Auf freiem Fuß und mit beiden Beinen im Fettnäpfchen

Der Prozess gegen den Sportler Oscar Pistorius endet. Medienvertreter auch aus Deutschland haben das Verfahren verfolgt und aus Johannesburg berichtet. Pistorius trägt zwei Prothesen, weil ihm beide Unterschenkel fehlen. Rechtfertigt das, ihn regelmäßig als den „beinamputierten Spitzensportler“ in Meldungen zu bezeichnen?

Ja und Nein. Und auf den Zusammenhang kommt es an. Die erste Frage, die sich Redakteuren bei Personen in der Berichterstattung stellt, ist: Kennt die jeder? Nicht immer geht es in Nachrichten um Menschen, bei denen die Nennung des Namens ausreicht. Und: Welche Funktion hat er? Welches Amt (z.B. bei Politikern) ist für die Meldung relevant? Äußerte sich Angela Merkel als Bundeskanzlerin oder als CDU-Vorsitzende? Das muss sauber unterschieden werden.

Lieschen Müller?

Andere Personen können am besten ins Gedächtnis gerufen werden, wenn ihre Leistung oder Auszeichnungen mit ihrem Namen verknüpft werden. Als Beispiel dafür nenne ich gerne Herta Müller. In Fachkreisen war sie sicherlich schon bekannt, als sie 2009 mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet wurde. Ich kannte sie damals nicht, stand aber im Nachrichtenstudio, als die Eilmeldung über ihre Ehrung auf den Bildschirm kam. Und weil inzwischen technisch ja so einiges möglich ist, war mein erster spontaner Gedanke: Das ist doch ein Streich, den die TITANIC eingefädelt hat. So heißt doch kein Nobelpreisträger. Während eines Korrespondentenberichts in der Sendung hatte ich zum Glück noch Zeit, die Meldung komplett zu lesen und ich hielt sie dann doch für glaubwürdig. Frau Müller tauchte sogleich mit Ihrer Auszeichnung auf, direkt vom Schirm runtergelesen. Und die TITANIC habe ich hoffentlich jetzt nicht auf eine neue Idee gebracht.

Oscar wer?

Der Mechanismus ist klar: Wenn unvermittelt eine Herta Müller im Text auftaucht, dürfte auch nach 2009 vielen nicht auf Anhieb geläufig sein, wer das ist. Wird aber in der Meldung von der „Literatur-Nobelpreisträgerin Herta Müller“ gesprochen, ist für jeden sofort erkennbar, worum es geht. Genauso funktioniert es mit Oscar Pistorius. Versetzen Sie sich zurück in die Zeit, als er noch nicht vor Gericht stand. Damals waren in der Tat seine Prothesen das Thema der Berichterstattung. Pistorius räumte bei den Paralympics 2008 in Peking gleich drei Goldmedaillen ab. Er qualifizierte sich später für die Olympischen Sommerspiele 2012 in London und ging dort in der 4 x 400-Meter-Staffel an den Start. Und zwar als erster beidseitig beinamputierter Sportler in der Geschichte der Olympischen Spiele. In diesem Zusammenhang war selbstverständlich die Rede vom „beinamputierten Spitzensportler„.

Prothesenträger Pistorius vor Gericht?

Rechtfertigt diese Karriere, dass ihm auch in anderen Zusammenhängen deshalb automatisch dieses Etikett angehaftet wird? Wegen des Todes seiner Freundin Anfang 2013 wird gegen Pistorius Mordanklage erhoben. Er sagt aus, die Badezimmertür beschossen zu haben, weil er dahinter einen Einbrecher vermutete. Im Verlauf des Prozesses werden seine Prothesen tatsächlich noch einmal zum Thema. Es geht um die Frage, aus welcher Höhe und welchem Winkel die Schüsse abgefeuert wurden. Verbunden damit, ob er zu dem Zeitpunkt seine Prothesen trug oder nicht. Der Rest des Verfahrens dreht sich – wenig verwunderlich – nicht um seine Beine, sondern um die Aufklärung eines Todesfalls. Weit über ein Jahr nach Anklageerhebung und auch nach der Urteilsverkündung wird Pistorius in Medienberichten noch immer über seine Prothesen definiert. Der Berliner TAGESSPIEGEL meldet:

