitt und Hannelore Crolly in einem Beitrag für DIE WELT:

Wenn wir aufrichtig sind – und das schulden wir der radikal ehrlichen Tugçe A. –, müssen gerade wir in den Medien zugeben, dass ihre Geschichte wie die Schöpfung eines Drehbuchautors wirkt. Sie hat alles im Übermaß, was große Geschichten auszeichnet: Jugend, Schönheit, Gewalt, Schicksal, die Tragik des zu früh sterbenden Götterlieblings. Sie vereint alle Bilder der Deutschen vom Einwanderer, dem guten wie dem bösen: Auf der einen Seite die mutige, engagierte, integrierte Tugçe A. Auf der anderen der gewalttätige, arbeitslose, in archaischen Rollenbildern denkende Sanel M. Die perfekte Projektion.

Aus dem selben Hause Springer agiert die BILD-Zeitung und veröffentlicht auf ihrer Internetseite Auszüge aus den Videos der Überwachungskameras des Schnellrestaurants. Klingt, als sei der Fall aufgeklärt:

„Beweis-Video zeigt, was in der Nacht wirklich geschah“,

wird behauptet. Und:

„Hier trifft Tugce der tödliche Schlag“,

obwohl zu diesem Zeitpunkt nicht geklärt ist, ob der Schlag oder der Aufprall auf dem Asphalt zu den Kopfverletzungen führte. Die Bilder sind laut Staatsanwaltschaft nicht freigegeben worden. Sie ermittelt nun gegen Unbekannt, wie das Material an die Redaktion gelangen konnte.

Die FAZ hatte auch Zugang zu den Videos. Sie zeigt die Bilder nicht, beschreibt sie aber detailliert. Daraus ergibt sich eine ganz andere Einschätzung. Die Autorin stellt an mehreren Stellen fest, dass möglicherweise entscheidende Dinge außerhalb des Blickwinkels der Kamera passieren und der mutmaßliche Täter 27 Minuten lang nicht im Bild ist, weil keine Kamera ihn während des Essens erfasste. Es gibt nämlich keine Aufnahmen aus den Toilettengängen und dem Gastraum. Dorthin sind keine Kameras gerichtet.

Warum ist diese „Informations-Spirale“ entstanden, die von Redaktionen und Öffentlichkeit wechselseitig angetrieben wird? Gespräche mit Kollegen stützen die Vermutung, dass auf Seiten der Medien wieder einmal die Konkurrenzbeobachtung Druck erzeugt hat.

„Wir hatten überlegt, zurückhaltend zu berichten, aber die anderen waren ja auch schon dick am Markt“ und

„das Thema hat hohen Gesprächswert, da müssen wir nachziehen“

sind die immer wiederkehrenden Argumente. Und so wird die Öffentlichkeit ohne Not mit Mutmaßungen, Spekulationen und Bildern versorgt, was wiederum die Spirale weiter antreibt. Von einigen Konjunktiven und relativierenden Randbemerkungen kann sie auch nicht mehr gebremst werden.

Was, wenn die Ermittlungen von Polizei und Staatsanwaltschaft zu einem anderen Ergebnis kommen, als das, was von überdrehenden Medien schon als gesichert dargestellt wird?

(Symbolbild: Susanne Peyronnet)

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5 Kommentare zu “Der Tod von Tugce A. – Medien „ermitteln“

  1. Carina dings sagt:

    Wenn man das Video in Zeitlupe abspielt sieht es so aus, als würde dass Opfer nichtmal von dem Schlag getroffen worden sein. Es sieht ehr so aus als würde sie von ihrem Freund (mit der Hüfte oder der Schulter) angerempelt und so zu Fallen gebracht worden sein. Man sieht nach dem „Rempler“ die Geste, die der Freund mit seinen Armen zu verstehen gibt (Hände oben – „ups … Sorry für den Rempler“.
    Tugce fällt schon auf den Boden obwohl der Arm des Angreifers noch garnicht durchgestreckt ist.
    Mitlerweile weiß ich nicht mehr was ich glauben soll….

  2. Max sagt:

    Danke für diesen Artikel.
    Ich muss sagen, dass die Beschreibung des Vorfalls, die ich den Medien entnehmen konnte, mit dem auf dem Video nicht viel zu tun hat.

    „unglücklicher Zufall“ geht mir etwas zu weit; das oft gehörte „totgeprügelt“ oder gar „ermordet“ trifft es nun aber auch nicht.

    Dass der Schlag auch nicht unmittelbar auf ihr Eingreifen folgte, war nirgends zu lesen.

    Letzten Endes bleiben auch mit dem Video eine Menge Lücken; ich bin auf die Ermittlungen gespannt. Interessant wäre zu hören, was die zwei Mädchen zu sagen haben. Nunja, über den Prozess werden wir sicherlich eine Menge erfahren. Inklusive einem vermutlich „viel zu milden Urteil“ – weil es eben doch kein Mord wahr.

  3. Gast sagt:

    Was aber, wenn sie gar keine Heldin war?
    Dann wird man nix mehr davon lesen/hören. Die Medien hatten was sie wollten, eine Heldin.

  4. Interessiert denn wirklich jemand in unserem Land die Wahrheit? Es geht um Quote, Verkaufszahlen und „Kick“ – und drei Tage nach einer Sache ist es für die meisten eh Schnee von gestern – da könnte die aufklärende Wahrheit an der Vorverurteilung auch nichts mehr ändern.

  5. Wilfried sagt:

    Scheint mir nach Sichtung des Videos alles eher ein unglücklicher Zufall zu sein.

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