Im Wahlkampf ist Reden Silber – Phrasendreschen ist Gold

Was ist eigentlich in die Politiker und ihre Redenschreiber gefahren? Auf den Parteitagen in den vergangenen Wochen hören wir von Räuber Hotzenplotz, von Robin Hood und Loch Ness. Auch Graf Dracula fand bereits Erwähnung. Gibt es einen geheimen Wettbewerb unter den Parteien um den Großen Preis der plattesten Bilder? Ist die politische Rede neuerdings auf den Wettkampf um den skurrilsten O-Ton für die Nachrichtensendungen reduziert? Was geht an den Rednerpulten der Parteitage eigentlich vor im Wahlkampf?

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Die „Jagd“ in Boston – Nachrichten aus freier Wildbahn

Waidmannsheil!

Bei der Jagd auf die beiden mutmaßlichen Attentäter von Boston hat die Polizei einen der Verdächtigen erlegt.

Nein – das ist zum Glück nicht so über den Sender gegangen. Aber fast. Denn in unzähligen Nachrichtenmeldungen war tatsächlich von einer Jagd die Rede. Gehört Menschenjagd neuerdings zum Standardrepertoire des schnellen Informationsgeschäfts?

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„Das ist ein guter Tag für…“ alle Phrasendrescher

In Reden, in Interviews, überhaupt: Wer in der Presse zitiert werden möchte, der bereitet sich vor. Das Grundrezept lautet: Es muss eine griffige, plakative und einfache Formulierung zum Einsatz kommen. Im September vergangenen Jahres sprach Bundeskanzlerin Merkel im Bundestag über das Urteil des Bundesverassungsgerichts zum ESM und zum Fiskalpakt:

„Das ist ein guter Tag für Deutschland, und es ist ein guter Tag für Europa“

Der Redenschreiber der Kanzlerin griff also auf das gute alte Grundrezept zurück. Natürlich war diese Formulierung auch vorher schon im Umlauf. Seit dieser Rede im Bundestag aber breitet sich der „gute Tag für“ wie Masern im Kindergarten aus. Inzwischen könnte man einen ganzen Kalender damit füllen. Fast jeder Tag ist inzwischen gut für irgendetwas. Eine kleine Chronik.

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Die „Kampfsaison“ naht! – Do You Speak NATO? (3)

Die Nachrichtenagentur AFP blies am Freitag schon mal ins Horn: Von einer bevorstehenden „Kampfsaison“ war die Rede. Es ging aber nicht – wie ich zunächst vermutete – um den Auftakt der Wettkampfsaison in irgendeiner Sportart. Es handelte sich um eine Meldung über den Besuch des neuen US-Verteidigungsministers Hagel in Afghanistan. Und eben dort – so hieß es im Text – beginne die „Kampfsaison“. Dieser fragwürdige Begriff entstand aus einer – sagen wir mal – sportlichen Übersetzung.

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Ja, ist das denn die Möglichkeit?!

„Nichts ist unmöglich!“ – das galt im Werbeslogan eines Autoherstellers und wirkt noch immer in die Redaktionen hinein. Sobald es um einen Verdacht geht, kommt das Zauberwort „möglicherweise“ zum Einsatz.  Die Formulierung ist praktisch: Mit ihr lässt sich geschickt jede Vermutung so verpacken, als sei sie bereits bewiesene Tatsache. Außerdem ist sie unverbindlich. Es könnte ja auch anders sein. Aber „möglicherweise“ eben doch so wie spekuliert. Jetzt noch geschickt eine Kombination mit einem vermeintlichen „Skandal“ – und fertig ist die perfekte Schlagzeile: Wie zum Beispiel diese auf WELT ONLINE:

Möglicherweise neuer Organspenden-Skandal in Leipzig

Möglicherweise auch nicht.

Möglicherweise stürzt morgen auch eine Boeing 747 auf Gelsenkirchen. Nichts ist unmöglich. Es gibt allerdings – nicht nur möglicherweise – präzisere Formulierungen.

