Ungewollte Kameraderie und Kumpelei

Na, wie viele Kameraden haben Sie? Auch wenn Sie kein Feuerwehrmann sind, haben sie bestimmt Kameraden. Oder auch Kumpel. Je nachdem, welche Zeitung Sie lesen oder welchen Radiosender Sie hören. Da ist es immer wieder zu lesen und zu hören.

Diese Kameraden hier löschten einen brennenden Bagger.  Kameraden verpasst auch Radio Dresden seinen Hörern:

„Die Kameraden löschten den Brand. Danach mussten die Kameraden weiter zur JVA am Hammerweg.“

Dass unsere Kameraden nicht nur Feuer löschen, erfährt der Leser der Westfälischen Nachrichten sogar in der Headline: 

Kameraden löschten Wissensdurst“

Landauf, landab treffen sich Anfang des Jahres die Freiwilligen Feuerwehren zu ihren Jahresversammlungen. Alles Kameraden, und so mancher Lokaljournalist fühlt sich schnell einbezogen in die blauberockte Runde (Achtung: Blauröcke – absolut verpöntes und trotzdem weit verbreitetes Wort).

Da wird im Text eine Kameraderie aufgebaut, die so gar nicht existiert. Für den Nicht-Feuerwehr-Leser sind die Kameraden nämlich gar keine Kameraden. Aber mancher Redakteur vergisst offensichtlich, wer sein Adressat ist. Natürlich auch die Feuerwehrleute, aber eben nicht die allein, sondern die ganze Leserschaft.

Deshalb gehört der Kamerad durch den Feuerwehrmann oder die Feuerwehrfrau ersetzt. Neutral wie es sich gehört. Und das ist auch zu übersetzen, wenn Kommunalpolitiker über die Kameraden reden. Die benutzen das Wort gerne, um ihre Verbundenheit zu ihrer Feuerwehr auszudrücken. Lassen wir der Feuerwehr ihre Kameraderie. Aber in Nachrichtentexten haben die Kameraden nichts zu suchen.

Genauso wenig übrigens wie die Kollegen. Die rutschen gelegentlich direkt von der Pressemitteilung ins Manuskript – besonders häufig, wenn über Gewerkschaften und ihre Veranstaltungen berichtet wird. Natürlich meldet die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft in ihrer verbandsüblichen Sprache:

„Der 27. Gewerkschaftstag der GEW hat einen neuen Geschäftsführenden Bundesvorstand gewählt. Dabei sind fünf neue Kolleginnen und Kollegen in den Vorstand gerückt.“

In der Redaktion darf das so nicht stehen gelassen werden. Es handelt sich – neutral formuliert – um Mitglieder oder Delegierte.

Und – nicht zu vergessen – die Kumpel. Kommt das Thema Bergbau auf, wird für den Bergmann gerne der Kumpel als Synonym verwendet. Wie beispielsweise von der im Ruhrgebiet erscheinenden WAZ:

„Das Geld wollen die Kumpel in die Ausgestaltung ihres Bergwerksmuseums stecken, der (sic!) im hinteren Teil des Bunkers entsteht.“

 Seien es Kameraden, Kollegen oder Kumpel – diese Begriffe sind in einer nachrichtlichen Berichterstattung nicht angebracht. Wie überhaupt alles, was eine Beziehung zum Leser suggeriert, die gar nicht da ist.

(Bild: Susanne Peyronnet)

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Ein Kommentar zu “Ungewollte Kameraderie und Kumpelei

  1. Sven Müller sagt:

    Für ‚Kollege‘ und ‚Kamerad‘ leuchtet mit das sofort ein. Beim ‚Kumpel‘ vermute ich dagegen, dass die Kernleserschaft der WAZ hier im Ruhrgebiet überwiegend die fachsprachliche, aber eben nicht kameradschaftlich konnotierte Bedeutung „Bergmann“ assoziiert. Aber gut, auch das ist natürlich nicht nachrichtlich neutral formuliert, sondern eine „interne“ Bezeichnung. Mist, ich merke gerade, dass ich da nciht unbefangen bin…

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