Endet die professionelle Distanz an einer Wasserleiche?

Es löste einen Sturm der Entrüstung aus, als die österreichische Kronen-Zeitung ein Foto mit toten Flüchtlingen veröffentlichte. Das Bild, das unverpixelt die Leichen auf der Ladefläche eines LKW zeigt, wurde auch von der Bild-Zeitung in Deutschland abgedruckt. Es sei ein „Dokument der Zeitgeschichte“, erläuterte die Bildunterschrift. Nun ist ein neues Foto auf dem Markt. Eine Kinderleiche liegt am Strand.

Dieses Foto, zusammen mit weiteren Aufnahmen der Leichenbergung, druckten viele britische Zeitungen auf ihre Titelseiten. Auch die Bild-Zeitung hat das Foto veröffentlicht. Möglicherweise war das ein zusätzlicher Anreiz, das unverpixelte Bild massenhaft in den sozialen Medien zu verbreiten.

Wo sind die Kritiker geblieben, die zum LKW-Foto aus Österreich noch laut nach dem Presserat riefen? Das müsse jetzt mal sein, um „wachzurütteln“, argumentieren sie nun. Für dieses Foto seien keine Worte zu finden, schreiben einige in ihre Tweets. Vom Pressekodex ist keine Rede mehr. Obwohl der in diesem Fall noch eine größere Rolle spielt:

Ziffer 8.3: Insbesondere in der Berichterstattung über Straftaten und Unglücksfälle dürfen Kinder und Jugendliche […] nicht identifizierbar sein

Rechtfertigt es die besondere Nähe und Emotionalität zum Thema, dass plötzlich Bilder einer Kinderleiche die journalistischen Grundsätze und die professionelle Distanz verpuffen lassen? Gilt Ziffer 9 nicht mehr?

Ziffer 9: Es widerspricht journalistischer Ethik, mit unangemessenen Darstellungen in Wort und Bild Menschen in ihrer Ehre zu verletzen

Haben tote Flüchtlingskinder, die am Strand angespült werden, jetzt etwa keine Ehre und Würde mehr? Es steckt sicher eine gute Absicht dahinter, in Verbindung mit dem Foto an die Politik zu appellieren, sichere Zufluchtswege zu schaffen. Aber dazu sollte keine Kinderleiche instrumentalisiert werden.

Ziffer 11.1: Unangemessen sensationell ist eine Darstellung, wenn in der Berichterstattung der Mensch zum Objekt, zu einem bloßen Mittel, herabgewürdigt wird. Dies ist insbesondere dann der Fall, wenn über einen sterbenden oder körperlich oder seelisch leidenden Menschen in einer über das öffentliche Interesse und das Informationsinteresse der Leser hinausgehenden Art und Weise berichtet wird. Bei der Platzierung bildlicher Darstellungen von Gewalttaten und Unglücksfällen auf Titelseiten beachtet die Presse die möglichen Wirkungen auf Kinder und Jugendliche.

Wie wird die nächste Stufe der Aktion Schockfoto aussehen? Es wird in jedem Fall eine Kinderleiche am Strand noch moralisch unterbieten müssen. Und inzwischen ist fast jeder mit einem Fotoapparat mit Telefonanschluss ausgerüstet – nicht nur die professionellen Fotografen, die sich an journalistische Kriterien halten.

Im schlimmsten Fall tummeln sich nun Horden von „Leserreportern“ an den Mittelmeerstränden, um auch mal so ein Foto zu machen. Nur vielleicht noch etwas grausamer. Ja, auch dieses Signal geht von einer viralen Verbreitung des Kinderleichenfotos aus. Und dann wird wieder gejammert, nach dem Presserat gerufen und gefragt, wie es soweit nur kommen konnte. Dabei wissen wir das ganz genau, aber helfen trotzdem mit.

Linktipp: Sebastian Pertsch erklärt für Twitter-Nutzer, wie Bilder gekennzeichnet werden können, wenn sie als „sensibles Medium“ gelten.

Linktipp: Das Medienmagazin des BR auf B5 hat mich zu dem Thema befragt. Das Interview können Sie hier hören.

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Über udostiehl

Redakteur und Sprecher

8 Kommentare zu “Endet die professionelle Distanz an einer Wasserleiche?

  1. Pyrolim sagt:

    Das Foto des toten Jungen am Strand wird eine Bildikone werden, das ist jetzt schon absehbar. Ich bin in der Frage, ob man es zeigen sollte, gespalten. Allein nach den Vorgaben des Pressekodex gebe ich Udo Recht. Aber wenn man allein die Fotos nimmt, ist das Kind auf den meisten nicht identifizierbar. Diese Bilder sind ein starkes Symbol des Unrechts an den Flüchtlingen. Dass schließlich die Familie, die Namen und damit die Identität in die Berichterstattung einflossen, gibt den Fotos dann einen anderen Kontext, den der Identifizierbarkeit. Die Fotos allein genommen bieten bis auf wenige diese Identifizierbarkeit nicht.
    Verantwortungsvolle Journalisten wägen genau ab, welche Fotos sie zeigen. Hätte ich zu entscheiden gehabt, hätte ich es genauso gemacht wie meine Zeitung, die Lübecker Nachrichten. Sie hat das Bild des Polizisten gezeigt, der den toten Jungen vom Strand wegträgt.
    http://www.ln-online.de/Extra/Seite-Drei/Toter-Fluechtlingsjunge-Aylan-Ein-Bild-erschuettert-die-Welt Ein Foto, das nur andeutet, was geschehen ist, aber trotzdem das ganze Grauen der Flucht übers Mittelmeer dokumentiert. Für mich ist diese Auswahl ein guter Kompromiss in einer schwierigen Frage.