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Pferdefleisch-Skandal mit falschem Etikett

Wenn Medien über ein Thema berichten, bildet sich rasch ein Schlagwort. Griffig muss es sein und wiedererkennbar. Damit es bei Lesern, Hörern und Zuschauern gleich hängen bleibt, wird das Schlagwort gerne mit „Skandal“ oder „Affäre“ verknüpft. Derzeit ist vom „Pferdefleisch-Skandal“ die Rede. Schnell hat sich der Begriff in Print, Hörfunk und Fernsehen festgesetzt. Dabei geht dieses Schlagwort am Kern der Geschichte komplett vorbei. Weiterlesen

„Mir tut jeder leid, der mein Englisch ertragen muss.“

Screenshot aus youtube

Screenshot aus youtube

„Mir tut jeder leid, der mein Englisch ertragen muss“, sagt Finanzminister Schäuble im Gespräch mit der FRANKFURTER ALLGEMEINEN SONNTAGSZEITUNG. Es ist auch wirklich eine Qual, dem schwäbisch-englischen Sprachgewirr des CDU-Politikers zu folgen. Möchten Sie es mal ausprobieren? Hier gibt es einen 21-minütigen Vortrag des Ministers vom 17. Oktober 2011 in London zu bestaunen. Es geht um „Fiscal Consolidation and Financial Market Regulation“.

Und wie sieht es mit dem Englisch der Kabinettskollegen aus? Weiterlesen

Söldner als „US-Berater“ deklariert – Do You Speak NATO? (2)

Im September hatte ich schon eine gewisse Vorahnung, dass sich die „Inside-Attacks“ als neuer Begriff in die Nachrichtensprache einschleichen würden. Und tatsächlich: Sie tauchen wieder auf. SPIEGEL ONLINE vermeldet heute:

Erneut melden westliche Truppen in Afghanistan einen sogenannten „Angriff von innen“

WELT ONLINE trifft eine ähnliche Wortwahl:

„Angriff von innen“: Eine afghanische Polizistin hat einen US-Berater erschossen. Es war bei weitem nicht die erste Insider-Attacke in diesem Jahr.

Bei der NATO in Brüssel dürfte die Presseabteilung zufrieden sein. Das so genannte Wording hat funktioniert. Die Redaktionen haben die Wortschöpfung inzwischen übernommen. „Inside Attacks“ bezeichnet in der Sprache des westlichen Verteidigungsbündnisses den Angriff verbündeter Soldaten auf Kameraden in den eigenen Reihen. In den veröffentlichten Artikeln gibt es aber noch eine neue und versteckte Wortschöpfung aus dem Vokabular der NATO zu entdecken:

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Wo bleibt denn nur das Chaos???

„Das befüchtete Schneechaos blieb jedoch aus“, hörte ich heute morgen aus meinem Radiowecker. Was würde sich also beim Blick aus dem Fenster zeigen? Meine Erwartung bestätigte sich: Nichts besonderes war zu sehen. Es schneite, der Schnee blieb sogar liegen und es hatte sich eine Schicht von etwa drei Zentimetern der weißen Pracht gebildet. Für diese Jahreszeit ein ganz normaler Vorgang. Nicht jedoch für die Panikmacher in den Redaktionen. Zuverlässig wie ein Schweizer Uhrwerk steht nach deren Ansicht jährlich zu dieser Jahreszeit der Weltuntergang wieder einmal kurz bevor. Man muss nur sprachlich kräftig nachhelfen. Den Satz

Das befürchtete Schneechaos blieb jedoch aus

sollte man sich deshalb einmal auf der Zunge zergehen lassen. Weiterlesen

Eine Linie macht Sprach-Karriere

Ist Ihnen das auch schon aufgefallen? Auf der ganzen Welt tauchen plötzlich „rote Linien“ auf. Zumindest in der Sprachwelt. Diese „roten Linien“ sind – je nach Zusammenhang – schon überschritten, wurden frisch gezogen oder müssen dringend eingeführt werden. Und ein Überschreiten dieser „roten Linie“ kann Konsequenzen haben: Sie reichen von der Strafanzeige

(Berliner Morgenpost, 15.10.12) Innensenator Frank Henkel (CDU) kündigte an, alles dafür zu tun, um die Täter zu fassen und so lange wie möglich wegzusperren. «Hier ist eine rote Linie weit überschritten, wenn ein Mensch in unserer Stadt solch unfassbarer Gewalt ausgesetzt ist.»

bis hin zur Weltkrise:

(Die Welt, 27.09.12) Premier Netanjahu forderte eine „rote Linie“ gegenüber dem Atomprogramm des Iran. „Rote Linien führen nicht zu Krieg“, sagte Netanjahu. „Rote Linien verhindern Krieg.“

Wo kommt diese „rote Linie“ eigentlich her? Weiterlesen