Homophobe Muslime?

Ja, natürlich gibt es schwulenfeindliche Muslime. Genauso, wie es schwulenfeindliche Christen gibt. Und mit der Konfession dürfte es nicht getan sein. Wer eine homophobe Position vertritt, braucht dafür keine Religionszugehörigkeit, sondern lediglich einen Mangel an Respekt und Toleranz. Und umgekehrt?

Das Thema kam zur Sprache bei Twitter. Ein User beklagte,

„… als deutscher schwuler Mann beklage ich die zunehmende Homophobie durch islamische Machos, die Schwulenrechte bekämpfen.“

Als Kölner Einwohner – kaum 300 Meter entfernt vom so genannten „Bermuda-Dreieck“, also einem dichten Angebot schwuler Kneipen – bin ich reichlich irritiert. Denn meine Erfahrung ist von ganz anderen Eindrücken geprägt.

Wer mag da am Werk sein?

Ich bin zwar dank des Rauchverbots nicht mehr ganz so oft unterwegs wie einst, aber „islamische Machos“ sind mir bislang nicht begegnet. Natürlich ist das kein Nachweis dafür, dass es die nicht geben würde. Aber wenn es schon in einer der „Hochburgen“ der Schwulen kaum vernehmlich ist? Ja, es gibt nach wie vor Gewalt in verbaler und körperlicher Form gegen Schwule. Wer die Polizeiberichte liest, bemerkt aber auch: Das kommt vornehmlich aus der Fraktion der „üblichen Verdächtigen“ – nämlich aus der rechtsradikalen Szene.

Endlich kann ich so sein, so wie ich bin!

Was ich aber sehr deutlich wahrnehme, ist eine Erleichterung, eine Freude darüber, kein Versteckspiel mehr betreiben zu müssen. Sogar wenn es nur ein eingeschränkter Erfolg ist, weil Familienstrukturen die neue Freiheit durchkreuzen. In den vergangenen Jahren – also auch längst vor Beginn der großen Einwanderung von Flüchtlingen – habe ich einige Menschen kennengelernt, die ihren Weg erst jetzt gehen können. Allen gemein ist die Ansicht, nun endlich ihre Sexualität leben zu können, wie sie es möchten. Und zwar trotz familiären Drucks, der gelegentlich auch zu Notlügen nötigt. Es sind die Rahmenbedingungen an sich, die dazu führen, dass auch Muslime – manche erst wenige Monate in Deutschland – sich sexuell emanzipieren.

Mein Bruder reißt mir den Kopf ab!

Und sie wissen dabei um ihre Situation. Sie sprechen offen darüber, dass in ihrer Familie homophobe Gedanken kursieren, sie kennen das Risiko – und gehen es ein. Weil sie Rückhalt erfahren sowohl aus dem schwulen Umfeld an sich als auch von den vielen muslimischen Schwulen, die selbst den Weg mühsam durchschritten haben und nun ihre Erfahrungen an die nächste Generation weitergeben.

Es ist ein uraltes Phänomen

Das Prinzip dahinter ist übrigens alles andere als neu. Und vor allem: Es hat überhaupt nichts mit irgendeiner Religionszugehörigkeit zu tun. Der populäre Scherz, die katholische Kirche wäre der größte Schwulenverband der Welt, basiert genauso auf einzelnen Fällen wie die Behauptung, „islamische Machos“ würden Rechte von Schwulen und Lesben bekämpfen. Genauso gut ließe sich fabulieren, „christliche Machos“ wären am Werk und muslimische Männer bevorzugten Analverkehr unter Männern, um die Jungfräulichkeit der Frau nicht zu gefährden. Das ist sensationeller Quatsch.

Sexualität bahnt sich ihren Weg auf eigene Weise

Was Fakt ist, lässt sich problemlos in vielen schwulen Cafés, Kneipen und Saunen beobachten und ist eigentlich ein alter Hut. Es gibt Menschen, die nach ihrer sexuellen Orientierung suchen, sich ausprobieren möchten, Abenteuer erleben wollen, was auch immer. Und ob sie sich dabei als schwul, bisexuell, heterosexuell oder sonst etwas selbst einordnen und das aus religiösen, sozialen oder ganz persönlichen Gründen definieren: Es gibt für alle – ja, wirklich für alle – die Möglichkeit, das zu tun, was sie möchten. Und das ist eine Entwicklung, die endlich zur Normalität zählen sollte, statt sie in kleinteilige Debatten über Religionszugehörigkeit und Gesinnungsgefolgschaft zu zerlegen.

(Foto: privat)

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Über udostiehl

Redakteur und Sprecher