Goldene Beeren auf der Berlinale?

„Sprache verändert sich mit der Zeit“ ist häufig die Passepartout-Antwort, wenn über veränderte Schreibweisen und Aussprachen diskutiert wird. Ein Portemonnaie ist inzwischen zum Portmonee geworden und die Jury wird längst nicht mehr hinten betont. Darauf reagieren manche Puristen mit nässendem Ausschlag – anderen trotzt es nur ein müdes Lächeln ab. Ich gehöre eher zu den Erstgenannten, aber das Fundament wackelt.

Es ist schon einige Jahre her, dass es im Rundfunk noch eine strikte Trennung zwischen On-Air und Off-Air gab. Redakteure schrieben die Beiträge, vertont wurden sie anschließend von professionellen Sprechern. Die Sender beschäftigten Sprecher-Ensembles und fast alle Programmbereiche wurden von ihnen bedient. Mittlerweile ist der Redakteur am Mikrofon der Regelfall und Profi-Sprecher werden zur Rarität.

Der Wandel hat sich langsam vollzogen, die Berufsbilder haben sich entsprechend verändert. Im Extremfall ist inzwischen der Redakteur am Mikrofon zugleich sein eigener Sendetechniker im Selbstfahrerstudio und hat auch noch den Sprecher ersetzt. Und so gerät zum Beispiel in einer Moderation die Frage nach den Goldenen Bären auf der Berlinale akustisch zur Verleihung der Goldenen Beeren in der Hauptstadt. Mein erster Reflex: Wer hat den denn ans Mikrofon gelassen?

Die eigene Voreingenommenheit mal zu überprüfen könnte nicht schaden; und ich muss zugeben, bei mir hat es gewirkt. Sind die Beeren, die Bären meinen, nun eher das schlampige Resultat von Sparmaßnahmen oder ein gewünschter Effekt, um „näher am Hörer“ zu sein? Sprechen wir an unserem Publikum vorbei, wenn wir geschliffenes „Bühnendeutsch“ verwenden oder signalisieren wir Seriosität?

Beide Varianten haben auf den ersten Blick plausible Argumente und damit sind nicht die finanziellen Kürzungen gemeint oder der Erhalt eines Berufsstandes. Ein sprecherisch professionell vorgetragener Text wirkt viel stärker, als „frei Schnauze“ gesprochen. Außerdem kratzt unsaubere Aussprache an der Glaubwürdigkeit. Nur: So pauschal stimmt das gar nicht. Eines der schönsten Beispiele dafür sind die Norichten op Platt vom NDR. Wirken die Meldungen schwächer als in professionellem Hochdeutsch? Nein. Und mangelnde Glaubwürdigkeit ist da auch nicht herauszuhören.

Möglicherweise herrscht bei uns Medienmachern eine Binnensicht, die die Gewohnheiten des Publikums nicht ausreichend betrachtet. Der Linguist und Professor an der Freien Universität Berlin, Anatol Stefanowitsch, sagt mit Blick auf die oben zitierten „Goldenen Beeren“:

Dass sich die Variante /eː/ unter Medienmachern ausbreitet, dürfte daran liegen, dass die manchmal als „Bühnensprache“ oder „Hochlautung“ bezeichnete Varietät des Deutschen, die eine klare Unterscheidung von /eː/ und /ɛː/ vorschreibt, im Hörfunk früher expliziter Standard war, aber nie der tatsächlich gesprochenen Sprache der Mehrheit der Sprachgemeinschaft entsprach; genau, wie es inzwischen akzeptabler ist, auch in den Medien, Politik, Bildungssytem etc. den eigenen Dialekt oder ein dialektal gefärbtes Standarddeutsch zu sprechen, ist es auch akzeptabler, eine stärker an der Alltagssprache orientierte Standardvarietät zu sprechen, in der eben /ɛː/ und /eː/ beide wie [eː] klingen.

Stefanowitsch legt Wert auf die Feststellung, dass dies lediglich eine „kurze, etwas informelle Erläuterung“ von ihm ist. Er antwortete via Twitter und fasste sich entsprechend sehr kurz. Dennoch trifft er einen Punkt, der vermutlich vielen „Binnensichtlern“ – auch mir – so deutlich bisher nicht vor Augen geführt wurde:

Es ist gar nicht so dramatisch, wenn die Information nicht in der „perfekten Verpackung“ daherkommt. Daraus den Schluss zu ziehen, Profi-Sprecher könnten abgeschafft werden, wäre jedoch falsch. Eine schlichte Schwarz-Weiß-Argumentation funktioniert nicht, weil letztlich die Mischung aus Zielgruppe, Inhalt und Präsentation darüber entscheidet, wie die Information am besten zum Hörer gelangt.

Auch Gewohnheiten wollen berücksichtigt sein. Eine Tagesschau, die sich in ihrer Hauptausgabe um 20 Uhr seit Anbeginn mit einem Sprecher präsentiert, erfüllt auf diese Weise Erwartungen, die aus eben dieser Tradition erwachsen sind. In anderen Ausgaben dagegen, etwa am Nachmittag, führen Moderatoren durch die Sendung. Der produzierende NDR erklärt das so:

Der Unterschied zwischen Sprecher und Moderator besteht darin, dass die von einem Sprecher verlesenen Meldungen von Redakteuren geschrieben werden, während ein Moderator seine Texte selbst entwickelt und diese daher oft pointierter sind.

