Was ist hier eigentlich offenbar?

Wenn es ein mächtiges Wort im Nachrichtengeschäft gibt, dann dieses. Unklare Quellenlage? Offenbar. Widersprüchliche Angaben? Offenbar. Angst vor Falschmeldung? Offenbar. Mit diesem Wort lässt sich alles als Meldung verkaufen. Sind die Tatsachen hinterher doch andere? Macht nichts, war ja nur offenbar so. Das macht den Einsatz dieser Formulierung so gefährlich für die Glaubwürdigkeit von Nachrichten.

Man kann es als Redakteur schwer haben und es sich einfach machen. Umgekehrt funktioniert das auch. Das zeigt der häufige Gebrauch von „offenbar“ in der Berichterstattung.

Ein eingefügtes „offenbar“ in der Meldung kann seine Berechtigung haben. Es zeigt an: Den bisher vorliegenden Informationen zufolge ist es so, denn viele Punkte stimmen überein und sind plausibel. Vor allen in Meldungen aus Kriegs- und Krisengebieten lässt sich das „offenbar“ kaum vermeiden. Zum Beispiel in einer Meldung auf tagesschau.de, die überschrieben ist mit:

Offenbar Hunderte IS-Geiseln wieder befreit.

Im Text zitiert die Redaktion dann mehrere Quellen, die übereinstimmende Informationen lieferten – sie schränkt dennoch ein, dass eine unabhängige Überprüfung kaum möglich ist. Es bleibt also gar keine andere Wahl, als schon in der Überschrift auf die Unwägbarkeiten hinzuweisen.

Auch Spekulationen werden mit „offenbar“ ganz einfach zur Nachricht. Sogar solche, die eher gefühlt als recherchiert werden können. Als am 17.08.2016 in Eisenhüttenstadt ein Mann festgenommen wird, sagt Brandenburgs Ministerpräsident Woidke der Presse, die Polizei habe den

Verdacht eines terroristischen Aktes, der einen islamistischen Hintergrund haben könnte.

Das ist sehr viel Konjunktiv. Und dafür, dass es noch keine weiteren Informationen, geschweige denn belastbare Recherchen gibt, muss das Bauchgefühl wohl Auslöser für Meldungen gewesen sein, wie:

In Brandenburg ist offenbar ein Terroranschlag vereitelt worden.

Oder noch schlimmer, weil es schon als Tatsache verkauft wird:

Terrorverdächtiger plante Anschlag in Eisenhüttenstadt.

Wer diese Spekulationen in die Welt gesetzt hat, tut nichts zur Sache, deshalb sind die Zitate nicht verlinkt. Aber dass mit „offenbar“ jegliche Art von Vermutung verbreitet werden kann, ohne belastbare Fakten, ist leider zu einem alltäglichen Phänomen geworden. Was bei den Ermittlungen von Polizei und Staatsanwaltschaft herausgekommen ist, fasst die Mitteldeutsche Zeitung am selben Abend anhand der dann vorliegenden Informationen kurz und prägnant zusammen:

Falscher Alarm: Keine Hinweise auf Anschlag in Eisenhüttenstadt gefunden. […] In der Wohnung des 27-jährigen seien lediglich zwei Böller gefunden worden. Der Mann gelte als „psychisch nicht gefestigt“.

Inzwischen hat sich die Geschichte weiterentwickelt. Der Tatverdächtige wurde zunächst freigelassen, dann aber erneut festgenommen. Diese Entwicklung darf dennoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass die anfänglichen Spekulationen ungerechtfertigt waren – und der Einsatz von „offenbar“ nur dem Ziel diente, einen Sachstand zu suggerieren, der zu dem Zeitpunkt durch nichts gedeckt war.

Absurd wird es, wenn eigene Recherchen vorgelegt werden und trotzdem „offenbar“ verwendet wird. Traut man seinen eigenen Informationen nicht? Ist die Geschichte doch nicht so wasserdicht? Der Rechercheverbund von WDR, NDR und Süddeutscher Zeitung veröffentlicht seine Ergebnisse zur Manipulation von Abgaswerten bei VW und titelt:

VW hat offenbar auch in Europa manipuliert.

Im Artikel folgen die Rechercheergebnisse und die daraus folgenden Schlüsse. Wozu dient der Einsatz von „offenbar“? Eine Erklärung könnten Selbstzweifel sein, weil Kollegen ganz persönlich auf Nummer Sicher gehen möchten – nach dem Motto:

Na, ich weiß ja nicht. Ist zwar unser eigenes Haus – aber ich sichere mich lieber ab und schreibe ein „offenbar“ rein. Sonst krieg ich vielleicht ja Ärger.

