Brauchen wir #grexit, #luxleaks und #reusgate in Nachrichtentexten?

Wer Nachrichten schreibt, kennt die wenig schmeichelhafte Bezeichnung „Zehn-Zeilen-Journalist„. Mehr Platz ist nur in sehr seltenen Fällen drin für ein Thema. Zehn Zeilen sind die durchschnittliche Länge eines Manuskripts in Hörfunk-Nachrichten und deshalb ist jede Möglichkeit, sich kürzer zu fassen, willkommen. Dazu zählen auch Abkürzungen, am besten die, die nicht mehr erklärt werden müssen. Diese Logik funktioniert jedoch nicht immer.

Das Problem ist schnell beschrieben: Wenn sich der Internationale Währungsfonds, die Europäische Union und die Europäische Zentralbank zu einer Konferenz über die finanzielle Situation Griechenlands treffen, dann ist schon eine Zeile verbraucht – und noch nichts wesentliches erzählt. Trifft sich dagegen die „Troika„, bleiben noch neundreiviertel Zeilen Platz für weiteren Inhalt. Ebenso dankbar nutzen wir die Abkürzung OSZE für die im Manuskript doch eher sperrige Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa.

Die Liste könnte jetzt noch um einige weitere Mammut-Bezeichnungen und Zeilenfresser aus dem Redaktionsalltag erweitert werden, aber darum soll es diesmal nicht gehen. Ich möchte vielmehr den Blick auf Abkürzungen lenken, die in den vergangenen Monaten Einzug in die Nachrichtentexte gehalten haben. Und das sind nicht die bisherigen Kurzformen von Parteien, Organisationen und Sendern, sondern Hashtags. Seitdem Hinz, Kunz und Journalisten Twitter zunehmend als zusätzliches Medium zum Informationsaustausch nutzen, rutschen die dort verwendeten Hashtags auch häufiger in die Manuskripte.

Im Moment ist der #grexit kräftig im Umlauf, die wunderbar kurze Form des Griechenland-Exits aus der Euro-Zone. Die Tagesschau ist online ganz weit vorne mit dabei:

„Schuldenschnitt ja, ‚Grexit‘ nein“,

„FAQ zu ‚Grexit‘-Risiken“ und

„Griechenland reagiert gelassen auf ‚Grexit‘-Debatte“,

lauten die Überschriften. Das ist allerdings längst nicht der erste Hashtag, der Nachrichten-Karriere macht. Schon die trickreichen Steuervermeidungsstrategien großer Konzerne unter tatkräftiger Hilfe Luxemburgs ließen sich herrlich platzsparend mit #luxleaks abkürzen. Und so wird in der Saarbrücker Zeitung sogar ohne Anführungszeichen ganz selbstverständlich formuliert:

Das Ende des Bankgeheimnisses fällt jedoch in eine Zeit, in der das Image Luxemburgs durch die Lux-Leaks-Affäre stark angekratzt ist.

Die Frankfurter Allgemeine Zeitung kennzeichnet den Kunstbegriff zumindest noch mit Anführungszeichen:

Der Zeitpunkt der „Luxleaks“-Veröffentlichungen, die ein Schlaglicht auf die in seiner Luxemburger Amtszeit zustande gekommenen Steuerabsprachen mit internationalen Konzernen werfen, war kein Zufall.

Das #reusgate wurde auch außerhalb von Twitter gemeldet, um die Geschichte um den fehlenden Führerscheins eines Bundesligaspielers nicht unnötig lang wiederholen zu müssen. Alles, was irgendwie den Hauch eines Skandals umweht, ist inzwischen ein „gate„, da reicht es auch schon, ein Mobiltelefon mit dem Hintern zu verbiegen. Heraus kommt dann ein #bendgate, das einst auch bis in die Nachrichtentexte schwappte. Und auch das wird wie selbstverständlich im Text erwähnt, wie in der ComputerBild:

Kaum ist es um Bendgate ruhiger, macht Apple mit einem neuen Hardware-Fehler auf sich aufmerksam.