  2. „Distanz“ ist das Schlusswort in Europa Jetzt. Distanz von Flüchtlingen und ihre Bilder.

  3. Thomas Hiller sagt:

    Ich kann den Aufschrei bei diesem Foto nicht verstehen.
    Erinnert sich noch jemand an das Foto des vietnamesischen Kindes nach einem amerikanischen Napalm-Angriff ?
    Das würde wohl so mancher heute nicht mehr zeigen wollen. Aber warum nicht ?

    Diese Foto – genau so wie das Vietnam-Foto – dokumentieren den Schrecken von Krieg, Vertreibung, Flucht und ihrer unschuldigen Opfer wie sonst kaum Aufnahmen. Da steht nicht der Voyeurismus im Vordergrund.

  4. […] Foto zeigen? Oder nicht? Ich empfinde es falsch und deplatziert. Doch ohne das Thema zu vertiefen, Udo Stiehl und Stefan Plöchinger haben das aus medienethischer und medienrechtlicher Sicht gut beleuchtet, […]

  5. Dirk Hansen sagt:

    Auch dieser Fall ist so unendlich schwer zu beurteilen, weil es letztlich um das Motiv der jeweiligen Medien geht.

    Menschen meiner Generation wurden die „Leichenberge“ aus den NS-Konzentrationslagern noch ins Gedächtnis eingebrannt, in Geschichtsdokus, im Schulunterricht. Die unfassbar entwürdigende Behandlung der Opfer war ja gerade die moralisch aufrüttelnde Botschaft der Bilder.

    Ich hoffe sehr, dass dieser Vergleich wird richtig verstanden wird. Denn natürlich kommt es auf den Kontext einer Veröffentlichung an. Vor allem aber auf die Intention.

    Denn die Frage, ab und bis wann Bilder veröffentlicht werden sollten, ist nur von Subjekten zu entscheiden. Das waren einst eher Akteure in Institutionen. Jetzt, fürchte ich, muss dies jeder Nutzer selbst organisieren. Manche finden das aber auch gut.

    Nun leben wir eben in einer „Flüssigen Moderne“, die der digitale Wandel erzeugt hat. Und werden auch mit Bildern überflutet. Wo es keine Schleusenwärter (die berühmten „journalistischen Gatekeeper“) mehr geben soll, wirkt auch deren Betriebsanleitung überholt.

  6. jj preston sagt:

    Ich denke, zwischen den beiden Vorfällen gibt es einen wesentlichen Unterschied. Der Kronen-Zeitung ging es eben nicht darum, das Elend und die Gefahren, die Flüchtlinge auf sich nehmen müssen, für all jene greifbar zu machen, die allenfalls Gerüchtsrassisten sind, denen man zeigen muss, wie es wirklich ist – denen ging es, wie sonst auch, um die Sensationslust, um das Voyeuristische; anders ausgedrückt: Ihre Leser sollten sich auf die halbverwesten Leichen mental einen runterholen können.

    In diesem Fall des kleinen Jungen sehe ich das durchaus anders. Es ist ein anderer Kontext, nicht die Sensationslust, sondern die Tragik der Realität, über die sonst nur geredet wird, wenn die Presse meldet, dass mal wieder hundertnochwas Flüchtlinge im Mittelmeer ertrunken sind – ein so abstrakter Fakt, dass die Mehrheit das einfach als gegeben hinnimmt, als Statistik und nicht als hundertnochwas menschliche Schicksale und Leben.

    Ich sehe da eher eine Parallele zum Bild von Phan Thi Kim Phuc, dem Mädchen, das der Fotograf Nick Ut ablichtete, als sie mit schweren Napalm-Verbrennungen aus Trang Bang flüchtete – und für das Ut mit dem Pulitzerpreis ausgezeichnet wurde. Warum gilt dieses Bild von 1972 nicht als „unangemessene Darstellung“, warum gilt das nackte, neunjährige „Napalm Girl“ als Dokument der Zeitgeschichte, wo dieser Napalm-Angriff doch nur einer von vielen in einem 20 Jahre dauernden Krieg war?

    Oder gilt das nur bei lebenden Kindern? Wäre es besser, das Bild würde den Jungen zeigen, während er im Wasser des Mittelmeers um sein Leben strampelt?

  7. udostiehl sagt:

    Es gibt mehrere Aufnahmen. Auf einigen ist das Gesicht zu erkennen. Außerdem ist auch der Name des Kindes inzwischen mit dem Bild zusammen veröffentlich worden.

  8. Markus Scholter sagt:

    Auf dem Bild ist das Kind nicht identifizierbar.
    Dies scheint mir eine Scheindiskussion zu sein, um von dem wirklichen moralischen Unrecht abzulenken. Kurz gesagt, es ist eine Schande, dass das Kind tot ist, dagegen ist die Fotoveröffentlichung ein wesentlich geringeres Unrecht.

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