Das ist eine journalistische Haltung, die zu denken gibt: Wer seinen eigenen Kollegen nicht mehr traut, der müsste konsequenterweise in sämtlichen Meldungen „offenbar“ verwenden. Und wer seine journalistische Überzeugung bei einer Recherche aus dem eigenen Haus so hintenan stellt, muss unter einem inneren Druck stehen, der von Zweifeln an der eigenen Kompetenz zeugt.

Dabei lässt sich „offenbar“ so einfach vermeiden, weil es treffendere Formulierungen gibt. Und die sorgen sogar für mehr Transparenz.

Zurück zum Beispiel aus Eisenhüttenstadt, bei dem in ersten Meldungen „offenbar“ ein Terroranschlag vereitelt wurde. Warum nicht einfach entlang der Fakten berichten?

  • In Eisenhüttenstadt ist ein Mann unter Terrorismusverdacht festgenommen worden.
  • Die Polizei in Eisenhüttenstadt geht einem Terrorismusverdacht nach.
  • In Eisenhüttenstadt hat die Polizei die Wohnung eines Terrorismus-Verdächtigen durchsucht.

Zurück zum Beispiel der Recherchen zu Volkswagen, wo „offenbar“ auch in Europa manipuliert wurde. Warum nicht einfach entlang der Fakten berichten?

  • Volkswagen hat unseren Recherchen zufolge auch in Europa manipuliert.
  • Nach Informationen von WDR, NDR und SZ ist der Betrug mit Abgaswerten bei Volkswagen größer, als bisher bekannt.
  • Uns liegen Informationen über manipulierte Abgaswerte bei Volkswagen vor – und zwar für Fahrzeuge, die in Europa verkauft wurden.

In allen Fällen ist „offenbar“ nicht notwendig. Würde der Begriff nur dort verwendet, wo er wirklich gebraucht wird – wie im ersten Beispiel – dann wäre der wirkliche Zweck einer solchen Einschränkung wieder erreicht.

Wilde Spekulationen zu verschleiern oder persönliche Zweifel zu verpacken – dafür lässt sich „offenbar“ gut benutzen. Nur mit Journalismus hat es dann nichts mehr zu tun.

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Über udostiehl

Redakteur und Sprecher

5 Kommentare zu “Was ist hier eigentlich offenbar?

  1. stephan.lochner@gmail.com sagt:

    Ich halte das Wort „offenbar“ gänzlich ungeeignet für Nachrichten. Weil nicht mehr klar ist, was damit gemeint ist. Ursprünglich bedeutete „offenbar“ , dass ein Fakt zweifelsfrei gesichert ist. Irgendwann hat sich dann – ausgerechnet im Journalismus – die Unsitte durchgesetzt, mit „offenbar“ genau das Gegenteil zu meinen: Nämlich, dass sich etwas eben nicht zweifelsfrei so verhält, sondern nur scheinbar, anscheinend, angeblich. Ich plädiere leidenschaftlich dafür, genau diese Wörter zu nutzen: angeblich, anscheinend, scheinbar.

  2. […] „… offenbar …“ Mit diesem Wort lässt sich alles als Meldung verkaufen. Sind die Tatsachen hinterher doch andere? Macht nichts, war ja nur offenbar so. Das macht den Einsatz dieser Formulierung so gefährlich für die Glaubwürdigkeit von Nachrichten… argumentiert Udo Stiehl (20.8.  2016) auf seinem Blog. […]

  3. Dominic Zander sagt:

    Zur Wortbedeutung: „offenbar“ als Adverb benutzt heißt „wie es scheint“. Als Adjektiv allerdings „klar ersichtlich/offensichtlich“.

    Wurde also „offenbar ein Terrorakt verhindert“, so macht erstmal nur den Anschein. Wir aber die Terrorgefahr offenbar, so erkennt sie jeder 😉

  4. Karl-Friedrich sagt:

    Ich stimme Faouzi tendenziell zu, gehe aber noch einen Schritt weiter: „Offenbar“ ist nicht zweideutig, sondern eindeutig. Das Wort bedeutet das Gleiche wie „offensichtlich“, „auf den ersten Blick erkennbar“. Wenn ein Journalist „möglicherweise“ oder „kann sein“ meint, dann soll er „möglicherweise“ oder „kann sein“ schreiben/sagen.

  5. Faouzi sagt:

    Wäre hier nicht zumindest ein Hinweis angebracht, dass das Wort „offenbar“ schon wegen seiner Doppeldeutigkeit (schließlich beschreibt es als Adjektiv etwas, das für alle sichtbar, also unzweifelhaft ist) ungeeignet für Nachrichtenüberschriften ist?
    Ich finde es jedenfalls höchst unglücklich, es zu benutzen, wenn man eigentlich „könnte sein“ oder „wir wissen es doch auch nicht so genau“ meint …

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