Erfinderisch macht Not

Man muss dafür keine große Sympathie empfinden, aber es wird mal wieder gestreikt. Und weil es wesentliche Transportmittel betrifft, sind die Arbeitsniederlegungen in den Nachrichten ein Thema. Wahlweise fallen – je nach Branche – Züge aus, weil die Gewerkschaften GdL oder EVG zu Streiks aufrufen, oder Flüge werden gestrichen, weil die Gewerkschaft Cockpit im Tarifstreit mit der Lufthansa oder German Wings liegt. Egal, welches Unternehmen von den Streiks getroffen wird: Passagiere und Medien warten dringend auf den Notfahrplan bzw. Notflugplan. Eine problematische Wortwahl.

Derzeit ist die Gewerkschaft Cockpit mal wieder am Drücker. Sie sieht die Verhandlungen mit der Lufthansa als so erfolglos an, dass ein weiterer Streik das Unternehmen unter Druck setzen soll. Darüber wird natürlich berichtet – und die Not bleibt nicht unerwähnt:

Von den ursprünglich geplanten 1400 Flügen in Deutschland und Europa wird laut einem Notflugplan des Unternehmens gerade mal die Hälfte übrig bleiben,

meldet das Darmstädter Tagblatt. Auch der Hessische Rundfunk übernimmt die Wortwahl im Sinne der Lufthansa und berichtet:

Das sieht ein Notflugplan vor, den das Unternehmen am Dienstagnachmittag veröffentlichte.

Die GdL, die Gewerkschaft der Lokomotivführer, machte es in der Vergangenheit genauso. Die Not musste besonders hervorgehoben werden und rutschte gleich ins Manuskript:

Derzeit sehe die Bahn noch keine Veranlassung, Notfahrpläne zu erarbeiten,

meldete der SWR. Es handelte sich offensichtlich um ein Zitat, wie die indirekte Rede signalisiert. Auf stern.de wurde das konkreter:

Laut Bahn-Personalvorstand Ulrich Weber bereite die Bahn derzeit keine Notfahrpläne für den Streikfall vor.

Aha. Der hat’s erfunden. Und der hat auch allen Grund dazu, den Begriff Notfahrplan in die Welt zu setzen. Denn mit dieser Wortwahl rückt er sein Unternehmen genau in die Rolle, die öffentlich wahrgenommen werden soll. Die Deutsche Bahn AG ist das Opfer. Die Bahn leidet unter den Streiks. Wir sind in Not!

Auch bei Streiks bei der Lufthansa-Tochter Germanwings wurde das Bild der Not schon gerne verbreitet – und unreflektiert übernommen:

Germanwings wollte gestern noch im Laufe des Nachmittags einen Notflugplan erstellen,

berichtet die Frankfurter Rundschau. Selbst der Deutschlandfunk fällt herein auf den bewusst gestreuten Begriff:

In Düsseldorf wurden laut dem Notflugplan 4 von 64 Flügen gestrichen.

Wieder war – wie selbstverständlich – von einem Notplan die Rede, in diesem Fall von einem Notflugplan. Nur: Wo ist die Not? Natürlich gefühlt auf Seiten der Bahn oder der Fluggesellschaften. Und das soll wortgewaltig in der Öffentlichkeit vermittelt werden. Wir Unternehmen sind die Opfer. Wir befinden uns in Not.

Die Not jedoch ist das falsche Bild. Denn die Gewerkschaften nehmen lediglich ein Recht in Anspruch. Sie bewegen sich komplett auf dem Boden deutscher Gesetze, wenn sie zum Streik aufrufen. Und deshalb sollten wir Redakteure nicht in die Rhetorik-Falle tappen und von Notfahrplänen und Notflugplänen sprechen. Damit spielen wir den Interessen einer der Tarifparteien in die Hände. Was da von den Fachleuten bei der Bahn und in den Fluggesellschaften ausgeklügelt wird, ist nichts mehr und nichts weniger als ein Ersatzfahrplan bzw. Ersatzflugplan.

Sie mögen Not haben, weil Streiks stattfinden und Not macht bekanntlich erfinderisch. In Nachrichten aber ist Neutralität geboten und dieser Suggestiv-Begriff des Notfahrplans bzw. des Notflugplans sollte bei uns deshalb nicht vorkommen.

 

(Bild: privat)

 

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Über udostiehl

Redakteur und Sprecher

Ein Kommentar zu “Erfinderisch macht Not

  1. Frank sagt:

    Es geraten auch die Fahrgäste in ‚Not‘, die, wir wissen, tendentiell für alles Verständnis haben – nur nicht dafür, dass ihr Zug nicht fährt.

    Vorsicht an der Rheto-Kante … 🙂

    Grüßt Frank

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