Wir treten auf die Schönfärb-Bremse

Politiker sind in ihrer Arbeit meist auch in der Rolle des Verkäufers. Ein Vorschlag braucht das passende Etikett. Erste Voraussetzung: Eine griffige, kurze Bezeichnung muss her. Zweite Hürde: Sie muss positiv klingen und aktiv. Und wenn das sprachliche Strickmuster einmal erfolgreich war, dann wird es zum Standard erhoben – leider auch in vielen Redaktionen:

Mietpreisbremse, Strompreisbremse oder Medikamentenpreisbremse – der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt. Und die Phantasie soll beflügelt werden. Wer bremst, kommt auch bald zum stehen. Außerdem ist das Bremsen an sich ein aktiver Vorgang. Demonstrativ hörbar wird also das Handeln der Regierung hervorgehoben. 

Tatsächlich handelt es sich bei den ganzen Bremsen eher um variable Begrenzungen. Es werden Steigerungsraten definiert, Obergrenzen festgelegt und Spielräume eingeengt. Trotzdem können alle gebremsten Preise weiter steigen – nur langsamer. Dass der Bremsvorgang – wie bei einem Auto – zum kompletten Stillstand führt, ist eine schöne Illusion, die uns mit solchen Begriffen die Sache schmackhafter machen soll.

Auch in den Ohren von Vermietern, Stromproduzenten und Pharmaherstellern klingt eine Preisbremse wesentlich harmonischer als eine Preisgrenze oder ein Festpreis. Das erleichert Lobbyisten ebenso die Diskussion wie Politikern.

Der neue Begriff findet natürlich schnellstens seinen Weg in die Öffentlichkeit. Für knackige Begriffe sind Redakteure immer dankbar. Und selbst, wenn sie das gezielte Schönfärben durchschauen – sie haben kaum eine Chance. Die Preisbremse wird per Interview, Pressekonferenz und anderen medialen Wegen so lange genannt, bis auch die letzte Redaktion kapitulieren muss. Denn schon nach kurzer Zeit ist die Preisbremse ein „gesetzter Begriff“.

Entsprechend waren die Nachrichtenseiten und Meldungen heute dicht gepflastert mit dem Wort Mietpreisbremse. Und wenn der Begriff auch noch in irgendeiner Weise eingeordnet werden muss, dann wird es abenteuerlich. Die FAZ formuliert schnittig:

SPD verschärft Mietpreisbremse

Ich werde meine Werkstatt sofort um einen Inspektionstermin bitten. Vielleicht fahre ich bald mit den schärfsten Bremsen der Republik durch das Land. Auf einer bekannten Nordsee-Insel ist die Entwicklung offenbar schon weiter vorangeschritten. Die Sylter Rundschau meldet:

Mietpreisbremse zieht auf Sylt nicht

Das erfreut den Automobilisten – vor allem auf glattem Untergrund.

Zurück zum Ernst der Sache, denn tatsächlich ist bei genauerem Hinsehen die Mietpreisbremse kein Mechanismus mit starker Wirkung. Die taz hat das sehr schön analysiert in ihrem Kommentar „Mietpreisbremse – Instrument zur Volksverdummung“.

Was macht ein Nachrichtenredakteur mit einem solch fast unvermeidbaren Begriff? Nach meiner Ansicht sollte zumindest Distanz erkennbar werden im Text. In meinen Nachrichtenmanuskripten ist deshalb grundsätzlich von der „so genannten Mietpreisbremse“ die Rede. Das stellt zumindest eine gewisse Distanzierung von dem schönfärberischen Begriff dar.

Wir können uns sicher auf weitere Bremsen gefasst machen. Und als ich den Entwurf für diesen Text schrieb, lautete der nächste Satz: 

Ich warte schon gespannt auf Tarifverhandlungen, in denen Lohnbremsen zur Diskussion stehen, Bonusbremsen in Vorstandsetagen von Banken debattiert werden und findige Lobbyisten uns eine unechte Internet-Flatrate als Datenpreisbremse verkaufen wollen.

Vergessen Sie, was ich da gerade zusammenphantasiert habe. Es ist längst Realität.

Die Lohnbremse wurde schon 1997 im Neuen Deutschland erwähnt, als Ursula Engelen-Kefer als stellvertretende DGB-Vorsitzende über niedrige Forderungen in Tarifverhandlungen sprach.

Die Bonusbremse hat bereits den Europäischen Gerichtshof beschäftigt, wie die Süddeutsche Zeitung im September 2013 berichtet.

Nur zur von mir erfundenen Datenpreisbremse war nichts zu finden. Die Einschläge kommen aber näher – denn immerhin waren schon Datenbremsen (BILD), DSL-Bremsen (Focus) und Tempo-Bremsen (Stern) im Gespräch.

Deshalb werbe ich für eine Schönfärb-Bremse. Oder besser noch – einen Schönfärb-Stopp.

Bild: Susanne Peyronnet

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Über udostiehl

Redakteur und Sprecher

2 Kommentare zu “Wir treten auf die Schönfärb-Bremse

  1. Hier wird mir immer so wundervoll nahe gebracht, worüber ich geflissentlich in Nachrichten und ähnlichen Sendungen hinweglese. – Nicht nur die deutsche Sprache „verroht“ und verschludert – das, was dahinter steht, leider auch.
    Schade, dass dieses Blog nicht Pflichtlektüre in bestimmten Kreisen ist.

  2. dorotheawagner sagt:

    Am ehesten stimmt das Bild vom Bremsen vielleicht bei der Spaßbremse, die oft den kompletten Stillstand des Amusements verantwortet. Sie hat es nicht nur in den Duden („Spielverderber“, „Langweiler“), sondern auch in die Stupidedia geschafft, als „Lebewesen der Spezies Sapiens inhomogenicus, das aufgrund eigener emotionaler Verstörung nicht imstande ist, an humorvollen Aktivitäten teilzunehmen, und das diese deshalb durch entsprechende Verhaltensweisen „im Keim erstickt“ http://www.stupidedia.org/stupi/Spa%C3%9Fbremse

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