Der Tatort beginnt gegen 20.15 Uhr: Warum Nachrichten auch mal kürzer oder länger sein sollten

Der 18. März 2016 war kein gewöhnlicher Nachrichten-Tag. Die Deutsche Presse-Agentur schickte zwölf Eilmeldungen an ihre Kunden, die Tagesschau hatte drei Aufmacher gleichzeitig und das Weltgeschehen ließ sich kaum in eine Sendung mit vorgegebener Länge pressen. Ist das noch zeitgemäß?

Lineare Programme haben eines gemeinsam: Sie haben ein festes Zeitraster – im Radio wie im Fernsehen sind die Sendungen nach Möglichkeit auf die Sekunde genau geplant. Nach dem Gong der Tagesschau lässt sich die Uhr stellen und wie selbstverständlich beginnt der Tatort am Sonntag punkt 20.15 Uhr. Da haben es die Medien mit nicht-linearen Wegen wesentlich einfacher. Zuschauer und Hörer konsumieren Inhalte nach Bedarf. Und wenn die Sendungen gut gemacht sind, dann spielt es kaum eine Rolle, wie lang sie sind. Der Inhalt bestimmt, wieviel Zeit nötig ist.

Die Welt richtet sich nicht nach den Formatvorgaben des Senders

Am 18. März 2016 hatten wir eine Nachrichtenlage, die selten so vorkommt. Kurz vor Mittag wird bekannt, dass der ehemalige baden-württembergische Ministerpräsident Lothar Späth gestorben ist. Nur wenig später finden zwei wichtige Auslosungen für die anstehenden Begegnungen in der Fußball-Champions-League und der Europa-League statt. Inzwischen wird im Porsche-Prozess der ehemalige Konzernchef Wendelin Wiedeking vom Vorwurf der Kursmanipulation freigesprochen, in Belgien führen Spezialeinheiten der Polizei eine Anti-Terror-Razzia durch, in deren Folge einer der mutmaßlichen Anführer der Anschläge von Paris gefasst wird, einige Kilometer weiter beschließen in Brüssel die EU-Länder das Abkommen mit der Türkei zum künftigen Umgang mit Flüchtlingen und um 14.26 Uhr läuft die Meldung vom Tod des FDP-Politikers Guido Westerwelle über die Agenturen. Und nun packen Sie das mal alles in eine Nachrichtensendung.

Was nicht passt, wird passend gemacht

Wenn die Länge der Sendung vorgegeben ist, haben Sie jetzt zwei Möglichkeiten: Alle Themen auf Kurzmeldungsgröße zusammenkürzen, oder Platz schaffen und andere Meldungen komplett rausnehmen. Beides ist im üblichen Tagesgeschäft kein großes Problem – in Fällen solcher nachrichtlichen Entwicklungen aber stößt das Format an seine Grenzen. Und weil das so ist, gibt es schon lange das Konzept der flexiblen Länge von Nachrichtensendungen. Als Beispiel möchte ich aus eigener Erfahrung die WDR2-Nachrichten nennen. Wenn es die Berichterstattung erfordert, kann von der üblichen Länge abgewichen werden – und zwar auch im entgegengesetzten Fall. Gibt es nur wenige relevante Themen, muss die Standardlänge nicht erreicht werden. Das Konzept ist ehrlich: Gibt es wenig zu berichten, wird die Sendung nicht unnötig in die Länge gezogen. Erfordert die Lage mehr Platz, wird er genutzt. Was spricht eigentlich dagegen, Nachrichtensendungen der Meldungslage anzupassen?

Der Tatort beginnt um 20.15 Uhr!

Ja. Und wenn er schon um 20.12 Uhr anfängt? Oder erst um 20.19 Uhr? Ich glaube nicht, dass bei begründeten Zeitverschiebungen den Zuschauern ein Schaden entsteht. Im Gegenteil: Gut informiert und anschließend eine beliebte Krimi-Serie – was scheren einen da ein paar Minuten weniger oder mehr bis zum Beginn der Sendung? Und mit Blick auf die Gewohnheiten, die sich durch nicht-lineare Angebote via Internet entwickeln, könnte diese Flexibilität sogar zu einer größeren Glaubwürdigkeit von Nachrichtensendungen im linearen Fernsehen (und auch Hörfunk) beitragen. Nicht mehr das Format bestimmt den Inhalt, sondern der Inhalt bestimmt das Format. Technisch ist das längst kein Problem mehr. Die Zeiten, in denen exakte Schaltpunkte auf die Sekunde eingehalten werden mussten, sind längst vorbei. Und wer sich ausschließlich für den Tatort und überhaupt nicht für die Nachrichten davor interessiert: Notfalls die Linear-Glotze ein paar Minuten früher einschalten und etwas Geduld haben. Oder sich freuen, dass der ersehnte Krimi etwas früher beginnt.

Nachrichten nach Lage – nicht nach Sendeschema

Lineare Sendekonzepte sind längst nicht so starr, wie es – oft auch im Vergleich mit On-Demand-Angeboten im Internet – behauptet wird. Etwas mehr Mut zum Formatbruch täte dem Nachrichtenjournalismus dennoch gut. Möglich ist das längst: Bei Fußball-Liveübertragungen, Sondersendungen wie „Brennpunkt“ oder auch Eurovisions-Gesängen verschieben sich Anfangszeiten. Und mal ehrlich: Es kräht kein Hahn danach. Warum also nicht dem echten Bedarf an Informationen folgen und Nachrichtensendungen in der Länge der aktuellen Lage anpassen? Die Frage ist wahrlich nicht neu und eigentlich längst beantwortet. Mein damaliger Wellenchef bei EinsLive, Gerald Baars, gab schon 1997 die Leitlinie aus:

„Kein Wort zu viel, kein Fakt zu wenig“.

Das ist 19 Jahre her – und stimmt noch immer.

(Bild: Screenshot Tagesschau vom 18.03.2016)

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Redakteur und Sprecher

2 Kommentare zu “Der Tatort beginnt gegen 20.15 Uhr: Warum Nachrichten auch mal kürzer oder länger sein sollten

  1. torsten sagt:

    Anders als bei WDR2 hat das TV nicht die Möglichkeit, mit Dudel-Musik Überhänge oder Lücken abzupuffern. Klar könnte man die starren Sendezeiten aufweichen, aber nicht jeder Zuschauer hängt den ganzen Abend vor einem Sender. Und wer seinen Recorder programmiert hat, wäre ebenfalls der Gelackmeierte.

  2. Hendrik sagt:

    Früher nannte man sowas „Zeilenschinden“ (auf die Soll-Länge auswalzen) oder „Huschhusch“ (unnötig kurz bleiben, obwohl viel los war). Mehr Flexibilität wäre super.

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