Der beinamputierte südafrikanische Sportstar Oscar Pistorius ist wegen fahrlässiger Tötung seiner Freundin Reeva Steenkamp und illegalem Waffenbesitz schuldig gesprochen worden.

Und DEUTSCHLANDRADIO KULTUR berichtet:

Der beinamputierte Spitzensportler Oscar Pistorius hat seine Freundin erschossen – das sei ein Versehen gewesen, meint der Angeklagte. Seine Begründung: Er hatte Angst vor Einbrechern.

Obwohl es also überhaupt nicht um sportliche Fragen im Bezug auf seine Beine geht, sondern um den Verdacht auf einen Mord, bleibt die automatische Verbindung Pistorius + beinamputiert bestehen. Warum? Ist Pistorius wirklich nur darüber für den Leser, Hörer und Zuschauer zu identifizieren? In ähnlicher Form, aber mit einem Nebel der Verschleierung, versuchen andere Medien ihre Definition des Sportlers. Der STERN meldet:

Der südafrikanische Paralympics-Star Oscar Pistorius ist wegen fahrlässiger Tötung schuldig gesprochen worden.

Auf diese Idee kam auch der FOCUS:

Nach 41 Verhandlungstagen erhält der des Mordes angeklagte Paralympics-Star Oscar Pistorius am Donnerstag sein Urteil.

Ein netter Versuch. Nein, wir erwähnen seine Amputationen nicht – lass uns einfach „Paralympics“ sagen, dann wissen die Leute schon, das ist irgendwas über Sportler mit Behinderungen. Die werden das dann schon mit dem Namen Pistorius in Verbindung bringen. Auch hier meine Frage: Warum? Was haben die fehlenden Unterschenkel des Sportlers mit dem Urteil zu tun? Mal ganz abgesehen davon, dass Pistorius genauso gut als Olympia-Star bezeichnet werden könnte. Dort war er schließlich auch dabei. Und darüber hinaus: War es Absicht oder Unachtsamkeit, dass in zahlreichen Meldungen die Rede davon war, Pistorius befinde sich nach einer Kautionszahlung „auf freiem Fuß“?

Behinderung als Definition?

Im Zusammenhang mit der Berichterstattung über den Mordprozess wäre es spätestens nach der Erhebung der Anklage nicht mehr nötig gewesen, Pistorius über seine Prothesen zu definieren. Sein Name war zu dem Zeitpunkt längst mit dem spektakulären Fall des Todes seiner Freundin verknüpft. Dass es dennoch getan wurde und wird, ist keine journalistische Glanzleistung. Es ist – aus meiner Sicht – eher ein Festhalten an alten eingeprägten Bildern, ohne Bezug zum Thema. Oder was würden Sie sagen, wenn über Dagmar Berghoff berichtet würde als „die neun-einhalb-fingrige ehemalige Tagesschau-Sprecherin“? Oder über Frank Elstner, der Ihnen als „der einäugige Showmaster“ vorgestellt wird?

Bild: Fabian Mohr

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Über udostiehl

Redakteur und Sprecher

6 Kommentare zu “Auf freiem Fuß und mit beiden Beinen im Fettnäpfchen

  1. k&b sagt:

    „Nein, wir erwähnen seine Amputationen nicht – lass uns einfach “Paralympics” sagen, dann wissen die Leute schon, das ist irgendwas über Sportler mit Behinderungen.“ – Wie wärs denn einfach mit „Spitzensportler“? Liebe Leute…

  2. Watt’n Glück, dass ich – systembedingt – vor vielen Jahren doch nicht Journalistin werden durfte, da hätte ich mich auch mit solchen Fragen beschäftigen müssen. – Anfangs bei den ersten Meldungen verstand ich die Definition über die Behinderung noch einigermaßen, doch später dachte ich nur: „Wer es bisher nicht begriffen hat, um wen es geht, der muss es auch nicht wissen.“ Und ich frage mich sehr, ob es die anderen wissen müssen, ob es wirklich für die Leute in Deutschland wirklich so eine relevante Meldung ist.