Zwei Formate stehen also nebeneinander: Die klassischen Nachrichten und die eher moderative Variante – und beide funktionieren. Für den Hörfunk kommt allerdings noch eine Hürde dazu, nämlich die Zeit. Wer Nachrichten im Halbstunden-Takt sendet, braucht eine „partnerschaftliche Arbeitsteilung zwischen Redaktion und Sprecherensemble“, sagt Marco Bertolaso, der Nachrichtenchef des Deutschlandfunks:

Niemand in unserer Redaktion hat etwas gegen die Arbeit am Mikrofon, viele von uns machen dies immer wieder in anderen Zusammenhängen. Doch würden meine redaktionellen Kollegen die oft 15 Minuten Nachrichtenvortrag pro Stunde übernehmen, dann bliebe ihnen einschließlich Vorbereitung und Ruhephase kaum noch Zeit. Diese Zeit wird aber dringend gebraucht, um zu recherchieren, um möglichst gut zu schreiben und um unsere Nachrichten angemessen für das Internet aufzubereiten. Bei anders konzipierten Programmen mag man durchaus zu anderen Schlüssen kommen.

Mein Fazit nach dieser kleinen Recherche lautet: Ich bin etwas betriebsblind geworden. Mit der Zeit ist der Anspruch an die Qualität der Umsetzung über die Bewertung des Inhalts gewuchert. Natürlich waren mir die oben genannten Erkenntnisse und Sichtweisen einzeln betrachtet nicht neu. Aber ich muss zugeben, dass sie in der Kombination und in der Gesamtbetrachtung doch mein Bild verändert haben – und zwar während des Schreibens an diesem Beitrag. Schließlich hatte ich eigentlich vor, einen kleinen Rant gegen die Verlotterung der Aussprache zu verfassen. Sie sehen ja, was aus der Idee geworden ist.

(Bild: Susanne Peyronnet)

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Über udostiehl

Redakteur und Sprecher

4 Kommentare zu “Goldene Beeren auf der Berlinale?

  1. […] Stiehl macht sich Gedanken zu veränderter Aussprache in Radio und Fernsehen: »Der Wandel hat sich langsam vollzogen, die […]

  2. Pyrolim sagt:

    Îch kann nur aus der Warte der schreibenden Redakteurin sprechen/schreiben, aber dort gilt für mich Deine Ausgangsthese. Nur sprachliche korrekte Texte besitzen Glaubwürdigkeit, daran ändern auch die plattdeutschen Nachrichten nichts (auch op Platt gibt es Regeln). Wer schlampig schreibt oder spricht, dem attestiert der Adressat unterschwellig auch schlampige Recherche.

    Ein weiterer Aspekt kommt hinzu: Wer korrekt schreibt und spricht, stemmt sich nicht nur gegen die angebliche oder wirkliche Sprachverlotterung. Er widersetzt sich auch dem Effekt, dass falsches Deutsche eingeschliffen und somit gesellschaftsfähig wird. Leser und Hörer orientieren sich unbewusst an dem, was sie lesen oder hören. Man denke nur an die Wie-Als-Schwäche, die sogar den Duden ergriffen haben soll.

  3. Es geht nicht um eine perfekte Verpackung, aber wenn „ä“ [ɛː] im Radio wie „e“ [eː] klingt, finde ich das bedenklich, besonders, wenn Verwechslungsgefahr droht. So wie es ein Unterschied ist, ob ich mich ins Bett oder ins Beet lege, so ist es ein Unterschied, ob ich mit Käse oder mit Kees bei einem Glas Wein sitze, ob ich durch Säle tanze oder ob meine Seele vergnügt ist, ob der Arzt nach einer OP Fäden zieht oder erbitterte Fehden gegen seine Konkurrenten führt. Auch ob es sich um Väter oder um Feta handelt, sollte dem Hörer eines Radiobeitrags sofort klar sein. –

    Übrigens ist ja auch das „e“ in „Berlin“ offen, wird also wie „ä“ [ɛː] gesprochen: Bärlin, nicht Beerlin. Nun vermute ich, daß der Radiosprecher nicht von Goldenen Beeren bei der Beerlinale erzählt hat, sondern das „ä“ in diesem Wort durchaus beherrscht. Und wer „Bärlinale“ sagen kann, sollte auch „Bären“ über die Lippen bringen. Soviel Purismus darf sein.

  4. Frank Hurlemann sagt:

    Du hast es, lieber Udo, zu einem überwiegend medialen Thema gemacht, wie ich sehe und bestens verstehe.

    Guten Tag.

    Ob es Liebe zur Sprache, ob es Purismus ist, ob Liebe zur Sprache Purismus ist:
    Ich höre es in Medien, ich höre es im Privaten gern, spricht jemand im Gespräch ein Ä. Füttert er, füttert sie – früh oder spät – den Bären mit Beeren.

    Die Sprache bietet Lebendigkeit, bietet Rhythmus, Melodie.

    Ich schätze, Du weißt, am DLF sehr, dass Dinge dort hochsprachlich, somit korrekt, somit – in meinen Ohren – lebendig gesprochen werden.

    Sei es Solidarnosz mit sch/tsch, sei es Lithium ohne tz.

    Zwei Formate, Vorzüge, Nachteile.
    Positionen, Positionierungen.
    Motiv-Variationen.

    Kunst, Können darf es, muss es nicht immer sein.

    Der Pinselstrich des Malers, der Dreh des Mechanikers, der überraschende Ausdruck der Sprecherin, des Sprechers …

    Manieriertheit, Esoterik müssen draußen bleiben.

    Danke für Deinen Beitrag und viele Grüße

    Frank

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