Nur einige Beispiele aus der jüngsten Vergangenheit, in denen Hashtags plötzlich als völlig bekannt übernommen wurden.

Wem hilft das? Natürlich haben wir im Hörfunk (und natürlich auch im Fernsehen und im Print) Nachrichten-Konsumenten, denen solche Kurzformen geläufig sind. Eine ganze Konferenz-Industrie hat sich inzwischen darauf spezialisiert, mit Blick auf solche Zielgruppen den Journalismus „neu zu erfinden“. Und sicher ist es sinnvoll, solche Schlagworte zu verwenden, wenn Informationen – auch aus „klassischen“ Redaktionen – so angereichert werden, um die Sprache der Zielgruppe zu sprechen.

Problematisch wird es aber, wenn die Binnensicht twitternder Nachrichtenredakteure durchschlägt. Weil die ganze Twitter-Welt natürlich versteht, was mit den möglichst kurzen Hashtags gemeint ist, kommt es zu einem Trugschluss. Getrieben vom Ansporn, möglichst top-modern rüberzukommen, wird von #grexit und #luxleaks gesprochen – aber die Zielgruppe außer Acht gelassen. Und seien wir ehrlich: Auch wenn wir alle so toll bei Twitter vernetzt sind – die meisten Menschen sind es eben nicht; hören, sehen oder lesen unsere Texte aber trotzdem. Wissen die auch, was #grexit ist? Oder wundern die sich nicht eher, was wir da denn wieder reden?

Das zweite Argument gegen die allgemeine Verwendung von populären Hashtags in Nachrichten ist die meist überzogene Zuspitzung. Schon heute schlagen wir über die Stränge, wenn wir bei harmlosen Debatten über „Streit“ berichten, Verwicklungen von Politikern stets als „Affäre“ oder gar als „Skandal“ abstempeln und jede Meinungsverschiedenheit gleich als „Krise“ etikettieren. Würden wir nun auch noch den Hashtag-Regeln folgen, kämen wir aus den Koalitions-Gates und Minister-Leaks gar nicht mehr heraus.

Es gibt inzwischen sehr unterschiedliche Ausspielwege für Nachrichten. Nach wie vor ist aber der klassische Weg in Form von Meldungen der Weg, der für die meisten Hörer, Zuschauer und Leser Gewohnheit ist. Und die dürfen wir nicht aus den Augen verlieren. Nicht nur wegen der Verständlichkeit, sondern auch um unsere Glaubwürdigkeit zu erhalten. Eine saubere Nachrichtenmeldung ist eben mehr, als nur ein Hashtag mit etwas Zubehör.

(Bild: privat)

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Über udostiehl

Redakteur und Sprecher

6 Kommentare zu “Brauchen wir #grexit, #luxleaks und #reusgate in Nachrichtentexten?

  1. dernickschas sagt:

    Gutes Thema. Vor allem, weil Twitter in den vergangenen Monaten immer häufiger auch als Quelle in der Berichterstattung auftaucht – für Fakten, aber auch für die beliebten „Wie reagiert das Netz?“-Beiträge. Auch in Radio und Fernsehen, nicht nur online. Ich selbst nehme in den Nachrichten für DASDING ab und an auch gerne darauf Bezug, um ein Thema einzuordnen: „In den letzten Tagen haben sich im Netz viele Menschen unter dem Hashtag #Schnegida über die Pegida-Bewegung lustig gemacht – jetzt hat sich auch Kanzlerin Merkel in ihrer Neujahrsansprache dazu geäußert.“ Will sagen: Wenn wir ein Thema und die Reaktionen darauf einordnen wollen und den Platz dazu haben (zB in einem Nachrichtenstück), sind diese Begriffe und Abkürzungen durchaus brauchbar – aber eben nur, wenn wir sie auch erklären. Diesen einen Satz dazu sollten wir uns gönnen.

