Ist das zu viel des Trump? Nein.

„Muss wirklich jeder Schritt des neuen amerikanischen Präsidenten auseinandergenommen werden?“ Dieses Zitat aus der Emder Zeitung begegnete mir vor Kurzem im DLF beim Zusammenstellen der Presseschau. Der Kommentator beantwortete das mit „Doch! Es muss!“ – und er hat Recht. Die Veränderungen in der US-amerikanischen Politik sind so gravierend, dass sie mit den üblichen Mitteln in Nachrichten kaum darstellbar sind.

Zuvorderst steht eine Faktencheck-Routine, die bisher zumindest für öffentliche Erklärungen aus der US-Administration nicht immer geboten war. Natürlich vertritt der Sprecher des Weißen Hauses die Interessen der Regierung und versucht, negative Eindrücke zu vermeiden, die Arbeit des Präsidenten vorteilhaft darzustellen und von sich aus keinen Stoff zu bieten, der die Führung des Landes schlecht aussehen lässt. Das kennen wir. Und die Kollegen, die – zum Teil seit Jahrzehnten – an diesen Pressekonferenzen teilnehmen, wissen das auch. Entsprechend lesen sie aus den Worten des Sprechers und stellen Nachfragen. Spätestens, wenn in den Antworten „herumgeiert“ wurde, war klar: Da müssen wir nochmal recherchieren.

Das hat sich geändert. Der neue Sprecher im Weißen Haus, Spicer, schert sich nicht um saubere Informationen und verzichtet auf mehr oder minder elegante Tricks, manche Information wegzulassen, solange nicht explizit danach gefragt wird. In der Ära Trump wird schlicht und einfach gelogen, wenn es geboten erscheint. Die Beispiele der Besuchszahlen bei der Amtseinführung von Trump als US-Präsident oder die Wortklauberei, ob es sich bei der jüngsten Einreiseverordnung um einen „Bann“ handelt (Zitat Trump) oder es „kein Bann“ ist (Zitat Spicer), sind bekannt.

Das hat zwei Auswirkungen auf die nachrichtliche Berichterstattung. Eine umkommentierte Live-Übertragung solcher Pressekonferenzen birgt das Risiko, dass falsche Informationen ungefiltert und vor allem ungeprüft über den Sender gehen. Und es fordert die Zuschauer, Hörer und Leser heraus, Geduld aufzubringen. Denn die Überprüfung des Gesagten in der Pressekonferenz des Weißen Hauses funktioniert nicht binnen Sekunden. Die Kollegen im Raum können sicher schon einiges durch Nachfragen (so sie denn zugelassen werden) eingrenzen. Alles auf einen Schlag lässt sich aber kaum überprüfen.

In der Konsequenz ist es dringend geboten, diesen neuen Mechanismus dem Publikum zu erläutern und klarzumachen, dass saubere journalistische Arbeit länger dauert als bisher. Es gibt keinerlei Grund für einen Vertrauensvorschuss mehr. Die Washington Post macht vor, wie das – sogar in Kurzform – möglich ist:

Hinzu kommen neue Kommunikationswege von Donald Trump. Er verzichtet in vielen Fällen auf offizielle Presseinformationen und schickt selbst seine Statements in die Welt. Via Twitter und Facebook schreibt er, was ihn gerade umtreibt und teilt auch gern gegen Medien aus, die nicht in seinem Sinne berichten. Dagegen ist nach meiner Ansicht nichts einzuwenden. Auch der Präsident der Vereinigten Staaten darf sich in seiner Meinungsfreiheit austoben. Und weil er sich ausgesprochen bewusst über die Reichweite seiner Tweets und Posts ist, sollten wir das nicht als „persönliches Gehabe“ von Donald Trump abtun, sondern mit professioneller Sichtweise daraus die Konsequenz ziehen:

Auch Äußerungen via Twitter und Facebook sind Mitteilungen an die Öffentlichkeit – und zwar genauso, wie Pressekonferenzen oder Statements vor der Kamera. Die Pressemitteilung ist dann eben nicht mehr gedruckt, sondern getwittert bzw. gefacebooked. Also sollten wir entsprechend damit umgehen. Letztlich ist es also auch auf Dauer nicht mehr erwähnenswert, ob sich Trump nun elektronisch äußerte, oder es „klassisch“ vor einem Mikrofon von ihm oder über einen Sprecher verbreitet wurde. Übrigens hat auch der ehemalige finnische Premierminister Alexander Stubb in seiner Amtszeit reichlich getwittert und Statements abgegeben. Er allerdings nutzte den Twitterkanal auch zur konstruktiven Diskussion mit seinen Bürgern.

