„Sozialtourismus“ und ähnliche Unwörter weiter im Umlauf

Das Unwort des Jahres 2013 ist „Sozialtourismus„. Eine Jury aus Sprachwissenschaftlern hat diesen Begriff gewählt. Auch „Armutszuwanderung“ war in die engere Wahl gekommen. Die zweifelhaften Wortschöpfungen sind weit verbreitet. Und es gibt noch einige mehr, die in ähnliche Richtungen zielen. Die Urheber sind vielfältig:

Die Debatte um die Arbeitnehmerfreizügigkeit, die seit dem Jahreswechsel nun auch für die EU-Mitglieder Rumänien und Bulgarien gilt, hat die Begriffe „Sozialtourismus“ und „Armutszuwanderung“ wieder nach oben gespült. Neue Erfindungen sind sie nicht. Die Grünen in Berlin debattierten z.B. schon 2012 zu dem Thema. Die Veranstaltung drehte sich um verwahrloste Immobilien in der Hauptstadt und die windigen Geschäfte ihrer Besitzer mit den Mietern. Titel der Diskussionsrunde:

„Das Geschäft mit der Armutsmigration

Es sind also nicht nur die „üblichen Verdächtigen“, die den Begriff der „Armutszuwanderung“ bzw. „Armutsmigration“ nutzen. In diesem Fall waren es die Grünen.

Ein anderer Versuch, das Thema mit einem Begriff zu umschreiben, stammt aus deutschen Amtsstuben. Dort wurde der „Rotationseuropäer“ erfunden. Die Formulierung taucht unter anderem in einem Artikel auf FAZ.net aus dem November 2009 auf. In dem Bericht heißt es bereits in der Einleitung:

Im Sommer sind bis zu 200 „Rotationseuropäer“ in Frankfurt und betteln auf aggressive Art und Weise. Dahinter stehen organisierte Strukturen.

Später im Artikel wird der Begriff noch einmal thematisiert. Die Autorin erläutert:

Die Bezeichnungen „Sinti und Roma“ sowie „Zigeuner“ dürfen aufgrund ihrer Verwendung während des Nationalsozialismus von den Behörden nicht verwendet werden. So behelfen sich die Beamten bei ihren Ermittlungen oftmals mit Ausdrücken wie „Personen mit häufig wechselndem Aufenthaltsort“ oder „Mobilen ethnischen Minderheiten“, kurz: „Mems“. Als jüngster Begriff hat sich nun die Formulierung „Rotationseuropäer“ durchgesetzt.

Ende 2011 greift ProNRW das Wort auf und versucht, es für seine Zwecke einzusetzen. In einem Artikel vom 30.11.2011 titelt der Autor:

Massenweiser Zuzug von „Rotationseuropäern“ überfordert nordrhein-westfälische Kommunen

Das Internet-Wörterbuch dict.cc nahm den Begriff inzwischen mit folgendem Eintrag auf:

Rotationseuropäer [Amtsdeutsch] [Zigeuner; Sinti Roma]

Auf die Umschreibung „hochmobile, nicht erwerbstätige Person“ machte vor kurzem Sebastian Brux aufmerksam, der Büroleiter des Grünen-Politikers Volker Beck:

Und nun folgt die Frage, die in vielen Nachrichtenredaktionen täglich diskutiert wird: Was schreiben wir? Welchen Begriff nutzen wir in unserer Berichterstattung?

Mir ist bisher noch keine zufriedenstellende Antwort dazu gelungen. Von der „Einwanderung aus Rumänien und Bulgarien“ zu schreiben ist sicher unverfänglich, aber auch schwammig und unpräzise. „EU-Bürger, die wegen Sozialleistungen nach Deutschland kommen“ ist auch nicht gerade eine kompakte Formulierung für Nachrichtentexte. Und mit der Konstruktion „die so genannte Armutsmigration“ bin ich auch nicht wirklich glücklich.

Wie geht Ihr in Euren Redaktionen damit um?

(Bild: Udo Stiehl)

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Redakteur und Sprecher

2 Kommentare zu “„Sozialtourismus“ und ähnliche Unwörter weiter im Umlauf

  1. dorotheawagner sagt:

    Meines Wissens ist die Bezeichnung „Sinti und Roma“ neutral; das Denkmal für die im Nationalsozialismus ermordeten Sinti und Roma Europas verwendet sie auch. Die Nationalsozialisten benutzten den Begriff „Zigeuner“ in einer dadurch verunglimpfenden Art und Weise (s. z. B. den Wikipedia-Artikel zum Auschwitz-Erlaß: http://de.wikipedia.org/wiki/Auschwitz-Erlass), die sich bis heute erhalten hat.

    Zweierlei ist zu bedenken: daß nicht alle Rumänen und Bulgaren Sinti oder Roma (Zigeuner) sind, und daß nicht alle Sinti und Roma dem Bild entsprechen, das man sich gemeinhin von ihnen macht. Bei Gesprächen mit elsäßischen Freunden ist uns vor kurzem aufgefallen, daß eine erhebliche Anzahl von im Elsaß niedergelassenen Fachärzten aus Rumänien stammt. Diese Menschen sind weiß Gott nicht als Sozialtouristen nach Frankreich gekommen.

    Es ist auch interessant, zu wissen, daß beim englischen Sprachtest IELTS Rumänen durchweg die besten Ergebnisse erzielen. Auch das spricht nicht für Armutsmigration.

    Außerdem sollte jeder, der meint, sich ein abfälliges Urteil über andere erlauben zu können, sich fragen, wie es wäre, wenn er in des anderen Haut steckte. Es gibt kaum einen größeren Zufall als den der Geburt, und so, wie niemand es sich als Verdienst anrechnen kann, in die deutsche Mittel- oder Oberschicht geboren zu sein, so kann er auch niemandem vorwerfen, in einem anderen Land das Kind von armen Leuten zu sein. Und mit welchem Recht sollte der, der hier von Sozialleistungen profitiert, dieselben jemandem mißgönnen, der anderswo zur Welt gekommen ist?

  2. Jürgen S. sagt:

    Man könnte die Formulierung „Personen, die früher als Zigeuner verunglimpft wurden“ verwenden. Die Ablehnung des Begriffs „Zigeuner“ wird durch das Verb „verunglimpfen“ zum Ausdruck gebracht, aber doch ist die Personengruppe unmißverständlich gekennzeichnet.

    Man könnte aber auch irgendwann beschließen, daß „Zigeuner“ nun mal die deutschsprachige Bezeichnung für diese Personengruppe zu sein scheint, und ob dieser Erkenntnis den Begriff durch regen Gebrauch (vornehmlich in nicht abwertendem Kontext) von seiner diskriminieren Konnotation befreien.
    Alternativ könnte man die betroffene Personengruppe auch selbst um die Nennung einer ihr genehmen Bezeichnung ihrerselbst bitten.

    Dann könnte man sich diese unsäglichen Umschreibungen endlich ersparen. Letztlich fördert der krampfhafte Versuch derlei Begriffe konsequent zu vermeiden die negativen Assoziationen, die man eigentlich bekämpfen will.

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