Unbestätigt tot? Warum Pietät in Nachrichten wichtig ist.

Am Freitag (26.06.15) zieht ein Attentäter am Strand von Sousse in Tunesien ein Maschinengewehr aus dem Sonnenschirm und tötet 37 Menschen. Die Hotelanlage hinter dem Strand wird vor allem von internationalen Gästen besucht. Das tunesische Gesundheitsministerium berichtet, es seien auch deutsche Staatsbürger unter den Opfern, nennt aber keine Zahl. Das Auswärtige Amt in Berlin gibt dafür keine Bestätigung. Wie soll man damit am Nachrichtentisch umgehen?

Die Frage mag auf den ersten Blick einfach zu beantworten sein: Den Stand der Dinge melden – also die Information der tunesischen Behörden, kombiniert mit der Nicht-Bestätigung des Auswärtigen Amtes. Das entspricht der sachlichen Berichterstattung, lässt aber außer Acht, dass wir als Nachrichtenmacher längst nicht mehr die einzige Quelle sind. Auf allen elektronischen Kanälen fließen die Meldungen. Überwiegend ungefiltert, ungeprüft und unsortiert rauschen die Informationen durch die Netzwerke.

Und jetzt kommt das Problem: Wie weit können, sollen bzw. dürfen wir gehen, wenn wir über Tote berichten? Warum ist es sinnvoll, eine Bestätigung des Auswärtigen Amtes abzuwarten? An dieser Stelle scheiden sich die Geister. Denn natürlich muss korrekt berichtet werden, aber – und darum geht es mir besonders – mit Umsicht. Es gibt einen simplen, aber gewichtigen Grund, warum bei Todesmeldungen deutscher Staatsbürger im Ausland vom Auswärtigen Amt die Bestätigung eine gewisse Zeit auf sich warten lässt. Die Mitarbeiter, meist zusammengezogen zu einem Krisenstab, wollen zunächst alle Angehörigen ausfindig machen und informieren. Erst dann erfolgt eine Information in Form einer Bestätigung für die Öffentlichkeit.

Das kann man als altmodisch bezeichnen und dagegen argumentieren, über die vielen anderen Kanäle sei ohnehin schon bekannt, dass es auch Opfer mit deutscher Staatsangehörigkeit gab. Schließlich habe das ja schon eine Behörde, in diesem Fall ein tunesisches Ministerium, offiziell mitgeteilt. Wozu also noch auf das Auswärtige Amt warten? Meine persönliche Ansicht ist, dass im Informationsgedrängel trotzdem Zurückhaltung herrschen sollte.

Denn es geht hier ganz einfach um Pietät. Und deshalb reicht es aus, von der Möglichkeit oder Wahrscheinlichkeit zu berichten, dass Deutsche unter den Opfern sind, solange keine Bestätigung vom AA vorliegt – auch wenn wir intern wissen, dass es wohl so sein wird. Ich möchte nicht, dass Angehörige (in meinem Fall) per Radio definitiv die Todesnachricht ereilt, bevor psychologisch geschulte Fachleute diese Meldung den Betroffenen überbracht haben.

Wer es eher kurz mag, der kann an dieser Stelle aussteigen, denn alle Argumente sind vorgebracht. Wer sich für eine persönliche und sehr einprägende Erfahrung zu diesem Thema interessiert, dem möchte ich kurz erzählen, was mir vor knapp 20 Jahren passierte.