  3. Wäre Pistorius nicht als beinamputierter Sportler einem zumindest breiteren Publikum bekannt, würde der Prozeß niemanden interessieren. Daraus ergibt sich fast zwangsläufig: Wer vom Prozeß berichtet, schreibt auch von der Behinderung. Mordverdacht + Spitzensport + Behinderung garantiert die meistgelesenen Schlagzeilen. Ließe man den behinderten Sportler weg, bliebe die Meldung von einem Mordverdacht in Südafrika. Würde man von allen Mordverdachten in Südafrika berichten, wären die Zeitungen voll, ohne daß anderes auf der Welt geschähe. Mein Fazit: Von diesem Prozeß müßte überhaupt nicht berichtet werden. Und wenn doch, genügt m. E. der Zusatz „Sportler“ oder „Spitzensportler“ oder – besser – „400m-Läufer“.

  4. Susanne sagt:

    Grundsätzlich gebe ich Dir Recht, glaube aber, dass wir bei vielen Lesern oder Hörern mehr voraussetzen, als sie tatsächlich wissen, siehe Herta Müller. Ich halte es sogar so, dass ich in langen Texten eine Funktion, die ich eingangs erwähnt habe, weiter hinten wiederhole. Ich weiß von mir selbst, dass ich nach 80 Zeilen nicht mehr so recht weiß, wer Napf ist. Deshalb schreibe ich in meinem Texten noch einmal Bürgermeister Napf oder Bürgermeistser Karl Napf. Solche Überlegungen spielen bei kurzen Nachrichtentexten sicher keine Rolle, bei 120-Zeilen-Reportagen aber ganz bestimmt.

    Was die Definition über die Behinderung angeht: Im Fall Pistorius reicht es sicher, vom Sportler oder Spitzensportler zu schreiben. Ob er nun Behinderten- oder sonst ein Sportler ist, sollte bei der Prozessberichterstattung wirklich keine Rolle spielen. Aber in irgendeiner Form muss man schon benennen, dass er ein Sportler und eben kein Politiker, Künstler oder sonst ein Prominenter ist. Oscar Pistorius allein reicht für die Masse der Hörer und Leser sicher nicht aus.

  5. Michael sagt:

    Über die Einordnung als Paralympics-Star habe ich mich auch gewundert – denn die Paralympics finden leider im Großen und Ganzen unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Habe meine Zweifel, ob er wirklich dadurch so bekannt wurde und nicht durch seinen Versuch, in Peking gegen nicht-amputierte Sportler anzutreten bzw. durch seine Teilnahme an den Olympischen Spielen in London. Daher würde „Sportler“ vollkommen ausreichen.
    Darüber kann ich nachvollziehen, wenn Kollegen „beinamputiert“ als legitimen Hinweis sehen, schließlich ist Pistorius dadurch bekannt. Andererseits ist es unschön, Menschen über eine Behinderung zu definieren. Ich würde es nicht schreiben.

  6. Andreas sagt:

    Fragen sie Mal auf der Strasse 100 Leute, wer OP ist. Dann unterhalten wir uns nochmal über die Einordnung als Paralympics-Star bzw. beinamputiert. Es ist immer wieder erschreckend, das selbst Spitzenpolitiker ohne optischen Reiz von kaum jemandem erkannt/zugeordnet werden können. Für diese Meldungen für mich deshalb zwingend notwendig!

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