Alle Wahlen wieder

Ob kommunal, landesweit oder bundesweit – noch bevor der erste Stimmzettel ausgefüllt ist, wechselt die Sprache in der Wahl-Berichterstattung. Je näher der Sonntag der Entscheidung heran rückt, umso wortgewaltiger werden die Schlagzeilen. Die Begriffssammlung aus der alten Kiste der Floskeln und Phrasen wird hemmungslos geplündert.

Grundlage für die meisten Berichte sind – wie stets – Umfragen. Und wenn da auch nur annähernd ähnliche Ergebnisse für verschiedene Parteien und ihre Kandidaten zu erkennen sind, wird es natürlich spannend. Aus der Wahl wird deshalb flugs ein Wahl-Krimi. Der hält sich allerdings als Begriff nicht ewig, es muss also noch einer draufgesetzt werden: Ohne Krimi ging die Mimi früher nie ins Bett – und so ein alter Schlager zieht nicht mehr. Also erleben wir den Schlagzeilen zufolge nun einen Wahl-Thriller. Holen Sie schon mal die Herztabletten raus, sonst ereilt Sie noch ein Urnengang, der so nicht vorgesehen war.

Es ist 18 Uhr

Jetzt kommt der Augenblick der Balken und Torten – die Grafiken zeigen die Prognose. Und weil auch hier schon von Gewinnen und Verlusten die Rede ist, öffnet sich die Schublade mit den Etiketten: Aus dem Stand erreichen Parteien da plötzlich Ergebnisse. Dass in den zahlreichen Umfragen vorher schon ein ähnliches Ergebnis zu erwarten war: geschenkt. Wahlweise werden auch Naturkatastrophen bemüht, dann kommt der Erdrutschsieg zur Sprache. Diese Schlammlawine bewegt sich zwar physikalisch nach unten und kann auch gar nicht anders, aber das spielt nun keine Rolle. Sprachlawinen fließen auch aufwärts, Hauptsache, es klingt gewaltig.

Es ist 18.15 Uhr

Jetzt wird es haarig. Denn wer bisher schon von einer Hochrechnung sprach, wird eines Besseren belehrt: Was punkt 18 Uhr als Grafik gezeigt wurde, war keine Hochrechnung. Die braucht echte Auszählungsergebnisse und basiert nicht nur auf Nachwahlbefragungen vor den Stimmlokalen. Das wird im Eifer des Gefechts gern mal verwechselt und führt zu einem lustigen Hallo, wenn auf einmal die Zahlen ganz anders aussehen. Dafür eröffnen sich neue sprachliche Chancen: Projiziert man das Ergebnis der Parteien auf ihre Spitzenkandidaten, dann wird es familiär – es befinden sich Landesmütter oder –Väter im Kopf-an-Kopf-Rennen, und wer auch immer das voraussichtlich schlechtere Ergebnis erzielt: Für sie oder ihn ist es ein schwarzer Sonntag. Egal was die politische Farbenzuweisung sagt.

Elefantenrunde

Traditionen sollte man nicht brechen, deshalb müssen alle hochrangigen Vertreter der Parteien schnellstens an die Mikrofone der berichtenden Sender. Und je knapper die Hochrechnungen sind, umso abenteuerlicher sind die Äußerungen. Mutmaßliche Gewinner taumeln schon im Rausch des Sieges: Das ist ein guter Tag für [hier einen Punkt aus dem Wahlprogramm einfügen], der Wähler hat einen klaren Auftrag erteilt (obwohl keine eindeutigen Mehrheiten erkennbar sind) und wenn alles noch völlig unklar ist, dann passt eine Wortstanze immer: Es ist eine demokratische Entscheidung, mit der wir verantwortungsvoll umgehen.

