+++ EIL +++ In China ist ein Sack Reis umgefallen +++ EIL +++

Schnell muss es sein. Und selbst das ist noch zu langsam. Wenn ein wichtiges Ereignis in die Nachrichten kommt, darf keine Zeit verloren werden. Nicht einmal die Zeit, die notwendig ist, um zu recherchieren und Quellen zu prüfen. Weil über soziale Medien alles ungeprüft verbreitet wird, ist der Zeitdruck für professionelle Medien größer geworden. Muss das zum neuen Maßstab werden?

„Hau raus! Und setz ein ‚offenbar‘ davor – dann passt das schon!“

Hauptsache, der eigene Sender, die eigene Zeitung oder das eigene Online-Medium ist vorne dabei in der Timeline. Das Phänomen war in der Berichterstattung über die jüngsten Terroranschläge ebenso zu beobachten, wie bei weniger schrecklichen Ereignissen – und seien es auch nur Parteitage.

Natürlich findet noch Recherche statt, aber die wird oft überholt von der ungeprüften Verbreitung von unbestätigten Meldungen oder zweifelhaften Quellen. Mit verbalen Einschränkungen wie „offenbar„, „dem Vernehmen nach“ oder „es kursieren Hinweise“ lässt sich so ziemlich alles verarbeiten, was gerade auf dem Informationsmarkt ist.

Vor einiger Zeit twitterte der Nachrichtenchef des SWR, Christoph Ebner, von einer Konferenz über ein interessantes Experiment:

 

Daraus ergab sich eine kurze Diskussion über das Thema mit dem SWR-Nachrichtenkollegen Jost Langheinrich, dem ARD-Korrespondenten in Shanghai, Steffen Wurzel und eben Christoph Ebner – was unweigerlich dazu führen musste, diese Breaking News mit allen unsäglichen Varianten in die Tat umzusetzen. Und das haben wir gemacht. Wir präsentieren:

Die Sondersondersendung zum umgefallen Reissack in China. Natürlich mit Live-Schaltung und ARD-Experten.

 

Wir haben absichtlich die absurdesten Spekulationen erwähnt – natürlich mit dem Hinweis, dass sich zu diesem Zeitpunkt jede Spekulation verbietet. Wir fabulieren auch hemmungslos über Zusammenhänge, die keiner Logik entsprechen – obwohl es auf den ersten Blick plausibel erscheint. Und wir dramatisieren gnadenlos – auch wenn letztlich nur ein einziger Fakt gesichert ist: Der umgestürzte Sack Reis. Mehr nicht. Eine einzige Zeile:

„In China ist ein Sack Reis umgefallen“.

Dieser Satz dauert knapp vier Sekunden. Wir haben knapp drei Minuten daraus gemacht.

Das Audiofile soll als schlechtes Beispiel vorangehen. Sie dürfen es teilen und verbreiten, kommentieren, kritisieren, loben. Das trägt dazu bei, unsere Sondersondersendung als Anstoß zum Nachdenken zu verbreiten. Wir haben nur einen freundlichen Wunsch: Bitte erwähnen Sie die Autoren Udo Stiehl, Jost Langheinrich und Steffen Wurzel als Urheber. Das ist fair und sogar ein erster Schritt zur ordentlichen Quellenangabe. Es war uns eine Freude!

 

(Bild: Jost Langheinrich) 

 

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Über udostiehl

Redakteur und Sprecher

8 Kommentare zu “+++ EIL +++ In China ist ein Sack Reis umgefallen +++ EIL +++

  1. thorstenv sagt:

    Ulrich sagt:
    >> Oder “wie aus Kreisen verlautet”? <<
    Pimp it: Wie aus gut informierten Kreisen verlautet.
    http://feisar.de/content/gfx_de_breakingnews.html

  2. […] beginnen mit der Eil-Meldung: “In China ist ein Sack Reis umgefallen“. Akustisch aufbereitet von den Autoren Udo Stiehl, Jost Langheinrich und Steffen Wurzel als […]

  3. Ulrich sagt:

    Okay, „unklar“ war drin. Aber wo bleibt „mutmaßlich“? Oder „wie aus Kreisen verlautet“? Da wären locker vier Minuten drin gewesen, wenn ihr die Sache ausrecherchiert hättet. Hat eigentlich schon jemand S. Gottlieb um einen Kommentar gebeten?

  4. WasmitLust sagt:

    Tobias Mann hat das in einem seiner texte auch schon mal kurz aufgegriffen sehr sehenswert

  5. Frank sagt:

    Vielen Dank für das Lehrstück !
    Das Prinzip kommt mir irgendwie bekannt vor, denn ich las gerade dieser Tage einen Artikel eines Ex-Moskau-Focus-Investigativ-Journalisten bezüglich schröcklicher Ereignisse der Unterwanderung Deutschlands durch fremde Kampfsport-Mächte……
    Was bin ich froh, nicht betroffen zu sein !!! 🙂
    Gruß aus der Mongolei !
    Mongoleifan Frank

  6. […] Ereignis ist kein Ereignis ohne großen Skandal, also braucht jedes Ereignis auch einen: +++ EIL +++ In China ist ein Sack Reis umgefallen +++ EIL +++. Die daraus entstandene […]

  7. nona sagt:

    Sehr hübsch natürlich auch immer die Distanzierung um die Ecke, via Berichterstattung-über-Berichterstattung, wie es (nicht nur, aber auch) eine grosse Deutsche Presse-Agentur so gerne macht: darüber berichten, dass ein anderes Medium berichtet, oder eine andere Zeitung schreibt, oder irgendwo im Internet steht, oder oder oder. Da ist man ja selbst nicht mehr für Richtigkeit oder Umfang der Recherche verantwortlich, ist ja der Bock der anderen. Und wenn sich dann eine Ente als solche erweist, ist das immer noch für ein paar dröge Hauraus gut der unsäglichen Marke „Wirbel um (irgendwas)…“ oder „(Ereignis) weiter mysteriös“ oder „(Dings) wirft Fragen auf“…

    Wie hiess es schon bei Switch, „Eindeutig Al-Qaida, alles andere wäre reinste Spekulation…“

  8. Friederike sagt:

    Und irgendwelche Regenbogenblätter würde natürlich noch fragen, ob die nächste (real anstehende oder herbeifantasierte) Promi-Hochzeit in Gefahr ist – weil: Reis-Engpass – womit soll dann das Brautpaar beworfen werden???

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