Ebenfalls problematisch für die Berichterstattung ist der Ton von Donald Trump. Es ist eben nicht der in der Politik übliche Stil der diplomatisch gewählten Worte, zwischen deren Zeilen man zu lesen vermögen musste. Es ist ein emotionaler und zum Teil provozierender Lärm, aus dem die politische Botschaft erst einmal herausgelesen werden muss. Wie gehen wir nachrichtlich mit so einer Aussage um?

Wie oben schon erwähnt, nach dem Faktencheck wird klar: Es geht gar nicht um „illegale Immigranten“, wie es Trump suggeriert, es geht um Flüchtlinge. Und wie zitieren wir ihn nun? Das direkte wörtliche Zitat würde seine Falschaussage weiterverbreiten. Bleiben also nur noch Konstruktionen wie

„… Flüchtlinge, die Trump als ‘illegale Immigranten‘ bezeichnete…“

oder

„… sieht in den Flüchtlingen ‚illegale Immigranten’…“

Wie auch immer: Das einfache wörtliche Zitat ist nicht mehr möglich ohne eine Einordnung, um nachrichtlich sauber zu berichten. Daran sollten wir uns gewöhnen.

Das hat nichts mit Aktivismus zu tun. Dieser Vorwurf, nun mit allen Möglichkeiten das Verhalten des neuen US-Präsidenten schlecht darzustellen, weil er persönlich „nicht schmeckt“, darf keine Nahrung erhalten und dürfte bei einem professionellen Ansatz auch nicht funktionieren. Die Fakten zu berichten und sie zum Verständnis einzuordnen, ist nun wahrlich keine neue Erfindung, sondern klassisches journalistisches Handwerk. Nur: Im Fall Trump lässt sich für die Verschwörungstheoretiker und „Lügenpresse“-Rufer ein besonders leichtes Bild zeichnen. Und das wird weidlich ausgenutzt, um unabhängige Berichterstattung zu diskreditieren.

Davon sollten wir uns aber nun wirklich nicht treiben lassen. Es dauert vielleicht jetzt etwas länger, bis ein ausgewogener und verlässlicher Artikel geschrieben ist, oder ein entsprechender Fernseh- oder Hörfunkbeitrag. Das kostet Zeit und Kraft. Aber das dürfen unsere Zuschauer, Hörer und Leser wohl auch erwarten von uns. Trump fordert uns heraus. Das kann er haben.

 

(Bild: Screenshot „thewhitehouse.gov“)

 

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Über udostiehl

Redakteur und Sprecher

2 Kommentare zu “Ist das zu viel des Trump? Nein.

  1. Walter sagt:

    Sie sollten an alle die gleichen Maßstäbe anlegen, ansonsten kann man den Text nicht ernst nehmen. Also bitte: Nehmen Sie auch jeden Schritt von Angela Merkel, Martin Schulz dem französischen, holländischen, spanischen, usw. Staatspräsidenten „auseinander“……auch da werden Sie verdammt viel Dreck finden.

  2. coolray sagt:

    Trump ist kein Präsident. Er meint scheinbar er leitet immer noch eine seiner Firmen. Das er mit einem Tweet schwere Konflikte ausläsen kann, scheint er vollkommen auszublenden (seine Wähler übrigens auch). Das durch ein Wort sogar ein Krieg ausgelöste werden kann, und sei es nur ein Handels oder Währungskrieg. Ausserdem ist es nicht gerade förderlich , wenn der Präsident der USA wie ein kleiner verszogener Junge reagiert, wenn man ihn kritisiert. Und wie ich das sehe, wird sich das auch nicht mehr ändern. Seine Wählern und Anhänger werden bald merken das er nur die Reichen und Mächtigen wieder great machen wird, aber nicht sie.

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