Der mutmaßliche Wahlverlierer steht allerdings nicht schlechter da – zumindest, was das Vokabular angeht. Optimismus bis zur letzten Sekunde muss demonstriert werden – auch wenn man selbst nicht mehr daran glaubt. Das sind nur Hochrechnungen, da kann sich noch viel verschieben. Oder etwas ruppiger formuliert: Ich gebe doch hier keine Niederlage zu, wenn auch nur entfernt und theoretisch eine Chance besteht, dass sich das Umfrageinstitut verrechnet hat. Und wenn es einzelne regionale Ergebnisse gibt, die die Niederlage wahrscheinlicher machen – das sind alles Einzelfälle. Und die Wählerwanderung? Notfalls sind das 80.000 Einzelfälle. In der Elefantenrunde sind grundsätzlich die anderen Schuld, egal ob gegnerische Parteien oder die Wähler, die nicht erreicht wurden.

Endergebnis

Sind Prognosen, Hochrechnungen und Deutungshoheiten durchgehechelt, bleibt das bekannte Szenario: Die Suche nach Mehrheiten beginnt, es wird sondiert. Wer kann mit wem und wie und was für Posten können besetzt werden. Aber bitte nicht wundern, denn was vorher im Wahlkampf über mögliche Koalitionen gesagt wurde, gilt meist nicht mehr. Und warum? Nun, der Wählerwille wird hier gern als Argument vorgeschoben, Dinge zu tun, die vorher sogar ausgeschlossen wurden. Sie erkennen es an Formulierungen wie: Es kann nicht sein, dass [Wahlergebnis einfügen] die Politik der bisherigen Regierung zunichte machen. Oder Sie hören von geduldeten Mehrheiten – dem Trumpf kleiner Parteien, die sich mal richtig wichtig fühlen möchten.

Bunte Etiketten

Phantasievoll wie eh und je sind dabei die Mischungen der Parteifarben. Die Große Koalition, also Schwarz und Rot, die kennt noch jeder – schließlich hat die Bundesregierung diesen Anstrich. Und Rot-Grün ist auch eine geläufige Bezeichnung für ein Regierungsbündnis, wenn auch örtlich in umgekehrter Reihenfolge, nachdem in Baden-Württemberg Winfried Kretschmann an der Spitze von Grün-Rot steht.

Erinnern Sie sich noch an Jamaica? Schwarz-Gelb-Grün referierte auf diese Landesflagge, als diese Dreierkoalition einst ins Gespräch kam. Auch von einer schwarzen Ampel wurde fabuliert – also Rot-Gelb-Grün minus Rot plus Schwarz. Daraus wurde in Kurzform die Schwampel, auch wenn das eher unappetitlich nach verschimmeltem Brot klingt. Findige Texter haben aber eine wahrlich staatstragend klingende Bezeichnung erfunden, und zwar für ein Bündnis aus CDU, SPD und FDP: Dieses Trio möchte in aller Bescheidenheit Deutschlandkoalition genannt werden.

Möglicherweise haben Sie bemerkt, dass der Text kaum Zeitbezüge hat und nicht direkt auf die Landtagswahlen in Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und Sachen-Anhalt referiert. Das ist Absicht. Denn das rhetorische Schauspiel passt individuell, egal, wo und was gerade gewählt wird. Das ist einerseits bedauerlich, andererseits aber schlicht die Realität.

(Bild: Screenshot ARD tagesthemen)

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Über udostiehl

Redakteur und Sprecher

Ein Kommentar zu “Alle Wahlen wieder

  1. Mich irritiert immer wieder, wie die Politiker auch desaströse Ergebnisse ihrer Partei auf Kosten des politischen Gegners schönreden. Wie kann beispielsweise Julia Klöckner ernsthaft behaupten, die CDU habe in Rheinland-Pfalz ein Wahlziel erreicht – nämlich daß Rot-Grün im Land keine Mehrheit mehr habe und nun Vergangenheit sei -, wenn das Ziel dadurch erreicht wurde, daß die AfD 12,6 Prozent der Stimmen bekommen hat? Warum feiert die CDU die Erfolge der AfD, anstatt sich auf die Seite der SPD zu schlagen?

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