Ich saß damals im Spätdienst und über Agentur traf die Meldung ein, dass ein Sportflugzeug in Luxemburg abgestürzt war. Es habe drei Todesopfer gegeben, sie seien wegen der Verbrennungen bislang aber nicht identifiziert worden. Das Unglück hatte sich zudem direkt neben einer Raffinerie ereignet – aus rein nachrichtlicher Sicht also zweifellos eine Meldung. Das fand ich auch und so war in der 21-Uhr-Sendung das Thema drin. Mit allen, was zu dem Zeitpunkt bekannt war: Drei Tote, bis zur Unkenntlichkeit verbrannt und das gleich neben explosiven Treibstofflagern. Gegen 21:20 Uhr stellte die Telefonzentrale eine Anruferin in die Redaktion durch. Sie erkundigte sich mit erstickter Stimme danach, ob uns eine Flugnummer vorläge und ob der genaue Maschinentyp und die Flugroute bekannt seien. Ich nannte ihr diese Details, die uns die Agentur übermittelt hatte, in der Meldung on Air aber nicht genannt wurden, weil sie für das Verständnis des Geschehens irrelevant waren. Die Dame am Telefon brachte noch ein schwaches „das sind sie“ heraus. Und bei mir plumpste der Arsch auf Grundeis. Die Frau hatte aus dem Radio erfahren, dass ihre Familie tödlich verunglückt war. Von mir. Aus den Medien. Ich habe ihr dann noch die Telefonnummer der luxemburgischen Staatsanwaltschaft herausgesucht, stammelnd mein Mitgefühl ausgedrückt und dann eine komplett neue Meldung verfasst. Ohne „bis zur Unkenntlichkeit verbrannt“, ohne jegliche Details. Natürlich half das der Frau zu dem Zeitpunkt nicht mehr. Aber ich mochte ihr – für den Fall, dass sie das Radio noch an hatte – nicht noch einmal zu nahe treten. Was hätte ich darum gegeben, dass sie es von einem Polizeipsychologen erfahren hätte und nicht von einem Jungredakteur im Spätdienst.

Dieses Erlebnis hat mich geprägt. Und deshalb werbe ich für Pietät in solchen Situationen. Mit Blick auf den Anschlag in Tunesien heißt das: Auch wenn für uns Redakteure aus Erfahrung klar ist, was in wenigen Stunden höchstwahrscheinlich bestätigt wird, muss die definitive Todesnachricht nicht von uns überbracht werden. Am Informationsgehalt der Meldung fehlt nichts, wenn wir mit Rücksicht auf Angehörige so lange von „möglichen deutschen Todesopfern“ sprechen, bis das Auswärtige Amt seine traurige Pflicht erfüllt hat – und zwar in professioneller Form der direkten Kontaktaufnahme. Der Schmerz der Betroffenen wird ohnehin noch tagelang geschürt, wenn wir danach über die „bestätigten Toten“ berichten.

 

(Bild: Screenshot tagesschau.de)

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Über udostiehl

Redakteur und Sprecher

2 Kommentare zu “Unbestätigt tot? Warum Pietät in Nachrichten wichtig ist.

  1. stefanolix sagt:

    Ich denke, dass die Todesopfer von den Verwandten oder Freunden in Deutschland anhand der Informationen Land, Ort, Strand, Hotel relativ stark zu »erahnen« sind. Das löst doch sofort schlimme Ahnungen aus, wenn X weiß, dass Y und Z auf Hochzeitsreise in Tunesien sind oder wenn A weiß, dass ihre Schwester B dort einfach im Urlaub sein könnte.

  2. Stefan Bosch sagt:

    Lieber Herr Stiehl,

    ich schätze Ihre Ratschläge und Anmerkungen an dieser Stelle sehr. In diesem Fall scheint Ihre persönliche Erfahrung aber Ihre Einschätzung zu trüben. Denn es ist natürlich ein Unterschied, ob ich von einem Flugzeugabsturz an einem Ort berichte, wo sich ansonesten nicht allzuviele Flugzeuge rumgetrieben haben dürften, oder von einem Anschlag, wo Tausende Toursiten sind und die Todesopfer dementsprechend nicht ansatzweise durch die Meldung identifizierbar sind. Gleichwohl bleibt natürlich die Pflicht der Sorgfalt: so lange das AA nicht bestätigt hat, sollten deutsche Todesopfer nicht als sicher gemeldet werden. Wobei sich ohnehin die Frage stellt, ob der Fall durch deutsche Opfer noch schlimmer wird.

    Herzliche Grüße
    Stefan Bosch

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