  2. Sehr gute Analyse! Die zu starke Twitter-Binnensicht von Journalisten und PR-Machern ist in der Tat ein Problem unserer Branche(n). Die Unsitte, selbst das allerkleinste Skandälchen …gate zu bezeichnen, stört mich schon lange. Sprachwitz funktioniert anders.

  3. Pyrolim sagt:

    sdicke:
    Richtig, in Onlinemedien und auch in Print sind Glossare möglich. Viel schwieriger wird es da im Hörfunk und im Fernsehen. Der Zuhörer/Zuschauer hat nur Sekunden, um zu verstehen, was gesagt wird.

    Froben:
    Machen wir uns nichts vor, da draußen gibt es eine gar nicht so kleine Welt, die nicht mal weiß, was ein Hashtag ist, geschweige denn Leaks oder Gates – wenn sie nicht sowieso denken, das sind nur diese Dinger am Flughafen. Lieber einen Begriff einmal zu viel erklären – das wird uns Journalisten niemand übel nehmen, der ihn kennt – als einmal zu wenig und den Leser/Hörer/Zuschauer ratlos lassen.

    Dazu fällt mir ein alter Joke ein. Schaut ein Mann einem anderen beim Eintragen auf dem Hotelmeldezettel über die Schuler und fragt: Was heißt das MdB hinter Ihrem Namen. Sagt der andere: Mitglied des Bundestages. Dann trägt sich der Frager ein und der Politiker staunt. Was heißt denn MdO? Antwort: Mitglied der Ortskrankenkasse.

    Das ist auch heute nicht so weit hergeholt, und schon gar nicht, wenn es um neue Medien, Internet und Twitter geht. Ich erkläre gerade einem knapp über 60-Jährigen aus der Bekanntschaft, wie man eine Maus bedient. Und ich kenne viele Leute, die noch nie Online-Banking gemacht oder einen Geldautomaten bedient haben (http://pyrolim.de/pyrocontra/2014/der-digitale-graben-ist-eine-ganz-ganz-tiefe-schlucht/). Und ungelogen: Nichts davon ist erfunden, das habe ich gerade genau so erlebt.

  4. Ich finde die Sprachspiele „luxleaks“ und „grexit“ witzig und sinnig, wäre aber von selbst nicht darauf gekommen, was sie bedeuten. Die Idee mit dem Glossar ist gut.

    Zu den Anführungszeichen: Solange es sich um (Twitter-)Zitate handelt, haben sie ihre Berechtigung, aber in dem Moment, wo solche Wörter durch journalistische Verbreitung Allgemeingut werden, sollte man schnell wieder darauf verzichten.

  5. Froben Homburger sagt:

    Viele kluge Hinweise, aber von mir trotzdem eher ein „Jein“ zur „Hashtagisierung“ von Nachrichtentexten:

    Twitter ist kein abgeschotteter Zirkel, keine geschlossene Gesellschaft. Es gibt auch Wissenstransfers rüber ins Offline-Leben. So können Hashtags durchaus in die Alltagssprache einfließen und auch im Offline-Alltag verstanden werden.

    Und wenn sie verstanden werden, können auch Kunstwörter, die noch nicht den Duden-Segen haben, die Sprache bereichern, komplexe Zusammenhänge und Entwicklungen in einer einfachen Formel zusammenfassen.

    Die Digitalisierung der Gesellschaft wird ja nicht aufhören, und deshalb werden auch jene (großen) Teile der Gesellschaft, die dem Digitalen noch eher fern sind, eher zu- als abnehmend damit konfrontiert werden.

    Wichtig ist natürlich, es nicht zu übertreiben, es immer – so wie hier – kritisch zu hinterfragen und vor allem den Wissenstransfer von Anfang an mit Erklärungen zu begleiten und transparent zu halten.

  6. sdicke sagt:

    Zumindest in Onlinemedien ließen sich ja solche Begriffe mit Links zu Glossaren versehen. Damit wäre den Normalbürgern sicherlich geholfen.

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